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«Wir können nicht wegschauen»

Geht es nach den Schulleitern, sollte die Einführung der Schulsozialarbeit geprüft werden. Zwar besteht auch Skepsis. Sie gründet aber vielmehr im Wie als im Ob.

Armin Flükiger vom Schulzentrum Kreuzfeld in Langenthal (Bild) spricht sich für die Einführung der Schulsozialarbeit aus.
Armin Flükiger vom Schulzentrum Kreuzfeld in Langenthal (Bild) spricht sich für die Einführung der Schulsozialarbeit aus.

Die Schulsozialarbeit ermögliche es den Lehrern, sich wieder auf ihr Kerngeschäft, das Unterrichten zu konzentrieren, sagen die Befürworter. Es bestünden in dieser Hinsicht bereits genügend andere Angebote, argumentieren die Gegner. Am politischen Grundtenor hat sich auch bald fünf Jahre nach der letzten Diskussion über die Einführung der Schulsozialarbeit in Langenthal wenig geändert.

Allerdings scheint die Zeit den Weg doch etwas geebnet zu haben für die Lancierung eines Pilotprojekts, über das am Montag im Stadtrat diskutiert werden soll. Nicht nur, dass Schulsozialarbeit mittlerweile in rund 90 Berner Gemeinden angeboten wird. Auch die städtischen Schulleiter sind sich im Grundsatz einig: Einer Prüfung eines solchen Angebots sollte diesmal nichts im Wege stehen.

Ein Zusammenspiel

«Die Haltung ist bei allen Schulleitern gleich», sagt Armin Flükiger vom Schulzentrum Kreuzfeld 1–3. «Wir können nicht einfach wegschauen.» Die Einführung der Schulsozialarbeit müsse ­wenigstens diskutiert werden. «Welche Variante, welcher Weg es sein könnte, lassen wir offen.»

Der ehemalige SVP-Stadtrat lässt aber durchblicken: Persönlich stehe er der Schulsozialarbeit nach wie vor mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Je mehr Player im Spiel seien, desto komplizierter werde es manchmal, verweist Flükiger auf bestehende Angebote wie die Erziehungsberatung oder die Jugendfachstelle Tokjo. Für ihn ist deshalb klar: «Es braucht ein Zusammenspiel und nicht zig Einzelspieler.» Denkbar sind für Flükiger insofern vor allem Lösungen mit bestehenden Institutionen, wie sie Roggwil, Wynau und Aarwangen mit der Schoio-Familienhilfe und Tokjo gefunden haben (wir berichteten).

Über die Türschwelle

Klar für eine Überprüfung der Einführung der Schulsozialarbeit ist auch Nathalie Scheibli. Schon eine frühere Befragung habe gezeigt, dass der Bedarf an zusätzlicher Unterstützung gerade bei den Kindergärten gross sei, sagt die Kindergartenleiterin und frühere SP-Stadträtin. Dabei müsse es nicht immer gleich um Mobbing gehen. Oft seien es subtilere Themen, die einen gewissen Handlungs­bedarf anzeigten. Wenn ein Kind nicht zum Skilager angemeldet werde aufgrund finanzieller Sorgen der Eltern beispielsweise. Auch Hygiene- und Ernährungsfragen bei Kindern seien ein heikles Thema.

«Wir wollen ja nicht immer gleich die Kindesschutzbehörde einschalten.»

Nathalie ScheibliLeiterin Kindergärten

Wo nicht bereits ein Amt eingeschaltet sei, könne in der Regel nicht erwartet werden, dass Eltern und Kinder von sich aus um Hilfe ersuchten, sagt Scheibli. Die Einflussnahme des Lehrers sei aber begrenzt. «Der Schritt über die Türschwelle der Familie ist etwas, bei dem die Lehrperson eine Grenze ziehen muss.» Es wären Situationen wie diese, in der die Schulsozialarbeit zum Einsatz kommen könnte. «Wir wollen ja nicht immer gleich die Kindesschutzbehörde einschalten.»

Welche Form das Angebot haben müsste, lässt auch Nathalie Scheibli offen. Wichtig sei, dass die Fachleute tatsächlich vor Ort seien, damit das Angebot niederschwellig sei. Ob es auch in Langenthal Mitarbeitende der Jugendarbeit und der Familienhilfe sein könnten oder andere Fachpersonen? «Das sind alles Fragen, die man prüfen muss», sagt die Kindergartenleiterin.

In Burgdorf fest verankert

In Burgdorf ist man den Langenthalern da weit voraus. Die Emmestadt ist schon 2006 mit einem vorerst befristeten Projekt gestartet, 2009 wurde die Schulsozialarbeit dann definitiv eingeführt. «Heute ist dieses Dienstleistungsangebot nicht mehr wegzudenken, da die Entlastung der Beratungen für die Schulen spürbar ist», sagt die Jugendbeauftragte der Stadt Burgdorf, Nicole Chen.

Drei Schulsozialarbeiter teilen sich heute 180 Stellenprozente in Burgdorf sowie 40 weitere in Oberburg. Sie seien fest im Gefüge der Schule verankert, erklärt Chen. Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte würden sich bei Bedarf Unterstützung und Rückmeldungen holen. Wie die offene Kinder- und Jugendarbeit ist auch diese Dienstleistung der ­Jugendbeauftragten unterstellt. Dadurch bestehe bereits eine institutionelle Verknüpfung, sagt Chen. Daneben pflege die Schulsozialarbeit aber auch den Austausch mit den Schulleitungen, der Erziehungsberatung sowie dem Kindes- und Erwachsenenschutz.

Ob die Schulsozialarbeit diesmal auch bei den bürgerlichen Fraktionen im Langenthaler Parlament Gehör findet und der Gemeinderat tatsächlich mit der Lancierung eines Pilotprojekts beauftragt wird, zeigt sich nach der Vertagung des Geschäfts an der letzten Stadtratssitzung nun am kommenden Montag. Der Gemeinderat stehe dem Vorstoss grundsätzlich positiv gegenüber, sagt Volksschulkommissionspräsident Matthias Wüthrich (Grüne). Wegen der offenen Formulierung des Anliegens und der damit verbundenen Unklarheit, ob für die Umsetzung der Motion nur der Gemeinderat oder auch das Parlament zuständig wären, empfiehlt er die Erheblicherklärung allerdings nur im Fall der Wandlung in ein Postulat.

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