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«Niemand ist gefeit»

Zwanzig Jahre leitete Thomas Eggler (49) den Sozialdienst Trachselwald. Adrian Vonrüti (61) ebenso lange das Sozialamt Langenthal. Jetzt übergibt der Ältere sein Amt dem Jüngeren. Ein Gespräch über Gemeinsamkeiten und Hoffnungen.

Einer kommt, einer geht: Thomas Eggler (links) übernimmt die Nachfolge von Adrian Vonrüti im Glaspalast.
Einer kommt, einer geht: Thomas Eggler (links) übernimmt die Nachfolge von Adrian Vonrüti im Glaspalast.
Thomas Peter

Es ist vielleicht bezeichnend, dass sich Thomas Eggler ausgerechnet an die auswärtigen Mittagessen erst noch gewöhnen muss. Als Leiter des Sozialdiensts Region Trachselwald hatte er die Mittagszeit mehr als zwanzig Jahre lang daheim bei seiner Frau und den drei Töchtern verbringen können. Seit Anfang November ist damit plötzlich Schluss, verbringt der bald 50-Jährige doch seine Tage nun in Langenthal, wo er per Januar 2018 die Nachfolge von Adrian Vonrüti als Vorsteher des städtischen Sozialamts übernimmt.

Und der kann seinem Nachfolger in Sachen Mittag­essen nur zu gut nachfühlen. Hauptsächlich deswegen nämlich habe auch er selber sich seinerzeit nicht schon früher in Langenthal beworben, blickt Vonrüti zurück auf seine Anfänge im Oberaargau Ende der 1990er-Jahre. Auch ihm sei es immer wichtig gewesen, die Mittage daheim bei der Familie zu verbringen. Erst als die drei Kinder allmählich flügge wurden, kehrte der Jegenstorfer dem Jugendamt Bern den Rücken, um fortan das Langenthaler Sozialamt zu leiten.«

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Sandwich, das ich hier auf dem Bänkli vor dem Stadttheater gegessen habe», sagt Vonrüti. Ganz verloren habe er sich damals gefühlt, so allein in Langenthal, das ihm nach seinen Jahren in der Hauptstadt noch menschenleerer vorgekommen sein muss, als es dies zuweilen heute noch ist. Den Wuhr- als Begegnungsplatz hat es damals noch nicht gegeben. Auch nicht das Wohnviertel für die Wiedereingliederung von psychisch Erkrankten in die Gesellschaft mitten im Stadtzentrum. Oder eine offene Kinder- und Jugendarbeit, die heute fast überall im öffent­lichen Raum in irgendeiner Form ihre Präsenz markiert.

Es war Adrian Vonrüti, der diese Angebote in den vergangenen Jahren aufzubauen und zu etablieren half. Ebenso wie das bei seinem Stellenantritt 1999 noch taufrische Beschäftigungs- und Wiedereingliederungsprogramm Maxi.mumm für Erwerbslose, den Mahlzeitendienst für Betagte oder die Angebote für ausserfamiliäre Kinderbetreuung, die heute nicht mehr wegzudenken sind.

Der richtige Zeitpunkt

Das sei sicher ein Vorteil seiner Tätigkeit gewesen, sagt Vonrüti heute: dass er sich auch mit diesen institutionellen Formen der Sozialhilfe auseinandersetzen durfte und musste – und nicht nur mit deren individueller wirtschaftlicher Form. Und doch machte gerade diese immer schon einen nicht minder bedeutenden Teil seiner Arbeit aus. Weil die wirtschaftliche Sozialhilfe für immer mehr Menschen zum letzten Auffangnetz wird einerseits (siehe Artikel).

«Ich bin sicher ­müder, zu kämpfen, als ein zwölf Jahre jüngerer Kollege.»

Adrian Vonrüti

Weil das Sozialamt von Aussenstehenden oft auf diese reduziert werde andererseits. «Wir werden leider mehr als Kostenfaktor wahrgenommen denn als das, was wir täglich leisten», verweist Vonrüti auf die vielen persönlichen Dramen, draussen ebenso wie in den Gängen des Sozialamts, deren Zeuge er in all den Jahren geworden ist.

Diese Geschichten würden nicht nur denjenigen widerfahren, die es ohnehin schwer hätten, widerlegt er ein häufiges Klischee. «Gerade beim Kindes- und Erwachsenenschutz beschäftigen wir uns wirklich mit allen gesellschaftlichen Schichten, von der hochbetagten, alleinstehenden reichen Frau bis zu den Fällen, die in jeder Familie vorkommen können. Niemand ist gefeit vor einem persönlichen Schicksalsschlag.»

Auch deshalb sei es für ihn, erst 61-jährig, der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören, verweist Vonrüti auf die jüngsten politischen Entwicklungen: Das neue Sozialhilfegesetz – er sei froh, dass er dieses nicht mehr vollziehen müsse, räumt er offen ein. Er, dessen Herz doch immer links geschlagen hat. Und der an vorderster Front gegen die nun beschlossenen Kürzungen des Grundbedarfs gekämpft hatte. «Weil ich diese den betroffenen Menschen gegenüber als respektlos empfinde. Und weil mit diesen Einsparungen auf die Sozialdienste noch einmal mehr Abklärungen und Aufwände zukommen werden.»

Nein, die Zeit ist nicht spurlos an Adrian Vonrüti vorbeigegangen. «Ich bin sicher müder, zu kämpfen, als ein zwölf Jahre jüngerer Kollege», sagt er. «Da muss jetzt jemand her, der längere Perspektiven hat. Und auch noch mehr Energie.» In Thomas Egg­ler, ist Vonrüti überzeugt, ist dieser jemand gefunden.

Ein steter Druck

Natürlich stünden die Berufsleute seines Schlags unter einem steten Rechtfertigungsdruck, kann der Huttwiler aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Seiner Motivation soll dies aber keinen Abbruch tun.«Die Welt ist eigentlich ein ungerechtes System. Die Sozialen Dienste helfen, da auch etwas in die Gerade zu rücken», erklärt er seine Sicht der Dinge, die mit ein Grund war, weshalb er vor mehr als zwanzig Jahren den Beruf des Reallehrers gegen den des Sozialarbeiters tauschte.

«Die Welt ist eigentlich ein un­gerechtes System. Die Sozialen Dienste helfen, da auch etwas in die Gerade zu rücken.»

Thomas Eggler

Durch sein Engagement in der kirchlichen Jugendarbeit ist er damals auf dieses Tätigkeitsfeld gestossen. Beim eben erst aus der Taufe gehobenen Sozialdienst Region Trachselwald fand er nach der Ausbildung sogleich eine An­stellung. Vier Sozialarbeiter seien sie damals gewesen, blickt er auf die bescheidenen Anfänge des Dienstes zurück.

Aber auch vor den 13 Gemeinden des Verbandsgebiets haben globale gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen nicht haltgemacht. Die Sozialhilfequote sei zwar etwas tiefer als jene in Langenthal. «Die Problemstellungen aber sind die gleichen», sagt Eggler, und ebenso die Fallbelastung der Mitarbeitenden. Unterschiede zwischen dem früheren und dem neuen Arbeitgeber seien vielmehr historischer oder organisatorischer Natur. Etwa das im ländlichen Raum weit ausgeprägtere Pflegekinderwesen. Die nach wie vor hohe Zahl privater Beistandschaften im Verbandsgebiet. Oder die strikte Trennung zwischen Sozialdienst als Verbands- und Altersfragen als Gemeindeaufgaben.

Warten aufs Alterszentrum

Thomas Eggler weiss, welche Herausforderungen ihn in Langenthal erwarten. Längstens pflegten die Sozialdienste der Region eine enge Vernetztheit, verweist er auf diese seines Erachtens so wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit. Wohl auch deshalb sei es für ihn nicht schwierig, sein Amt jetzt abzu­geben, sagt Adrian Vonrüti. «Weil wir uns schon lange kennen und ich weiss, dass es weitergehen wird.» Dass er und Eggler sich in vielem ähnlich seien, mache das Loslassen sicher noch einfacher.

Wobei, ganz loslassen wird Vonrüti noch nicht. Sowohl bei der Schoio-Familienhilfe wie auch bei der Haslibrunnen AG wird er weiterhin als Verwaltungsrat tätig sein. Den Spatenstich zum geplanten Ausbau des Alterszentrums Haslibrunnen wolle er nämlich unbedingt noch miterleben, sagt er. Dann ist gut.

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