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Die Lebensretterin

Claudia Hausheer aus Oberried am Brienzersee engagiert sich als First Responder. Wenn jemand einen Herznotfall hat, ist sie oft als erste Helferin zur Stelle.

Einsatzbereit: Claudia Hausheer in Leuchtweste mit Erste-Hilfe-Box.
Einsatzbereit: Claudia Hausheer in Leuchtweste mit Erste-Hilfe-Box.
Christian Pfander

Es ist mitten in der Nacht. Claudia Hausheer und ihr Mann schlafen. Auch die zwei Söhne sind im Bett. Plötzlich ertönt ein Alarm auf ihrem Handy, sie schreckt auf, tastet nach dem Gerät und liest mit zusammengekniffenen Augen den Text «Oberried: Herz-Kreislauf-Stillstand». Im Nu kriecht sie aus dem Bett, zieht ihre Kleider an und steigt ins Auto.

Claudia Hausheer ist First Responder und sitzt, als sie über ihr freiwilliges Engagement erzählt, in einem Interlakner Café. First Responder sind ausgebildete Ersthelfer und betreuen Patienten, die zu Hause einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleiden. Sie überbrücken so die Zeit, die vergeht, bis der Rettungsdienst eintrifft. Aufgeboten wird Claudia Hausheer von der Alarmzentrale 144 in Bern. «Bestätige ich den Aufruf, bin ich verpflichtet zu gehen», so die 49-Jährige. Sie lebt in Oberried, von dort bis und mit Niederried erstreckt sich ihr Einsatzgebiet. Dass der Ursprung des First-Responder-Projekts, das 2010 vom Spital Thun lanciert wurde, in den Tälern des Berner Oberlands liege, erstaune nicht. «Gerade hier kann es lange dauern, bis die Ambulanz beim Patienten ist», weiss sie.

Bereit zur Abfahrt, bestätigt Claudia Hausheer den Einsatz ein zweites Mal. Eine Karte, die in diesem Moment auf dem Handybildschirm erscheint, zeigt ihr den Weg. Ab nun ist sie auf dem Radar der Alarmzentrale 144 zu sehen. «Von den Mitarbeitenden dort werde ich bei der Fahrt zum Einsatzort, falls nötig, unterstützt. So kontaktieren mich diese beispielsweise dann, wenn ich den Weg zum Einsatzort nicht auf Anhieb finden kann.»

Die gebürtige Deutsche ist gelernte Kauffrau. Seit über drei Jahrzehnten ist sie als Samariterin tätig. «Ich habe mich schon als Jugendliche in Deutschland im Samariterverein engagiert», erzählt sie. Als sie dann vor zwanzig Jahren wegen der Arbeit in die Schweiz gekommen und der Liebe wegen hiergeblieben ist, hat sie ihr freiwilliges Engagement weitergeführt und ausgebaut. Heute ist sie über das Jahr verteilt an zahlreichen Anlässen im Sanitätsdienst tätig und unterrichtet Samariter im lokalen Samariterverein sowie Laien in Erster Hilfe und Reanimation. Vor vier Jahren liess sie sich zum First Responder ausbilden (siehe Infobox). «Mir gefällt an der Zusammenarbeit mit anderen Rettungskräften, dass ich mein Wissen einsetzen und Menschen helfen kann. Ich trage wohl das typische Helfersyndrom in mir», meint sie. Geld erhält sie für dieses Engagement keines.

«Beim ersten Alarm ist mir vor Schreck das Handy aus der Hand gefallen.»

Claudia Hausheer, First Responder

Bis vor wenigen Monaten war sie die Einzige im Gebiet Oberried-Niederried – zusammen zählen die Gemeinden rund 820 Einwohner. Nun lassen sich zwei ihrer Freundinnen ausbilden. «Es tut gut, zu wissen, dass ich bei Notfällen nicht mehr allein bin.» Denn ein Alarm kann jederzeit eingehen. Früher habe sie das Handy immer bei sich getragen – aus Angst, einen Einsatz zu verpassen. «Als ich den Alarm das erste Mal gehört habe, ist mir das Adrenalin durch den Körper geschossen. Mir ist vor Schreck das Handy aus der Hand gefallen.» Heute reagiere sie gelassener. Ihren Söhnen hat sie gleichwohl verboten, dieselbe Melodie wie jene, die der Alarm hat, als Klingelton zu installieren. «Sonst bin ich permanent auf Nadeln.»

Am Einsatzort angekommen, steigt Claudia Hausheer aus dem Auto und zieht ihr gelbes, leuchtendes Gilet mit der Aufschrift First Responder an, das sie immer griffbereit im Fahrzeug hat. Sie klemmt sich die rot-weisse Erste-Hilfe-Box unter den Arm und eilt ins Haus zum Patienten. Dort schafft sich Claudia Hausheer einen Überblick, indem sie mit den am Einsatzort anwesenden Personen spricht. Danach leitet sie lebensrettende Massnahmen ein. Wenige Minuten später ertönt die Sirene der Ambulanz – die Rettungskräfte sind in Oberried angekommen. Sie übernehmen die Betreuung des Patienten, Claudia Hausheer unterstützt sie dabei und kümmert sich um die Angehörigen der betroffenen Person. Dieses Mal ist alles gut gegangen: Nachdem Claudia Hausheer und die Rettungskräfte den Patienten reanimiert haben, ist er wieder zu sich gekommen und ins Spital gebracht worden.

Dass ein Einsatz so gut endet, muss nicht immer so sein: In den bisher acht Einsätzen, die sie in ihrem Einsatzgebiet gehabt hat, ist es schon einmal passiert, dass jemand trotz den Reanimationsversuchen gestorben ist. «Hinterher ist es oftmals schwierig, mit so etwas umzugehen – gerade wie in diesem Fall, in dem ich die verstorbene Person gekannt habe.» Claudia Hausheer konnte den Einsatz damals im Anschluss mit dem zuständigen Team des Rettungsdiensts besprechen. «Das tat mir gut», sagt die erfahrene First-Responder-Frau. «Klar habe ich über die vielen Jahre eine Distanz und Professionalität entwickelt. Doch solche Schicksalsschläge lassen mich nicht kalt.»

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