Zum Hauptinhalt springen

Er hat den Eiger geröntgt

Uniprofessor Fritz Schlunegger kann dank der Messung kosmischer Strahlen beweisen, warum sich die Eigernordwand anders abbaut als andere Berge.

Fritz Schlunegger vor «seinem» Eiger: Mithilfe kosmischer Strahlen – sogenannter Myonen – kann der Uniprofessor in den Berg hineinschauen. Dabei stellt er fest, dass der Eiger nicht in Bergstürzen zerfällt, sondern in vereinzelten Steinschlägen.
Fritz Schlunegger vor «seinem» Eiger: Mithilfe kosmischer Strahlen – sogenannter Myonen – kann der Uniprofessor in den Berg hineinschauen. Dabei stellt er fest, dass der Eiger nicht in Bergstürzen zerfällt, sondern in vereinzelten Steinschlägen.
Bruno Petroni

Eigentlich ist er gebürtiger Grindelwalder. Einer, der seit Jahren im Mittelland lebt. In Biel. Weit weg vom Eiger. Und trotzdem beschäftigt sich Fritz Schlunegger intensiv mit seinem ehemaligen Hausberg. Jetzt wartet der Professor für Exogene Geologie an der Universität Bern gar mit einer weltweit neuen Methode auf, Berge in ihrem Entstehungs- und Zerfallsprozess zu beobachten.

Fritz Schlunegger wollte schon immer der Tatsache auf den Grund gehen, wie Gletscher die Landschaft formen und warum der Eiger und andere Nordwände wie Matterhorn oder Grandes Jorasses nicht von einem grossen Schuttkegel umgeben sind wie beispielsweise bei den Zinnen der Dolomiten.

Schlunegger und sein wissenschaftliches Team haben im neun Kilometer langen Tunnel der Jungfraubahn und dessen Nischen insgesamt sechs beschichtete Platten installiert, mit welchen sie sogenannte Myonen auffangen konnten. Auch rund um den Berg stehen mehrere Messpunkte, die von Schluneggers Mitarbeiter, dem österreichischen Doktoranden David Mayr, angebracht wurden.

Bei Myonen handelt es sich um einen Hauptbestandteil der sekundären hochenergetischen kosmischen Strahlung aus dem Weltall, welche durch Reaktionen der eigentlichen kosmischen Strahlung mit Atomkernen der oberen Atmosphäre entsteht. Die meisten Myonen entstehen in der Höhe von etwa zehn Kilometern.

100 Einschläge pro Sekunde

«Pro Tag messen wir auf einer Fläche von einem Quadratmeter im Durchschnitt hundert Myoneneinschläge pro Sekunde», erklärt Fritz Schlunegger. Und: «Anhand dieser Spuren lässt sich die Erosion eines Berges über viele Jahrtausende genauestens berechnen.» Solche Untersuchungen machte das Geologenteam im Ursprungsbereich von Gletschern.

Typisches Beispiel einer Karmuldenform: Der Iffigsee. Rechts oben die steile Nordwand des Schnidehorns. Bild: Bruno Petroni

Hier kann Fritz Schlunegger von einer Neuentdeckung berichten: «Mit der Myonen-Messmethode sehen wir jetzt auch, dass die Gletscher zuhinterst bergseitig den Fels abraspeln und so nach und nach übersteilen.

So bilden sich die mächtigen Karmulden, wie wir sie bei sehr vielen Bergseen sehen können.» In der Tat ragt bei den meisten Bergseen die Flanke einer Exposition steil in Richtung eines Gipfels oder Passes hinauf. Neu ist auch die Erkenntnis, «dass diese Röntgentechnologie auch in Gebieten mit garstigen Bedingungen tadellos funktioniert».

Das langsame Zerbröseln

Dank des Einflusses der kosmischen Strahlung konnte das Forscherteam auch die Erosion der Eigernordwand erklären. Diese hinterlässt ihre Spuren nämlich auf der Felswand und damit auch auf der Eigernordwand.

Damit kann der 53-jährige Uniprofessor jetzt belegen, was Einheimische und Bergführer schon lange vermutet hatten: dass die Eigernordwand zwar gleich schnell abgetragen wird wie alle anderen Berge auch; jedoch nicht etwa durch Bergstürze, sondern in Form von kleinen, faustgrossen Steinschlägen, die bei wärmeren Temperaturen pausenlos hinabstürzen.

Und so könne sich am Fusse der Nordwand eben auch keine Geröllschürze bilden, so Schlunegger. Den Grund für diesen andersartigen Zerfall findet er in der Gesteinsart. «Der Eiger besteht zwar auch aus Kalk, allerdings aus weit weniger massigem Kalk als etwa der Jura oder die Dolomiten.

Die Schichtungen sind anders. Die Nordwand ist nicht eine grosse Masse, sondern komplett zersplittert. Sie bröselt langsam vor sich her. Dabei sprechen wir von einem Zeitrahmen von vielen Hunderttausend Jahren.» Zum Schluss will Fritz Schlunegger noch einen grossen Dank loswerden: «Die Jungfraubahn hat uns bei unserem Projekt stets unkompliziert unterstützt. Vielen Dank!»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch