Exakt 20 Jahre nach «Eiger Live»

Grindelwald

Vier Namen, die vor 20 Jahren alpine Fernsehgeschichte schrieben, trafen sich am Montag am Eiger, diesmal ohne Kletterausrüstung: Ralf Dujmovits, Evelyne Binsack, Stephan Siegrist und Hansruedi Gertsch.

Damals (auf dem Tablet) und heute: Von links Ralf Dujmovits, Evelyne Binsack, Stephan Siegrist und Hansruedi Gertsch.

Damals (auf dem Tablet) und heute: Von links Ralf Dujmovits, Evelyne Binsack, Stephan Siegrist und Hansruedi Gertsch.

(Bild: Bruno Petroni)

Bruno Petroni

«Irgendwie hab ich mich vor 20 Jahren um diese Zeit sportlicher gefühlt als heute»: dies der spassige Kommentar von Evelyne Binsack gestern kurz vor halb zwölf mittags beim Verlassen der Jungfraubahn-Komposition bei der Station Eigernordwand.

Verständlich, hing die heute 52-jährige Bergführerin doch auf die Stunde genau vor 20 Jahren gemeinsam mit ihren drei männlichen Berufskollegen nur wenige Dutzend Meter weiter westlich und jenseits der schützenden Glasscheiben in der senkrechten Eigernordwand – während zweier Tage rund um die Uhr im Fokus von dreizehn stationären und nochmals so vielen mobilen Kameras des Schweizer Fernsehens. Ihre Kameraden, das sind Stephan Siegrist (46), der Schwarzwälder Ralf Dujmovits (57) und der einheimische Hansruedi Gertsch (52).

Vor Millionenpublikum

Letzterer gab den geladenen vierzig Gästen beim gestrigen Jubiläumstreffen in der Station Eigernordwand gleich einen kurzen Weiterbildungsunterricht in Sachen Eiger und erinnerte sich an die Livebesteigung des Eigers über die Heckmair-Route am 9. und 10. September 1999: «Wir haben quasi das Sofabergsteigen erfunden, denn erstmals musste sich das Publikum nicht zur Kleinen Scheidegg hinaufbemühen und mit einem Fernrohr die Nordwand absuchen, um Alpinisten auf ihrem Weg nach oben zu beobachten.»

Das Quartett am 10. September 1999 auf dem Gipfelgrat. Foto: PD

Zwei Tage lang verfolgten permanent mehr als 250'000 Zuschauer die Livebesteigung am TV – zu den abendlichen Spitzenzeiten wuchs das Publikum gar auf mehr als eine Million Personen an.

«Respekt ist gesunken»

Wie hat sich die alpine Gesellschaft in den 20 Jahren seit «Eiger Live» eigentlich gewandelt? Der Ringgenberger Spitzenalpinist Stephan Siegrist spricht dazu Klartext: «Der Respekt vor den Bergen ist teilweise auf ein bedenklich tiefes Niveau gesunken. Da übersäen gewisse Leute den rechten Wandteil über neue kurze Routen einfach mit Bohrhaken oder kreuzen bestehende Routen mehrmals, um auf den Social Medias möglichst viele Likes zu bekommen – selbst im Toprope hängend.»

Früher hätten die Alpinisten mit langen Hakenabständen den alpinen Charakter einer neuen Route noch aufrechterhalten. «Heute spielt meist nur noch die Selbstdarstellung und -inszenierung eine wichtige Rolle – der alpine Charakter eines Bergs oder einer Kletterroute ist völlig unwichtig. Es wäre schön, wenn sich Neuerschliesser dem Charakter von bestehenden Routen angleichen. Ansonsten verkommt der Eiger bald zu einem Jekami-Berg.»

Bekannter als die Jungfrau

Apropos Eiger: Jungfraubahn-Direktor Urs Kessler wusste der Festgemeinde zu berichten, dass international zwar die Jungfrau der bekannteste Berg der Region sei – in Japan hingegen sei es genau umgekehrt: «Dank der Erstbegehung der Nordwand in einer direkten Direttissima durch eine japanische Seilschaft 1969 hat der Eiger im Land der aufgehenden Sonne eine viel grössere Popularität als die Jungfrau.»

Der Grindelwalder Bergführer Godi Egger, der schon vor 20 Jahren zusammen mit seinen Kollegen des Bergführervereins für die Organisation von «Eiger Live» verantwortlich war, stellte auch das zwei Tage dauernde 20-Jahr-Jubiläum-Fest auf die Beine.

Nicht weniger als 90 Personen – die Hälfte davon am «Eiger Live» beteiligte Bergführer mit ihren Ehefrauen sowie Vertreter des Schweizer Fernsehens waren an der von der Jungfraubahn, der Einwohnergemeinde und Grindelwald Tourismus gesponserten Feier bereits am Sonntagabend im Bergrestaurant Männlichen dabei.

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