Huttwil

Hier ist Basketball mehr als Sport und Spiel

Huttwil Etwa 30 Jugendliche, vorwiegend junge Männer aus Afghanistan, werden im Sportzentrum Huttwil derzeit betreut und beschult. Die Verantwortlichen sind froh um diesen verhaltenen Start. Ausgelegt wird das neue Zentrum auf 100 Jugendliche.

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Zwei Mannschaften spielen Basketball in der grossen Turnhalle des Sportzentrums Huttwil, das sich nun Campus Perspektiven nennt. So weit ein vertrautes Bild. Es ist allerdings kein gewöhnliches Spiel, wie Katrin Pfrunder erklärt, die Mediensprecherin der Zentrum Bäregg GmbH, die dort seit einem Monat das schweizweit erste Ankunftszentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende betreibt.

Nicht nur, dass hier Asylsuchende Sport treiben, ist ungewöhnlich, auch die Regeln sind es. Vor allem sind sie nicht für beide Mannschaften gleich. Das Spiel gehört zum sportpädagogischen Programm des Zentrums. Nach einer Weile sitzen deshalb die Sportlehrer mit den Spielern in einen Kreis und diskutieren mit ihnen, wie es sich spielt, wenn die Regeln nicht für alle gleich sind.

Der Spieler mit der roten Nummer sieben auf dem Trikot spielt dabei eine besondere Rolle. «Er spricht besser Englisch als manche Gleichaltrige in der Schweiz», hält Katrin Pfrunder fest. Er übersetzt deshalb die englischen Fragen in die Sprache seiner Landsleute und deren Diskussion für die Sportlehrer wieder zurück ins Englische.

30 Jugendliche

30 Jugendliche sind seit dem 7. Januar bereits im Huttwiler Zentrum angekommen, 25 Afghanen, zwei Syrer, zwei aus Guinea und ein Erithreer. 29 sind männlich, eine weiblich. Sehr unterschiedlich sei auch der Bildungsstand, ergänzt Katrin Pfrunder. Während Jugendliche wie die Nummer sieben auf dem Spielfeld sehr gebildet sind, sind andere Analphabeten, zumindest was die westeuropäische Schrift betrifft.

Damit muss sich über den Zuschauertribünen im Sportzentrum auch Didier Zürn auseinandersetzen. Dort befinden sich die Schulzimmer. Zürn ist einer der Lehrer, die die aktuell vier Klassen des Zentrums unterrichten. Gegenwärtig bringt er seiner Klasse Deutsch und Rechnen bei. Nebenan näht eine andere Klasse ihre Schultaschen.

Rund um die Uhr

Während zu den Asylsuchenden genaue Zahlen erhältlich sind, sei dies bei den Angestellten des Zentrums schwieriger, erklärt Barbara Mathys. Die Leiterin ­Betreuung des Zentrums hat ihr Büro im Unterkunftsgebäude, das die Zentrum Bäregg GmbH vom Campus Perspektiven gemietet hat. Schwierig sei es, diese Zahlen zu nennen, weil nicht die Anzahl Angestellte ausschlaggebend sei, sondern ein sogenannter Betreuungsschlüssel.

Als Grundregel gelte, dass pro zehn Kinder und Jugendliche immer eine Betreuungsperson anwesend sei, erklärt Barbara Mathys – und das während 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr respektive 366 in diesem Jahr. Weil bei Traumatisierten Ängste oft erst in der Nacht ausbrechen, ist zudem die Nachtwache nicht bloss ein Pikett, sondern wirklich wach und auf Patrouille, um die Kinder bei Bedarf zu unterstützen.

Zeit nutzen

Vier Wochen bis sechs Monate sollen die Jugendlichen in Huttwil sein, bis ihr Bedarf abgeklärt und eine geeignete Anschlusslösung gefunden ist – sei es in einem Wohnheim der Zentrum Bäregg GmbH, bei Verwandten in der Schweiz oder bei einer Schweizer Pflegefamilie. Die derzeit tiefen Flüchtlingszahlen kann die Zentrum Bäregg GmbH nicht nur für den Start in Huttwil nutzen, sondern auch für gründliche Abklärungen. Deshalb seien im Moment noch keine Weiterverteilungen geplant, obschon die ersten vier Wochen abgelaufen seien, erklärt Katrin Pfrunder.

Ämtli gefordert

Am Informationsabend im Dezember hatte Stephan Zihler um Verständnis dafür geworben, dass die Jugendlichen nicht von Anfang an in fixe Ämterpläne eingespannt würden, sondern zuerst in der Schweiz ankommen sollen. Gestern hätte Katrin Pfrunder den Fragesteller beruhigen können: Den Ämterplan gibt es bereits, denn die Jugendlichen hatten selbst danach gefragt. «Sie brennen darauf, sich einbringen und engagieren zu können.»

Während der Woche, wenn sie in den Stundeplan ihres Bildungs- und Sportprogramms eingespannt sind, werden die Jugendlichen von der Küche des Campus bekocht. Am Wochenende jedoch können sie die Küche selbst benützen. Auch davon machten sie rege Gebrauch, erklärt Barbara Mathys: «Letztes Wochenende hat eine Gruppe von ihnen ein perfektes afghanisches Menü auf den Tisch gezaubert.»


Hotline Asylzentrum:079 372 63 38 (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.02.2016, 08:52 Uhr

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