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Vom Prunkbau zum Lotterhaus

Seit bald drei Jahrzehnten ist an der ­Bernstrasse in Herzogenbuchsee ein geschütztes Haus sich selbst überlassen. Vom einstigen Glanz des 200-jährigen klassizistischen Riegbaus ist nicht mehr viel übrig.

Vom stolzen Zeitzeugen ist nicht mehr viel übrig: Das Stöckli an der Durch-fahrtsstrasse in Herzogenbuchsee.
Vom stolzen Zeitzeugen ist nicht mehr viel übrig: Das Stöckli an der Durch-fahrtsstrasse in Herzogenbuchsee.
Olaf Nörrenberg

Fährt man vom Ortsteil Oberönz in Richtung des Dorfzentrums von Herzogenbuchsee, fällt es unweigerlich auf: ein schäbiges Stöckli direkt an der Hauptstrasse auf der Höhe des Kreisels, in unmittelbarer Nähe der modernen Bauten der beiden Grossverteiler.

Die Schindeln der Laube sehen aus, als ob sie gleich reihenweise herunterfallen würden. Die der Strasse abgewandte Seite hat sich abgesenkt, das Haus steht schief. Gerade so, als würde nicht viel fehlen, dass es in sich zusammenfällt. Die Fensterscheiben sind teils eingeschlagen, die Fensterläden geschlossen.

Die Ortsplanung aus Auslöser

Auf den ersten Blick ist klar: Bewohnt wird dieses Haus schon lange nicht mehr. Über seine Geschichte ist nicht allzu viel bekannt. Zumindest weiss Andreas Gerber nicht viel zu erzählen. Er antwortet anstelle seines Cousins, des Besitzers Kurt Gerber aus Kirchberg, der derzeit in den Ferien weilt.

Er wisse nur, dass sein Onkel – also der Vater des heutigen Besitzers – die Liegenschaft 1990 von der Familie Moser erworben habe, erzählt Gerber. Seither stehe sie leer – was so eigentlich nicht geplant gewesen sei.

Vielmehr habe sein Onkel Otto Gerber dort ein Radio- und Fernsehgeschäft eröffnen wollen. Dass es nicht dazu gekommen sei, sei auf die damals neue Ortplanung zurückzuführen gewesen. «Sie hat ihm nicht gepasst», sagt Gerber. Also habe sein Ahne dieses Vorhaben aufgegeben und das Geschäft anderswo in Herzogenbuchsee eröffnet.

Rahmen für den Ortseingang

Das Stöckli an der Bernstrasse indes sollte anschliessend bald drei Jahrzehnte unbewohnt bleiben. Doch nun liegen konkrete Pläne vor – doch dazu später mehr.

Als erhaltenswert wird das Stöckli im Bauinventar geführt, dessen Bau auf Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Demnach handelt es sich um einen klassizistischen, verputzten Riegbau unter einem leicht geknickten Teilwalmdach, der eine ausgewogene Ründi­front aufweist.

Das Erdgeschoss strassenseitig ist gemäss dem Beschrieb massiv gebaut und besteht aus Sandstein, dazu kommen eingewandete verschindelte Trauflauben und diverse An­bauten.

«Trotz einer Purifizierung um 1989 hat der Bau ­etwas von seiner ­ursprünglichen Ausdruckskraft ­bewahrt.»

aus dem Bauinventar

Trotz einer Purifizierung um 1989 («hervorragende kannelierte Halbsäulen mit reich verzierten Kapitellen und höchst elegante Eichentüre zur Laubentreppe entfernt») habe der Bau etwas von seiner ursprünglichen Ausdruckskraft bewahrt, steht da: Mit dem herrschaftlichen ehemaligen Bauernhaus gegenüber umrahme das Stöckli den alten Ortseingang an der Bernstrasse.

Abbruch nicht beantragt

Warum aber hat der Eigentümer es so lange sich selbst überlassen? Um abzuwarten, bis sich das mit dem Schutz des Gebäudes von selbst erledige, munkeln in Buchsi böse Zungen. Bei erhaltenswerten Baudenkmälern ist ein Rückbau nämlich zulässig, wenn die Erhaltung unverhältnismässig ist (siehe Infobox).

Einer neuen Bebauung steht es offensichtlich im Weg. Muss es also aus der Bewertung herausgenommen werden, um abgerissen werden zu können? «Diese Frage stellt sich so gar nicht», heisst es seitens der kantonalen Denkmalpflege. Die Bewertung erhaltenswert sei weiterhin gültig. Weder sei eine Einstufungsüberprüfung beantragt noch bei der Gemeinde um eine Abbruchbewilligung ersucht worden.

«Der schlechte Zustand eines Gebäudes ist kein Grund, dieses aus dem Inventar zu entlassen.»

Die Denkmalpflege

Da es sich beim Stöckli an der Bernstrasse nicht um ein kantonal geschütztes Objekt (siehe Kasten) handle – es also weder in einer Baugruppe des Bauinventars liege noch formell unter Schutz gestellt sei –, werde die Denkmalpflege auch nicht in das Baubewilligungsverfahren einbezogen. Für erhaltenswerte Baudenkmäler ohne K-Status seien gemäss Baugesetz die Gemeinden zuständig, hält die Denkmalpflege fest.

Alterswohnen und Gewerbe

Der Ball liegt also bei der Gemeinde. Laut Gemeindeverwalter Rolf Habegger hat der Gemeinderat Ende Januar grünes Licht für die Ausarbeitung einer Überbauungsordnung (ÜO) für die Zone mit Planungspflicht Bernstrasse 34 bis 38 gegeben.

Der Perimeter dieser ÜO umfasst das unbebaute Gebiet zwischen der Bern- und der Oberstrasse sowie das Areal der Coop-Pronto-Tankstelle westlich des Scheidegg-Bauernhauses. Die Grundeigentümer haben das Büro Lüscher Egli AG in Langenthal mit der Planung beauftragt.

Seine Tage sind angezählt: Das verlotterte Gebäude steht in einem Gebiet, für das eine Überbauungsordnung erarbeitet wird. Bild: Olaf Nörrenberg
Seine Tage sind angezählt: Das verlotterte Gebäude steht in einem Gebiet, für das eine Überbauungsordnung erarbeitet wird. Bild: Olaf Nörrenberg

Auf den rund 35 Aren sind zehn bis zwölf Alterswohnungen sowie ein Gewerbeanteil vorgesehen, verrät Andreas Gerber, dem ein Teil des Landes gehört. «Zum Beispiel für eine Arztpraxis.»

Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Gemeinde dem Abbruch des lottrigen Stöckli zustimmt, sobald das Bau- respektive Abbruchgesuch vorliegt.

Damit bis dahin sicherlich nichts passiert, hat Andreas Gerber im 200 Jahre alten Stöckli vorgesorgt: Er hat die Türen des innen hohlen Gebäudes verschraubt.

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