Ein digitaler Marktplatz in der Provinz

Langenthal

Mit der Hystrix Medical AG siedelt sich ein Start-up-Unternehmen in der Stadt Langenthal an, das klein begonnen hat, aber hoch hinauswill.

Zentral beim Bahnhof gelegen hat die Firma ihre Zentrale eröffnet. Ein weiterer geteilter Arbeitsraum besteht in Zürich.

Zentral beim Bahnhof gelegen hat die Firma ihre Zentrale eröffnet. Ein weiterer geteilter Arbeitsraum besteht in Zürich.

(Bild: Raphael Moser)

Produkte jeglicher Art sind heute schnell bestellt: online vergleichen, in den Warenkorb klicken, bezahlen– fertig. Schon in wenigen Tagen steht die Lieferung vor der Haustür. So besorgen sich mittlerweile viele ihre Artikel des täglichen Gebrauchs.

In der Medizinaltechnik läuft das etwas anders: Die Konsultation vom Kunden zum Anbieter erfolgt meist analog, der Beschaffungszyklus dauert gut und gerne zwei bis sogar sechs Monate. Gerade für ein Spital, das ein paar Hundert Lieferanten hat, ein immenser Aufwand. Das soll, ja das darf nicht sein, sagte sich Philippe Hügli, der einst als Geschäftsführer für einen amerikanischen Medizintechnikhersteller und als Divisionsleiter der interventionellen Kardiologie in Österreich gearbeitet hatte.

«Bringen Geschwindigkeit»

Vor zwei Jahren feilte er im solothurnischen Biberist an einer Idee. Er wollte im Medizinbereich Käufer und Verkäufer zusammenführen, eine Drehscheibe für den Markt im Gesundheitswesen schaffen. Aus der Einmannshow wurde das Start-up-Unternehmen Hystrix Medical AG mit mittlerweile zwölf Angestellten. Der Kanton Bern wurde auf die Firma aufmerksam und wählte diese für sein Standortförderungsprogramm aus.

Im Zuge dessen ist die Firmenzentrale nun nach Langenthal gezogen. Am Donnerstagvormittag stand an der Bahnhofstrasse 47 die Eröffnung der neuen Räume an. Hügli sagte vor versammelten Gästen: «Wir bringen Geschwindigkeit in eine Branche, die das noch nicht kennt.» Der steuerfinanzierte digitale Marktplatz ist seit letztem November online und wachse stetig. 40 000 Produkte von 35 Lieferanten sollen bereits verfügbar sein, mit weiteren 15 000 Produkten in der Warteschlaufe. Noch macht er aber keinen Profit.

Mustergültige Ansiedlung

Warum zieht ein innovatives Jungunternehmen mit Angestellten aus Frankreich, Spanien oder Deutschland ausgerechnet in die Provinz nach Langenthal? «Weil der Ort ideal gelegen ist für unser nationales und internationales Geschäft», sagt Geschäftsführer Hügli. Zudem seien sie vom Kanton Bern, von der Stadt und sogar von den Liegenschaftsbesitzern bestens unterstützt worden. Einer dieser Unterstützer ist Manfred Böbner von der kantonalen Standortförderung. «Hystrix hat einen klugen Standortentscheid getroffen», sagt er.

«Hystrix hat einen klugen Standortentscheid getroffen.»Manfred Böbner, Standortförderung Kanton Bern

Im Oberaargau und in den umliegenden Regionen finde das Unternehmen einen guten Marktzugang und genügend Fachkräfte vor, um innovative Produkte zu entwickeln. Fast zu viel des Lobs war das für Stadtpräsident Reto Müller (SP). «Wir sind natürlich ein Kaff, aber im positiven Sinne», relativiert er. Die Digitalisierung sei jedoch auch hier ein Thema. Müller weiter: «Für uns war der Ansiedlungsprozess mustergültig– weil wir gar nicht erst involviert waren.» Er habe lediglich vor kurzem eine E-Mail mit den vollendeten Tatsachen erhalten.

Geld durch Transaktionen

Was Hystrix macht, mag kompliziert klingen, ist im Grunde aber einfach: Weder kauft noch verkauft die Firma irgendwelche Produkte, stattdessen führt sie digitale Nachfragen und Angebote auf einer Plattform zusammen. Auf dieser können Kunden transparent vergleichen und bestellen, den Lieferanten auf der anderen Seite ermöglicht dies neue und schnellere Verkaufskanäle, die fast ohne Personal auskommen. Hystrix verdient dabei am Transaktionsvolumen, deshalb sieht das Geschäftsmodell gemäss Hügli auch nicht vor, nur Produkte mit möglichst günstigen Preisen anzubieten.

Trotzdem soll sich so im Gesundheitswesen viel Geld sparen lassen. Konkrete Studien dazu bestünden zwar nicht, sagte Hügli, aber es gebe Berechnungen, die von einer Effizienzsteigerung von bis zu 60 Prozent ausgingen. Die Gesundheitskosten betrugen letztes Jahr in der Schweiz circa 80 Milliarden Franken, wovon etwa 11 Milliarden Franken auf die Medizinaltechnik entfielen.Zeit, kosteneffizienter zu werden – mit ein wenig Hilfe aus dem Oberaargau.

Berner Zeitung

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