Das Palace-Hotel wurde zu einem Schnäppchenpreis verkauft

Mürren

Das Konkursamt Oberland muss Details zum Verkauf des Palace-Hotels offenlegen. Die Besitzerin, die Palace Avenir AG, nutzt die Publicity, um ihre Zukunftspläne für das Haus bekannt zu machen.

  • loading indicator
Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Peter Wirth ergriff die günstige Gelegenheit, öffentlich über die ambitionierten Zukunftspläne für das Palace-Hotel in Mürren zu reden. Der frühere Industriemanager ist Verwaltungsratspräsident der Palace Avenir AG, einer Gruppierung einheimischer Player, die das frühere Luxushotel im letzten November dem Konkursamt abgekauft hat. Die Möglichkeit zur Stellungnahme verdankt Wirth dem Regionaljournal von Radio SRF. Dieses hat sich nämlich beim Obergericht des Kantons Bern die Einsicht in die Details des Hotelkaufs vom November erstritten. Am Mittwochmorgen hat es darüber informiert.

Hinter den Fragen, die das Regionaljournal stellte, steht der Verdacht, das Hotel sei zu einem Schnäppchenpreis von einer Oberländer Lobby erworben worden – zum Schaden des Kantons Bern. Die kurze Vorgeschichte: Das Berner Oberländer Konkursamt versuchte im letzten Juli das bankrotte Hotel für mindestens 1 Million Franken zu versteigern. Erfolglos, kein Bieter tauchte auf. Im November überliess das Konkursamt die Immobilie dann der Palace Avenir AG in einem Freihandverkauf.

351'000 Franken für das Hotel

Peter Wirth gibt auf Anfrage auch dieser Zeitung die genauen Zahlen des Verkaufs bekannt: Die Avenir AG habe dem Konkursamt im November 351'000 Franken für das Gebäude und 45'000 Franken für das Inventar bezahlt. Wirth bestätigt auch, dass es beim Kauf keinen ernsthaften Konkurrenzanbieter gegeben habe, obwohl das Konkursamt nach solchen Ausschau gehalten habe. Alle geprellten Gläubiger des Palace-Konkurses gehen also leer aus. Und der Kanton hat weniger als die Hälfte der Million erhalten, die der Konkursverwalter zur Deckung der kantonalen Verluste ursprünglich gefordert hatte.

«In unseren Augen entspricht die Kaufsumme einem gutschweizerischen Kompromiss», verteidigt sich Wirth. Er legt noch eine weitere Zahl auf den Tisch: 1,7 Millionen Franken habe die Avenir AG vorher schon hingeblättert, um englischen Timeshare-Besitzern eine Nutzniessung des Palace-Hotels abzukaufen, die eine Sanierung auf Jahre hinaus verunmöglicht hätte. «Wir haben mit diesem Betrag die verfahrene Lage des Palace überhaupt erst deblockiert», sagt Wirth. Auch in den provisorischen Betrieb als Pop-up-Hotel habe man seit 2018 schon 250'000 Franken investiert.

Man sei auch nicht verantwortlich dafür, dass die frühere kasachische Besitzerin Svetlana Kan und ihr Berner Anwalt die Wiederbelebung des Hotels mit Klagen jahrelang blockiert hätten, sagt Wirth. Während fast zehn Jahren stand das einst illustre, dann in die Krise geratene Luxushotel wegen eines verworrenen Durcheinanders von Gier, Konkurs und Rechtshändeln leer. Jährlich liefen für das kantonale Konkursamt Unterhaltskosten von über 100'000 Franken auf. 

Saal als Kongresszentrum

Noch hat die neue Besitzerin keinen Investor für das Hotel gesucht. Seit sie es im November kaufen konnte, arbeitet die Palace Avenir AG vorerst an einer Nutzungsstudie, die im Winter in einer ersten Fassung vorliegen soll. Ein Investor, so die Erwartung der AG, soll dann im Sinne dieser Studie vorgehen. Peter Wirth kann schon Basisziele der Studie nennen: Die künftigen Beherbergungsbetriebe sollen jährlich mindestens 15'000 Übernachtungen von sportaffinen Feriengästen generieren. Das wäre ein Zehntel der Übernachtungen im ganzen Dorf Mürren.

Punkt zwei: Der denkmalgeschützte Palace-Saal soll zu einem kleinen Event- und Kongresszentrum mit eigenem Zugang für 200 bis 300 Gäste umfunktioniert werden. Der Avenir AG schwebt ein gemeinwirtschaftlicher Betrieb vor, der allenfalls mit Mitteln aus den Kurtaxen subventioniert würde. Schliesslich würde Mürrens grösster Saal dann nicht nur Palace-Gästen zugutekommen, sagt Wirth.

Für die Betriebskonzepte präsentiert Wirth ein erstes Denkmodell. Im Hotelgebäude mit heute 45 Zimmern sollen 35 grössere Suiten oder Appartements im oberen Preissegment entstehen. Dafür wäre eine Aufstockung des Hauses über dem Palace-Saal nötig. Die Avenir AG plant ein Garni-Hotel mit Frühstücksinfrastruktur. Ein Hotelrestaurant soll es laut Peter Wirth aber nicht mehr geben. Allerdings auch keine Kochgelegenheiten in den Zimmern. Das Palace soll den Wellnessbereich des bestehenden Sportzentrums nutzen. 

40 Low-Budget-Zimmer 

Die neuste Idee der Avenir AG: Aus dem Personalhaus soll eine Low-Budget-Unterkunft mit Gemeinschaftsbad und -küche für Sportvereine oder Junge und Junggebliebene werden. Auch hier denkt die Palace-Besitzerin an eine Aufstockung des Hauses. Sie soll es möglich machen, 40 günstige Zimmer mit 80 Betten anzubieten. Das Palace-Ensemble würde gemäss dieser Kalkulation nicht bloss im oberen Segment, sondern auch im Low-Budget-Bereich je 10'000 Übernachtungen generieren. 

Für die Realisierung ihrer hochgesteckten Ziele braucht die Palace Avenir AG nur noch einen Investor oder einen Generalunternehmer sowie die Genehmigungen für allfällige Bauprojekte und Zonenplanänderungen. Peter Wirth ist optimistisch. Man fühle sich von der Gemeinde Lauterbrunnen unterstützt, und man habe mit dem Regierungsstatthalter schon Vorabklärungen gemacht. Bleibt nur noch die Frage nach den Kosten. Die könne er noch nicht exakt beziffern, sagt Wirth. Sie dürften aber unter den 20 Millionen Franken liegen. Davon sei man für die Renovation als klassisches Viersternhotel ausgegangen. 

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt