Wo Unsicherheit der Freude Platz macht

Oberaargau

Über externe Arbeitsplätze versucht die Stiftung WBM in Madiswil ihre Mitarbeitenden in den ersten Arbeitsplatz zu integrieren. Davon profitieren auch die Firmen Thomi in Lotzwil und Güdel in Langenthal.

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Jürg Rettenmund

Silvia Jäggi steht an einer grossen grünen Maschine und stanzt Bodenpads aus Scotch-Bahnen. Am Anfang habe ihr die Arbeit in der Firma Thomi in Lotzwil Angst gemacht, gesteht sie. Das hat jedoch nichts mit dem grünen Geräteungetüm zu tun, sondern mit seinem Standort. Denn eigentlich arbeitet Silvia Jäggi in der Stiftung WBM in Madiswil. Die Aussicht, diesen geschützten Rahmen verlassen zu müssen, liessen in ihr mulmige Gefühle aufsteigen.

Doch diese Befürchtungen sind längst verflogen. Inzwischen schätzt Silvia Jäggi die abwechslungsreiche Arbeit und den Einblick in einen ganzen Produktionsablauf, aber auch den Kontakt zu den Mitarbeitenden bei Thomi. Als Silvia Jäggi nach den ersten Arbeitseinsätzen zufrieden in die WBM zurückgekehrt sei und begeistert davon erzählte, habe das andere Mitarbeitende motiviert, es auch zu wagen, erklärt Heinz Burkhardt. Er ist Gruppenleiter in der Abteilung Montage und Verpackung der WBM und koordiniert die externen Arbeitsplätze.

Sohlen für Überstülp-Schuhe

Auf ihrer Stanzmaschine fertigt Silvia Jäggi auch Sohlen für Überstülpschuhe aus Kunststoff. Jeweils zehn Lagen müsse sie dafür aus den Rollen mit dem Kunststoff auf dem langen Tisch auslegen, erklärt sie. Die gleichen Sohlen findet man auch im Raum nebenan. Sie waren inzwischen bereits bei den Heimarbeiterinnen von Thomi, die an die Sohlen Kunststoffhüllen annähten.

Aus dem grossen Sack, in dem die Schuhe von den Heimarbeiterinnen zurückkehrten, konfektioniert sie Andrea Anliker für den Verkauf: Je zwei Stück kommen in eine Plastiktüte. So viele Tüten, wie bestellt wurden, landen in einer Kartonschachtel, und Tüte sowie Schachtel erhalten eine Etikette.

Auch Andrea Anliker gehört zur Gruppe der WBM für die externen Arbeitsplätze. Auch sie schätzt die Abwechslung und die neuen Kontakte, die diese Plätze bieten.

Zahnstangen für alle Welt

Weit arbeitsintensiver und schneller als bei Thomi in Lotzwil geht es in den grossen Hallen der Güdel AG an der Gaswerkstrasse in Langenthal zu und her. Doch René Graf ist die Ruhe selbst und strahlt. Er verpackt Zahnstangen in Stopfschläuche und macht sie in Holzkisten bereit für den Transport in alle Welt.

Denn dort sind die Kunden von Güdel, und weil höchste Präzision und Qualität Markenzeichen des Langenthaler Industriebetriebes sind, dürfen sie unterwegs nicht feucht oder verkratzt werden. Auch René Graf arbeitet an einem externen Arbeitsplatz der WBM. Da er im Norden von Langenthal wohnt, kann er am Mittag gar daheim bei seiner Mutter essen.

Arbeit vor Ort statt auslagern

Ein weiteres Markenzeichen von Güdel ist die hohe Fertigungstiefe: Die Firma vermeidet es weitgehend, Produktionsschritte ins günstigere Ausland auszulagern. Die Zusammenarbeit mit der WBM helfe, diese trotz Kostendruck beizubehalten, sagt Stefan Gygax, der Leiter Logistik. Zudem sei für Güdel der soziale Beitrag wichtig, um auch Menschen mit Beeinträchtigung eine Chance zu geben, sich in der Arbeitswelt unter professioneller Begleitung zu integrieren.

Stefan Gygax wie auch Iris Dykow, die Gruppenleiterin Laden und Packerei bei Thomi, sind denn auch des Lobes voll über die Arbeiterinnen und Arbeiter aus der WBM. Sie seien interessiert, motiviert und zuverlässig. Zudem seien dank der guten Betreuung und Organisation durch die WBM-Verantwortlichen nicht nur der Einsatz von Menschen mit einer Beeinträchtigung möglich, sie seien auch sehr flexibel einsetzbar. «Wir bemühen uns, auch Feuerwehrübungen möglich zu machen, wenn es einmal brennt», hält Heinz Burkhardt dazu fest. Als weiterer Vorteil entfallen durch die externen Arbeitsplätze komplizierte und aufwendige Warentransporte.

Gewisse Grösse ist nötig

Dass die Mitarbeitenden der WBM auswärts arbeiten können, sei nicht selbstverständlich, ergänzt Heinz Burkhardt. Anfänglich hätten die als Gruppenleiter eingesetzten Arbeitsagoginnen und -agogen diese sehr eng begleitet und geschaut, welche Unterstützung nötig sei.

Sobald sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jedoch im externen Betrieb eingewöhnt hätten, könne die Betreuung reduziert werden und erfolge nur noch punktuell und nach Bedarf. Möglich werden diese Einsätze unter anderem auch, weil die WBM eine rechte Grösse erreicht habe, ergänzt Heinz Burkhardt. Denn zwei Arbeitsagogen betreuen in seiner Gruppe zwischen 25 und 30 Personen. Da benötige er auch in der Gruppe Mitarbeitende, denen er Sonderaufgaben übertragen könne. Erst wenn eine gezielte Entwicklungsplanung abgeschlossen sei, könne der Schritt in externe Arbeitsplätze gewagt werden.

Rund 15 Mitarbeitende kann die WBM gegenwärtig extern einsetzen. Neben den Firmen Thomi und Güdel, in welche die Werkstätte seit Jahren regelmässig Mitarbeitende entsendet, hat sie auch mit Trikora in Aarwangen, Girsberger in Bützberg sowie Merkur Druck und Sintagro AG in Langenthal zusammengearbeitet.

Eine Erweiterung des Mitarbeiterpools und damit der Arbeitseinsätze wäre möglich, wenn die Nachfrage der Industrie im Oberaargau vorhanden wäre, sagt Heinz Burkhardt.

Langenthaler Tagblatt

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