Wakkerpreis 2019: Stärkung fürs Selbstverständnis

Langenthal

Weil sie sich auf ihre Qualitäten besinnt, Mut zur Innovation beweist und mit dem Erbe der Industriegeschichte sorgfältig umgeht, darf die Stadt Langenthal den Wakkerpreis 2019 in Empfang nehmen.

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Von wegen Durchschnittsstadt ohne herausragende Qualitäten. Zu Unrecht hafte Langenthal bis heute jener Ruf an, den die Gemeinde als ehemaliger Testmarktplatz Ende des letzten Jahrhunderts erlangt habe, hielt Adrian Schmid am Dienstag vor versammelter Medienschar fest.

Den Beweis sollten der Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes und seine Begleiter sogleich selber nachliefern. Schliesslich hatte sie der Weg nicht grundlos in die Alte Mühle geführt. Sie waren gekommen, um bekannt zu geben, dass Langenthal mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet wird – als erst sechste Berner Gemeinde in der bald 50-jährigen Geschichte der Anerkennung.

Vorbildliche Planer

Nach Jahren der wirtschaftlichen Krise habe das Zentrum des Oberaargaus neues bauliches Wachstum erfahren. Es sei vom Stolz auf das industrielle Erbe geprägt, von guter Planung und der Bereitschaft zum Dialog, begründet der Heimatschutz die Vergabe des Preises.

Dabei sei durch die systematische Inventarisierung von Fabrikarealen, Arbeitersiedlungen, öffentlichen Gebäuden und Villenanlagen als Zeugnissen einer reichen Industriegeschichte nicht nur ein Anker ausgeworfen worden für die künftige Entwicklung.

Die Stadt Langenthal wird vom Schweizer Heimatschutz mit dem diesjährigen Wakkerpreis ausgezeichnet. Video: sda

Auch habe Langenthal markant in die Aufwertung der öffentlichen Räume investiert. Die Sanierung des Stadttheaters für 15 Millionen Franken oder die Umgestaltung des Wuhrplatzes zum Begegnungsplatz für 3,5 Millionen sind da nur zwei Beispiele in einer ganzen Reihe von Projekten, die seit der Jahrtausendwende umgesetzt worden sind.

Mit der Umgestaltung des Areals der früheren Porzellanfabrik oder der Wiederbelebung der Alten Mühle sind Bestrebungen im Gang, auch weitere Industriebrachen von historischer Bedeutung fitzumachen für die Zukunft. Und so durften die Vertreter der Stadt, in Baufragen sonst gerne Angriffsfläche aller möglichen Kritiker, am Dienstag für einmal ausschliesslich Lob entgegennehmen.

«Wir belohnen heute eine Gemeinde, die es verdient», hielt Martin Killias, Präsident des Schweizer Heimatschutzes, fest. Die Stadt habe sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren wieder auf sich selbst besonnen und zeige mit ihrem Vorgehen einen vorbildlichen Weg auf, wie Innere Verdichtung aussehen könne, unterstrich die Präsidentin des Berner Heimatschutzes, Dorothée Schindler.

Laut Heimatschutz-Geschäftsführer Adrian Schmid hätten grob zusammengefasst drei Punkte den Ausschlag für Langenthal gegeben. (Video: Martin Bürki)

Erfinderisches Stadtbauamt

«Wenn sich die Siedlungen nicht mehr nach aussen, sondern nach innen entwickeln sollen, braucht es den Willen zur Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen, ein Verantwortungsbewusstsein für die Gemeinschaft und ein kreatives Denken aller Akteure.» So steht es auch in der Broschüre, die jene städtebaulichen Perlen listet, die der Wakkerkommission in Langenthal ins Auge gestochen sind.

Vorbildlich wird dabei nicht nur die Testplanung auf dem Porziareal angeführt, deren Ergebnisse der Bevölkerung allerdings erst im Februar öffentlich präsentiert werden sollen. Besonders hervorgehoben wird auch das Workshopverfahren bei Bauvorhaben kleiner und mittlerer Grösse: eine Langenthaler Erfindung, bei der die städtischen Behörden die üblichen Prozesse umkehren.

Architekten und Investoren werden von einer aus Vertretern der städtischen Planungsbehörde und der Denkmalpflege bestehenden Jury schon im Entwurfsprozess und in der Vorprojektphase begleitet. Es sei eine kostengünstige Alternative zu Studienaufträgen und Wettbewerben, lobt die Wakkerpreis-Kommission.

Feiern mit der Bevölkerung

Ein Grund, stolz zu sein, befanden da nicht nur die anwesenden Damen und Herren des Heimatschutzes. «Enorm stolz» zeigte sich auch Stadtbaumeister Enrico Slongo, sei der Preis doch auch eine Anerkennung für die Arbeit des ganzen Stadtbauamtes. «Ja, Langenthal hat diesen Preis verdient», befand auch Stadtpräsident Reto Müller (SP).

«Die Stadt schätzt ihr gebautes Erbe», verwies er auf die vorausgegangenen Voten, gleichzeitig wolle und müsse sie sich aber auch erneuern. «Der Preis wird unserem Selbstverständnis dabei zuträglich sein.»

Langenthals Stadtpräsident Reto Müller ist stolz auf die Verleihung des Wakkerpreises. (Video: Martin Bürki)

Die Preissumme von 20'000 Franken hat dabei lediglich symbolischen Wert. Es sei vor allem die Anerkennung als solche und das grosse Interesse, das einer Gemeinde als Trägerin des Wakkerpreises jeweils zukomme, waren sich die Anwesenden einig.

Entsprechend soll die Preisübergabe am 29. Juni gefeiert werden: Wie genau, ist zwar noch offen. Es werde aber ein Fest für die gesamte Bevölkerung geben, so der Stadtpräsident. Sie sei es ja letztlich, die den städtebaulichen Entwicklungen mit ihren Stimmen den Segen gebe.

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