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Alpine Nomaden zwischen Bangen und Zuversicht

Viel Arbeit, wenig Lohn – die Alpwirtschaft gilt als schwierige Branche. Auch in Zeiten der Globalisierung glauben die Älpler im Berner Oberland an die Zukunft und ­haben unlängst einen eigenen Verband gegründet.

Sommerlicher Sonnenaufgang auf der Alp Hohkien: Die Idylle ist mit viel Arbeit verbunden.
Sommerlicher Sonnenaufgang auf der Alp Hohkien: Die Idylle ist mit viel Arbeit verbunden.
zvg
Fritz von Känel in seinem Talbetrieb in Aeschiried.
Fritz von Känel in seinem Talbetrieb in Aeschiried.
Andreas Staeger
Wenn Fritz von Känel riesige Heuballen über die steilen Hänge der Alp Hohkien zu seinen Kühen trägt, dann fühlt er sich zu Hause.
Wenn Fritz von Känel riesige Heuballen über die steilen Hänge der Alp Hohkien zu seinen Kühen trägt, dann fühlt er sich zu Hause.
zvg
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Anfang Mai kommt dieses Ziehen in der Seele. Dann fährt Fritz von Känel nach der langen Winterpause zum ersten Mal wieder auf die Alp. Für ihn sei das immer der schönste Tag im Jahr, sagt er. Auf den Wiesen spriessen zarte Blüten und frisches Gras, während in schattigen Ecken noch letzte Schneereste liegen. Das Schmelzwasser lässt die Berg­bäche gewaltig anschwellen – riesige Wasserfälle donnern über die Felswände von Chilchflue und Drättehorn.

Von Känel bewirtschaftet die Alp Hohkien ganz hinten im Kiental. Sie umfasst eine Weidefläche von 2,2 Quadratkilometer und ist damit fast so gross wie die Gemeinde Oberhofen am Thunersee. Eine seiner ersten Arbeiten im Frühling ist das Aufrichten der Zäune. An die zwölf Kilo­meter festen Grenzzaun hat er ­instand zu stellen. Zu diesem Zweck muss er pro Jahr gut 400 Holzpfosten ersetzen.

Ein Leben zwischen Berg und Tal

Hohkien ist einer von rund 1500 Alpwirtschaftsbetrieben im Kanton Bern. Sömmerungsbetriebe – also landwirtschaftliche Betriebe, die einzig im Sommer bewirtschaftet werden – gibt es zwar auch im Emmental, im Schwar­zenburgerland und im Berner ­Jura, doch der grösste Teil von ­ihnen liegt im Berner Oberland. Gut 1100 sind es hier an der Zahl.

Die Menschen, die dort arbeiten, sind so etwas wie Nomaden: Im Frühsommer lassen sie ihre Wohnstätten im Tal hinter sich und ziehen mit ihrem Vieh und oft auch mit Tieren anderer Bauern auf die Alp, wo sie bis zum Herbst bleiben.

Auch dank Elektrizität Fortschritte erzielt

Um ihren Bedürfnissen und Interessen in der Öffentlichkeit eine Stimme zu geben, haben die Berner Älpler im November 2016 einen Verein gegründet: Alpwirtschaft Bern soll die Kräfte der Alpbewirtschafter im ganzen Kanton bündeln und ihre Anliegen auf politischer Ebene zur Sprache bringen (siehe Kasten). Als Präsident der jungen Organisation engagiert sich Fritz von Känel.

Die Älplerbranche hat in den letzten Jahrzehnten einen starken Wandel durchlebt. Von Känels Familie verbringt den Sommer seit 90 Jahren auf Hohkien. In dieser Zeit habe sich viel verändert. Um früher ein Dutzend Kühe von Hand zu melken, benötigten zwei Personen rund eine Stunde. «Mit dem Melkaggregat schafft heute eine einzige Person in der gleichen Zeit 30 Kühe.» Fortschritte gab es auch bei der Produktionstechnik: Einst musste man beim Käsen die Milch stundenlang von Hand rühren. «Heute gibt es dafür elektrische Rührwerke, teilweise wird die Milch sogar mit Dampf erhitzt.»

«Es ist wichtig, dass auch die betriebswirtschaftliche Rechnung stimmt, denn von Idealismus allein können wir Alpbewirtschafter nicht leben.»

Fritz von Känel, Alp Hohkien, Kiental

Andere Dinge sind dafür gleich geblieben. Hohkien liegt in teilweise steilem Gelände; der oberste Stafel ist auch heute nur zu Fuss erreichbar. Der Bau einer Zufahrt ist nicht möglich, eine Seilbahn liesse sich kaum finanzieren. «Für eine Familie ist die Bewirtschaftung einer solchen Alp mühsam», sagt von Känel. Wenn die Kinder klein seien, müsse man sie auf den Berg und wieder hinunter tragen. Für seinen Sohn, ebenfalls Bauer, sei Hohkien jedenfalls kein Thema.

«Sömmerungs­betriebe sind von der Qualität der Erschliessung abhängig.»

Martin Jutzeler, Ressortleiter Inforama

Solche Aussagen bekommt Martin Jutzeler öfter zu hören. Der Ressortleiter Beratung am Bildungs-, Beratungs- und Tagungszentrum Inforama Berner Oberland in Hondrich ist ein ausgewiesener Kenner der Alpwirtschaft im Kanton Bern. «Sömmerungsbetriebe sind von der Qualität der Erschliessung abhängig», bestätigt er.

Im Vergleich mit anderen Regionen sei die Situation im Kanton Bern zwar recht gut. Trotzdem müsse damit gerechnet werden, dass künftig insbesondere kleine, weit abgelegene und schlecht erschlossene Alpen nur noch mit Jungvieh, Schafen oder sogar überhaupt nicht mehr beweidet würden.

Kein Zuckerschlecken auf der Alp

Das ist fatal, denn Alpweiden, die nicht mehr bewirtschaftet werden, gehen unwiederbringlich verloren. Schweizweit werden heute in den Alpen jedes Jahr über 1000 Hektaren von Wald überwachsen. Die zunehmende Verbuschung sei deshalb für die Alpwirtschaft eine grosse Herausforderung, sagt Martin Jutzeler.

Dahinter steht letztlich ein Mangel an Arbeitskräften. Auf den Alpen wird um Nachwuchs gerungen, das Alppersonal ist tendenziell überaltert. Der Grund dafür: Das Älplerleben ist kein Zuckerschlecken. 12-Stunden-Arbeitstage sind für Angestellte die Regel, Ferien gibt es keine, pro Woche haben sie nur anderthalb Tage frei.

Obendrein ist der Lohn für die strenge Arbeit alles andere als fürstlich: Pro Monat gibt es netto 3000 Franken, was einen Stundenlohn von nicht viel mehr als 10 Franken ausmacht. Der Vorteil: Weil die Älpler im Sommer kaum Zeit zum Geldausgeben finden, bleibt ihnen bis zum Herbst praktisch der ganze Lohn. «Eigentlich ist es ein Wunder, dass man auf den Alpen immer noch Leute findet», stellt Fritz von Känel fest.

Trotz allem gute Zukunftschancen

Martin Jutzeler stimmt zu: «Wer eine Alp bewirtschaftet, nimmt viel Arbeit und relativ hohe Kosten für die Infrastruktur in Kauf.» Dennoch gibt er der Alpwirtschaft im Berner Oberland gute Zukunftschancen: «Die Region verfügt über gut gepflegte Alpen in mehrheitlich eher lieblichen Gebieten.» Das Wertschöpfungspotenzial beurteilt der Experte deshalb als intakt.

Beispielhaft zeigt sich dies bei der Alp Hohkien. Fritz von Känel verarbeitet dort die Milch seiner Kühe zu hochwertigem Alpkäse, den er dann im Herbst und im Winter selber vertreibt. Das bringt ihm einen doppelt so hohen Erlös, als wenn er die Milch zum üblichen Preis von 50 Rappen pro Kilogramm an eine Grossmolkerei liefert.

Wenn das Vieh auf der Alp ist, kann er zudem im Tal gleichzeitig Winterfutter produzieren. Dieser Vorteil der Alpwirtschaft ist nicht zu unterschätzen: «Je nach Dauer der Alpzeit stammen 20 bis 35 Prozent der gesamten Futtersubstanz eines Ganzjahresbetriebs von der Alp», erklärt Martin Jutzeler.

Am Ende des Sommers sieht deshalb die Bilanz für Fritz von Känel positiv aus. «Es ist wichtig, dass auch die betriebswirtschaftliche Rechnung stimmt, denn von Idealismus allein können wir Alpbewirtschafter nicht leben», sagt er. Traditionsbewusstsein und Freude sind aber gleichwohl im Spiel. Deshalb blickt der passionierte Älpler schon jetzt ungeduldig dem ersten Tag im Bergfrühling entgegen, an dem er wieder gegen Hohkien zieht.

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