Alpentainer rockt das Country-Festzelt

Interlaken

Trauffer und eine neue Tina Turner sorgten für frischen Wind am heuer 25-jährigen Trucker- und Country-Festivals in Interlaken. Laut Veranstalter besuchten 55'000 Personen den Anlass.

  • loading indicator
Bruno Petroni

Vom Alpentainer zum Alpencowboy: Marc Trauffer schafft schon in den ersten Stunden des 25. Trucker- und Country-Festivals an der Alpenrocknacht, was vor ihm 25 Jahre lang keinem gelungen war: Das 5000 Personen fassende Festzelt ist bereits am Freitagabend gerammelt voll. Trauffer zündet nicht nur ein musikalisches Feuerwerk, sondern schiesst sogar um sich: «Ich habe keinen Cowboyhut, aber eine Kanone.» Und mit dieser befördert der Brienzer Stimmungsmacher T-Shirts ins ausverkaufte Festzelt hinaus.

Man kann von Trauffer halten, was man will, und sich fragen, was sein Repertoire denn an einem Countryfest verloren habe. Aber eins muss man Trauffer lassen: Seine Vorstellung zeugt von hoher Professionalität, Begeisterung und Engagement und lässt keine Zeit für Langeweile.

Der Publikumsansturm gibt ihm recht, und das Jubiläumsfestival hat bereits seinen ersten Höhepunkt, ehe das Wochenende überhaupt richtig begonnen hat. «Unser neues musikalisches Konzept, Alpenrock und Countrymusik zu verbinden, scheint aufgegangen zu sein, und der Spagat zwischen Schweizer Kultmusik und amerikanischen Countrylegenden passte bestens», sagt Katja Rütti, Kommunikationschefin des In­terlakner Organisators Jungfrau World Events GmbH.

Ein weiterer Glücksgriff für die Veranstalter ist die Verpflichtung von Tobi Lee und ihrer fünfköpfigen Mustang Sally Band als Opener der American Country Night vom Samstagabend. Nicht nur Lees Frisur erinnert an eine Tina Turner in ihren besten Tagen, sondern auch die brachiale Stimme. «Rollin’ on the River» aus der Feder von John Fogerty (1968), brüllt Tobi Lee genauso und stimmgewaltig ins Mikrofon wie die Queen of Rock ’n’ Roll aus Nutbush, Tennessee. Der leuchtstoffblonde Wirbelwind aus dem US-Staat Indiana explodiert wie ein Vulkan und unterlegt seine Show mit Akrobatik auf High Heels, als wäre sie einem Oberländer Viehhüter angeschlossen. Genau wie Tina Turner eben.

Nach dem Erdbeben fühlt sich der Auftritt der guten alten Bellamy Brothers geradezu narkotisierend an. Die beiden Brüder aus Florida, seit 42 Jahren aus der Countryszene nicht mehr wegzudenken, waren noch nie für optische Ausfälle bekannt. So darf man ein Zucken mit ihrem Mundwinkel gut und gern als veritablen Gefühlsausbruch interpretieren. Doch dann entzückt das Duo sein Publikum doch mit einer Premiere: Noch nie während ihrer bisherigen elf Auftritte in Interlaken standen sie sich jemals auf der Bühne so nahe: Howard ein Schrittchen nach links, David eins nach rechts. Das Bild unten rechts hat also durchaus den Charakter eines Unikats. Na also – geht doch; womit der lang gehegte Wunsch einiger Fotografen endlich in Erfüllung geht.

Auch Carlene Carter, die grosse Lady der internationalen Coun­tryszene, ist eine Art Stammgast in Interlaken. Zum 25-Jahr-Jubiläum reist sie bereits zum neunten Mal an und übernimmt vor Mitternacht während gut zwei Stunden die Festivalregie. Überzeugend, aber wie gewohnt halt.

Im Westerndorf sorgen 40 Bands auf fünf Aussenbühnen für Stimmung; unter ihnen auch der bayerische Wirbelwind Maggie Horn, die mit ihren Jungs von Rock ’n’ Rodeo das gleiche Bandjubiläum feiert wie das Truckerfestival: 25 Jahre.

Kultstatus geniesst die Boogie-Woogie-Stunde von «The Jackys» am Sonntagmorgen, gefolgt von Claude Hämmerlys Truckergottesdienst. Und letzterer, bekannt und beliebt als Mann der klaren Worte, erinnert sich an die Anfänge: «Vor 23 Jahren regte der Redaktor des ‹Berner Oberländers› und damalige Trucker-Pressechef Alex Karlen an, die Veranstaltung würde nebst allem anderen auch etwas Spiritualität vertragen. Ich war damals sehr erfreut, dass das Waisenkind Kirche an einem solchen Anlass eine derartige Plattform erhält.» Seit damals sind Pfarrer Claude Hämmerly und Ueli Schmutz alias «Jacky» unzertrennlich und machen jeden Truckergottesdienst zum Erlebnis. Jedes Jahr ist das grosse Schattenzelt bis zum letzten Platz besetzt.

Der Truckergottesdienst ist die einzige Predigt, bei welcher applaudiert und richtig gelacht wird – von Herzen. Und auch der bekannte Kirchenpsalm «Grosser Gott, wir loben dich» ertönt hier etwas gar anders –nämlich als Rock-’n’-Roll-Gewitter, vorgetragen auf 88 Klaviertasten von «Jacky». Von Herzen eben. Diesmal erzählt Hämmerly in seinen eigenen Worten von der Arche Noah und malt sich anschliessend eine Welt aus, die es wohl nie geben wird.

Linedance hat in den letzten Jahren einen kometenhaften Aufstieg erlebt: Kaum mehr eine Band auf einer Bühne, ohne dass nach den ersten Takten bereits die ersten Westernboots über den Asphalt wirbeln. So kommt es am Sonntagnachmittag zum grossen Showdown, der bei gar manchem Gänsehaut und Tränen der Überwältigung zur Folge hat: Als Hommage an den vor einem knappen Jahr verstorbenen Polo Hofer tanzen über tausend Linedancer zu dessen Hymne «Alperose»; eines der ganz grossen Highlights des Jubiläumswochenendes. Grosser Erfolg auch für das erstmals seit 7 Jahren wieder aufgebaute und angebotene Riesenrad, das neu direkt neben den Konzertbühnen steht und für lange Warteschlangen sorgt.

25 Jahre Truckerfestival – worauf basiert dieser Erfolg? «Das Geheimrezept scheint wohl das Vermischen von altbewährten und neuen Elementen zu sein. Das Konzept der unterschiedlichen Aussenbühnen, der Linedance-Shows und Workshops sowie der Showbühne in der Western City haben wir bewusst beigehalten», so Mediensprecherin Katja Rütti.

Das 26. Trucker- und Country-Festival findet von 28. bis 30. Juni 2019 statt. Bereits jetzt läuft der Vorverkauf der limitierten Auflage an Dreitagespässen zum «Early Bird»-Angebot von hundert Franken.

Berner Oberländer

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt