Nach 38 Jahren ist Schluss

Urs Frey hat die Regionalen ­Sozialdienste Niederbipp aufgebaut und zu einer profes­sionellen Organisation ent­wickelt. Fast vier Jahrzehnte blieb er ihnen treu. Nun verabschiedet sich der langjährige Stellenleiter in die Pension.

Im Empfangsbereich hat Urs Frey viele schöne Begegnungen erlebt. Manchmal musste er aber auch ein Machtwort sprechen.

Im Empfangsbereich hat Urs Frey viele schöne Begegnungen erlebt. Manchmal musste er aber auch ein Machtwort sprechen. Bild: Olaf Nörrenberg

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«Sie müssen zum Werkhof», leitet Urs Frey einen Klienten geduldig dorthin, wo sich seit 2002 die Büros der Regionalen Sozialdienste Niederbipp (RSD) befinden. Einladende Räume sind dort auf zwei Geschosse verteilt. «Die meisten Leute sind ganz überrascht, wie schön wir es hier haben», sagt der 64-Jährige mit einem Lachen.

Heute arbeiten in den Räumlichkeiten 22 Fachkräfte mit insgesamt 1900 Stellenprozent. Zusätzlich sind dem Sozialdienst drei Mitarbeitende der Kinder- und Jugendfachstelle in Wiedlisbach angeschlossen.

Er war auf sich allein gestellt

Als der junge Urs Frey seine Tätigkeit im März 1980 als Vormundschafts- und Fürsorgebeamter des Bipperamts in Attiswil aufnahm, war er ganz auf sich allein gestellt. «Die Stelle wurde damals neu geschaffen, zuvor war hier ein Sozialdienst inexistent», sagt Frey.

Dass er im sozialen Bereich tätig sein möchte, wusste der gebürtige Langenthaler schon früh, und so liess er sich zum Sozialarbeiter ausbilden. Die Gerechtigkeit und die Gleichheit aller Menschen habe ihn angetrieben. «Es sollten alle Leute Unterstützung für ein menschenwürdiges Leben erhalten», ist er noch heute überzeugt.

«Mit diesen Massnahmen wird nicht die Armut, sondern es werden die Ärmsten selbst bekämpft.»Urs Frey

Nicht nur die Anzahl Mitarbeitende ist in den vergangenen 38 Jahren stetig gestiegen, sondern auch jene der Sozialfälle. Während die RSD Niederbipp im Jahr 1999 noch 134 Dossiers betreuten, waren es 10 Jahre später bereits deren 370. Und 2016 kümmerten sie sich um 349 Dossiers im Bereich der öffentlichen Sozialhilfe.

Mit diesen Zahlen bewegen sie sich im kantonalen Mittelfeld. «Wir sind immer noch eine ländliche Gegend», betont der Attiswiler. Zentren wie Langenthal oder Städte wie Bern und Biel hätten anteilmässig viel mehr Sozialhilfebezüger zu verzeichnen.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Einschnitte

Nichtsdestotrotz seien bereits innerhalb der Gemeinden des Bipperamts Unterschiede bei der Anzahl der Sozialhilfebezüger auszumachen. «Natürlich gibt es in Niederbipp im Verhältnis mehr Empfänger als in Farnern, wo die Menschen ausschliesslich in Einfamilien- und Bauernhäusern leben», führt Frey aus. Jedoch keine Gegensätze seien im Kindes- und Erwachsenenschutz auszumachen. Denn auch am Berg könne es vorkommen, dass ein Kind schlimmstenfalls aus der Familie genommen werden müsse.

Im ganzen Kanton Bern ist die Zahl der Sozialhilfeempfänger seit 1990 kontinuierlich angestiegen. Auch vor Niederbipp machten die Wirtschaftskrisen von 1990 und 2008 nicht halt. «Überall verloren Menschen ihre Arbeit, und dies wirkte sich auf die regionalen Sozialdienste aus», bestätigt Frey.

In der Region bekamen Arbeitnehmer insbesondere den Rückgang der Industrie zu spüren. «Sulzer, ‹Papieri› Biberist, von Roll in Balsthal, all diese grossen Firmen sind aus der Region verschwunden», erklärt Frey. Ausserdem habe auch die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten einen Wandel durchgemacht. Die Selbstverwirklichung komme heutzutage für viele Menschen an erster Stelle, zugleich seien die Anforde­rungen innerhalb der Berufswelt stetig gestiegen.

Die Spardebatte kritisch mitverfolgt

Als Urs Frey seine Tätigkeit im Sozialdienst aufnahm, waltete in diesem Bereich noch ein Milizsystem. Für den Kindes- und Erwachsenenschutz waren die Gemeinden selber zuständig. In den vergangenen 38 Jahren erlebte der gesamte Sozialdienst einen grossen Wandel hin zur Professionalisierung.

Frey macht keinen Hehl daraus, dass er diese Schritte stets begrüsst hat. «So wurden Grundsätze festgelegt, wie unsere professionelle Arbeit auszusehen hat.» Den Einwand, dass infolge dieser Prozesse die Kosten ansteigen, lässt der Stellenleiter nicht gelten: «Wenn wir professionell mit Menschen arbeiten und sie so in den Arbeitsmarkt eingliedern oder aus einer Sucht holen können, kommt das letztlich günstiger, als wenn sie für längere Zeit im Sozialdienst hängen bleiben.» Jede und jeder sollte in Freys Augen ein menschenwürdiges Leben führen dürfen, auch wenn die eigene Kraft dazu fehle.

«Natürlich gibt es in Niederbipp im Verhältnis mehr Sozialhilfeempfänger als in Farnern, wo die Menschen  in Einfamilien- und Bauernhäusern leben.»Urs Frey

Entsprechend kritisch hat Frey die vergangene Spardebatte im Grossen Rat mitverfolgt. Für Regierungsräte, die 25'000 bis 30'000 Franken im Monat verdienen und einer Einzelperson mit 2000 Franken im Monat, inklusive Wohnen und Krankenkasse, die Sozialhilfe kürzen wollen, könne er kein Verständnis aufbringen. «Mit diesen Massnahmen wird nicht die Armut, sondern es werden die Ärmsten selbst bekämpft», sagt er.

Nur lobende Worte findet der langjährige Stellenleiter hingegen für die Zusammenarbeit innerhalb des Verbandes, dem heute alle elf Gemeinden der ­Subregion Oberaargau-Nord angeschlossen sind. «Über die Parteigrenzen hinweg haben sich die Politiker stets für unsere Anliegen starkgemacht.»

Gemeinsam mit den Klienten einen Weg finden

Nebst den gesamten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen hat Urs Frey in seiner 38-jährigen Tätigkeit bei den RSD auch viele Einzelschicksale erlebt. Natürlich seien ihm einige Fälle sehr nahegegangen. Doch er habe die Herausforderung angenommen, vorwärtszuschauen und gemeinsam mit den Klienten einen Weg zu finden.

So erinnert sich der heute 64-Jährige an einen Fall, als ein neugeborenes Mädchen direkt aus dem Spital heraus fremdplatziert werden musste. Es wuchs unter schwierigen Bedingungen im Heim und bei Pflegefamilien auf. Heute sei es eine stolze Berufsfrau, die mitten im Leben stehe.

Auch aggressive Sozialhilfe­bezüger gehören zur Klientel. Er habe schon mehrmals ein Machtwort aussprechen müssen, wenn jemand im Empfangsbereich getobt habe, sagt Frey. Die Wirkung seiner Worte lässt sich leicht erahnen, strahlt der 64-Jährige doch eine unglaubliche Ruhe aus. «Das bekam ich schon öfters zu hören», sagt er mit einem bescheidenen Lächeln.

Noch bis Ende Februar ist Urs Frey als Stellenleiter tätig. Er freut sich auf den bevorstehenden Ruhestand. Er werde auf eine gute Zeit zurückblicken können. Zudem stehen Reisen und die Eröffnung einer eigenen kleinen Weinhandlung auf dem Programm. Der Abschied von seinen geschätzten Mitarbeitern und seiner geliebten Arbeit fällt ihm trotzdem nicht leicht: «Ich hatte den tollsten Beruf, den es überhaupt gibt.» (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 12.01.2018, 10:21 Uhr

Nachfolger

Per 1. März übernimmt Daniel Frei die Stellenleitung. Der 33-Jährige arbeitet seit acht Jahren bei den Regionalen Sozialdiensten Niederbipp. Gegenwärtig hat er die Fachbereichsleitung des Kindes- und Erwachsenenschutzes inne. Mit dem Wissen, dass mit Daniel Frei ein junger und fähiger Mitarbeiter aus den eigenen Reihen künftig die Verantwortung übernehme, falle ihm der Abschied wesentlich leichter, sagt Urs Frey.

Ausserdem sei es vor kurzem zu einer lustigen Situation ­gekommen: «Ein Klient machte aufgrund unseres gleich klingenden Namens Vater und Sohn aus uns. Er meinte, ich solle gegenüber meinem Sohn ein Machtwort sprechen, damit er etwas mehr Geld erhalte», sagt Frey mit einem Schmunzeln. bey

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