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«Das bedeutet nicht das Ende der Welt»

Es ist das eine, über Gefühle für Gleichgeschlechtliche zu reden. Und das andere, sich öffentlich zu bekennen. Sunil Mann macht im neuen Jugendbuch «Totsch» Mut zum Coming-out.

Sunil Mann nimmt im Jugendbuch «Totsch» das Thema gleichgeschlechtliche Sexualität auf.
Sunil Mann nimmt im Jugendbuch «Totsch» das Thema gleichgeschlechtliche Sexualität auf.
PD

Letzthin sah ich im Berner Hauptbahnhof einen Rekruten, der seinen Freund vor der Zugabfahrt inniglich umarmte und küsste. Und kaum jemandem fiel das auf. Warum ist ein Coming-out für viele Junge, die sich zu Gleichgeschlechtlichen hingezogen fühlen, trotzdem schwierig?

Sunil Mann:Jugendlichen ist der Freundeskreis enorm wichtig. Es gibt dort feste Regeln, die bestimmen, was cool ist und was nicht, welche Kleider man trägt, welche Musik man hört, mit wem man verkehrt. Auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft kann das sehr hilfreich sein. Fällt man allerdings aus dem Muster, gehört man sehr schnell nicht mehr dazu. Für gleichgeschlechtlich empfindende Jugendliche kann das zu einer kaum überwindbaren Hürde werden, und es braucht meist enormen Mut, zu seinem eigenen Empfinden zu stehen. Hinzu kommen die Eltern, die in 99,9 Prozent aller Fälle von einem heterosexuellen Lebensentwurf ihrer Kinder ausgehen. Auf einen anderen bereitet einen in der Regel niemand vor.

Kann ihnen «Totsch», Ihr erstes Jugendbuch, helfen?

Das Buch «Totsch» kann zumindest aufzeigen, dass es nicht das Ende der Welt bedeutet, wenn ein Junge sich in einen Jungen verknallt. Doch grundsätzlich kommt diese Option in Jugendbüchern – auch als Nebenhandlung – viel zu selten vor.

Haben Sie schon erste Rückmeldungen von Jungen vernommen?

Bislang nur wenige, das Buch ist erst gerade erschienen. Aber die paar waren durchwegs positiv.

«Totsch» bedeutet ja, ungeschickt, verlegen, überfordert zu sein, aber auch, sich den Sehnsüchten hinzugeben – so ergeht es ja fast allen Jungverliebten, egal, zu wem man sich hingezogen fühlt...

Genau. Deshalb habe ich den Text auch so geschrieben, dass in den ersten Kapiteln nicht klar ist, wer genau erzählt, welches Geschlecht der Protagonist hat. Damit will ich zeigen, dass Sehnsucht und Begehren sich für alle ähnlich anfühlen, gerade in diesem Alter.

In «Totsch» fiebern wir mit dem jungen Olaf mit, der starke Gefühle für Jannick empfindet. Es geht fast ringer, als er selber gedacht hat. Doch dann folgt die grosse Enttäuschung, weil ihn Jannick im Zusammensein mit anderen ignoriert.

Es ist eine Sache, sich privat einer Person anzuvertrauen. Aber eine ganz andere, sich öffentlich zu bekennen. In diesem Fall spielt der eingangs erwähnte Gruppendruck eine massgebliche Rolle. Jannick will und kann vor seinen Kumpeln nicht zugeben, dass er den wegen seines Schwulseins verspotteten Olaf kennt und sogar mag. Etwas, das ihm später leidtut.

Olaf ist trotz seiner Dicklichkeit kein eingeschüchterter Junge, der sich nichts zu sagen getraut. Sie zeichnen ihn bewusst mit einem gesunden Selbstvertrauen und als einen, der auch mutig seinem Angebeteten aus einer Notsituation hilft und sich in Gefahr begibt.

Ich wollte nicht, dass Olaf ein Opfer ist. Wenn er aufs Dach kriegt, sei es von seiner Chefin oder den lokalen Drogendealern, ist in der Regel seine grosse Klappe schuld. Und ich wollte ihn auch nicht als Adonis zeichnen, wie das oft in Filmen zu diesem Thema vorkommt. Er ist kein Schönling, aber er fühlt sich wohl in seiner Haut und weiss, was er wert ist.

«Es wäre schön, wenn die sexuelle Ausrichtung irgendwann keine Rolle mehr spielen würde.»

Sunil Mann, Krimi-, Kinder- und Jugendbuchautor

Was sind Ihre Wünsche und Sehnsüchte hinsichtlich Toleranz und Akzeptanz in unserer Gesellschaft?

Es wäre schön, wenn die sexuelle Ausrichtung irgendwann keine Rolle mehr spielen würde. Wenn es komplett egal wäre, mit wem man händchenhaltend Runden auf dem Schulhof dreht und wen man zur familiären oder geschäftlichen Weihnachtsfeier mitbringt. Und wenn manche Leute einsehen würden, dass dumme oder abfällige Sprüche wehtun.

Sie haben in einer Medienmitteilung von Dabux.ch zum neuen Buch Ihrer Hoffnung Ausdruck gegeben, dass es auch als Klassenlektüre zum Einsatz kommt. Hatten Sie schon erste Reaktionen von Schulen und Lehrpersonen – mit konkreten Einladungen?

Dazu ist es noch zu früh. Aber da ich ziemlich viele Schullesungen mache, rechne ich damit, dass ab nächstem Jahr auch Lesungen aus dem Buch «Totsch» gebucht werden.

Glauben Sie, das Buch kann auch für pädagogische Zwecke seinen Beitrag leisten?

Zumindest könnte es eine Diskussion anregen. Betroffene Jugendliche wären sicher erleichtert, wenn das Thema nicht tabuisiert wird, den anderen würde es beim Verständnis helfen.

Dann kann man davon ausgehen, dass Sie auch Vorträge halten und an Diskussionen zu diesem Thema teilnehmen werden?

Selbstverständlich. Wenn ich das Thema schon aus eigenen Stücken aufgreife, stelle ich mich auch gern der Diskussion. Auch mit Leuten, die meine Ansichten nicht teilen.

Sunil Mann: «Totsch». 60 Seiten. Da-Bux-Verlag. ISBN 978-3-906876-13-9. Beim Verlag und in Buchhandlungen bestellbar.

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