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Die «Mutter vom Bau» wird geehrt

Rosmarie Ingold, die diesjährige Kulturpreisträgerin, hatte es in ihrem Leben nicht immer einfach. Umso wichtiger ist der 85-Jährigen die Kunst: Diese hat ihr auch in schwierigen Zeiten geholfen.

Wo man auch hinsieht: In der Wohnung von Rosmarie Ingold hängen fast überall Bilder.
Wo man auch hinsieht: In der Wohnung von Rosmarie Ingold hängen fast überall Bilder.
Beat Mathys

Auf dem Sofa stapeln sich etliche Ordner. Alle sind sie prall gefüllt mit den Arbeiten von Rosmarie Ingold. Darüber hängt ein grosser Scherenschnitt. Auch anderswo hängen zahlreiche Bilder an den Wänden. Daneben steht ein Holzschrank, den die 85-Jährige selbst bemalt hat. Und darin türmen sich von ihr bemalte Porzellanteller. Auf dem Bett hat sie ihre Seidenmalereien ausgebreitet.

Wo man auch hinsieht: Die Alterswohnung von Rosmarie Ingold in Herzogenbuchsee zeugt von ihrer grossen Leidenschaft. «Sie hätten mal den Keller in meinem Haus sehen sollen», sagt sie stolz und lächelt. Um gleich hinterherzuschieben: «Hinter jedem Werk steckt eine Geschichte.»

Seit anderthalb Jahren wohnt die Künstlerin im Alterszentrum Scheidegg. Die Diagnose Parkinson habe sie zu diesem Schritt gezwungen, erzählt die gebürtige Niederönzerin. Doch mit der Kunst aufzuhören, das sei für sie nie infrage gekommen. «Ich kann gar nicht ohne».

«Das ist wie eine Medizin für mich.»

Rosmarie Ingold

Das gehe so weit, dass manchmal ihre Nachbarin vorbeikommen und ihr den Pinsel aus den Fingern nehmen müsse. Ein verschmitztes Lächeln kräuselt ihre Lippen. Und ihre Augen leuchten plötzlich wie bei einem Kind. «Malen hält jung.» Wenn es ihr mal schlecht gehe, meine sogar der Arzt, sie solle doch wieder etwas zeichnen. «Das ist wie eine Medizin für mich.» Wenn sie das irgendwann nicht mehr tun könne, dann sei «Schluss».

Zu viel werde ihr das aber nicht, beteuert sie. Trotz ihres hohen Alters. Im Gegenteil: Heute könne sie sich viel besser Zeit dafür nehmen. Auch habe sie jetzt die nötige Ruhe, die ihr vorher lange Zeit gefehlt habe. Denn sie habe in ihrem Leben viel Schlimmes erlebt. «Die Kunst hat mir geholfen, dies zu verarbeiten.»

Rosmarie Ingold spricht unter anderem den Verkehrsunfall ihrer Tochter und die lange Krankheit ihres Mannes an, der vor sechzehn Jahren verstorben ist. Dann steigen ihr Tränen in die Augen. «Wir haben es schön gehabt zusammen.»

Keine Ausbildung

Ihre grosse Begeisterung für die Kunst habe damit begonnen, dass sie als Erstklässlerin Farbstifte geschenkt bekommen habe, erinnert sich Rosmarie Ingold. In der Schule sei sie von ihrem Lehrer, später dann vom Maler Peter Streit aus Langenthal gefördert worden.

Beeinflusst davon habe sie sich eigentlich zur Porzellanmalerin oder Schneiderin ausbilden lassen wollen. Doch dazu kam es nicht. «Aus finanziellen Gründen», sagt sie. Für ihre Eltern sei nämlich klar gewesen, dass ihre Tochter so rasch wie möglich Geld verdienen müsse. Und so begann sie in Herzogenbuchsee in der Schuhfabrik Hug zu arbeiten.

Später heiratete sie dann und gründete mit ihrem Mann Franz eine Familie mit drei Kindern. Und schliesslich machten sich Ingolds 1963 mit ihrem Malergeschäft in Niederönz, das heute ihr Sohn führt, selbstständig.

Viele Jahre lang habe sie ihren Mann auf die unterschiedlichsten Baustellen begleitet und dort bei seiner Arbeit unterstützt, erzählt sie. Das sei so weit gegangen, dass sie bald einmal den Übernamen «Die Mutter vom Bau» verpasst bekommen habe.

Noch immer in Gebrauch: Der Malkasten, den sich Rosmarie Ingold von ihrem zweiten Lohn gekauft hat.
Noch immer in Gebrauch: Der Malkasten, den sich Rosmarie Ingold von ihrem zweiten Lohn gekauft hat.

Dass sie nie eine richtige Ausbildung habe machen können, bedauere sie schon ein wenig, sagt Rosmarie Ingold. Als sie sich mit 18 Jahren von ihrem zweiten Lohn den ersten Malkasten gekauft habe, sei das zu Hause gar nicht gut angekommen. Den alten Kasten mit den Aquarellfarben besitzt sie heute noch. Er steht auf ihrem kleinen Ateliertisch neben dem Bett. «Das ist der wichtigste Platz für mich.»

Fast jedes Bauernhaus gezeichnet

Ohne Kunstausbildung musste sich Rosmarie Ingold ihre Fertigkeiten selbst beibringen. Zudem besucht sie alle möglichen Kurse: etwa für die Bauernmalerei, die Kalligrafie, das Seidenmalen, das Glasritzen oder das Porzellanmalen.

Gerne hätte sie auch gelernt, Porträts zu zeichnen. Den entsprechenden Kurs in Langenthal habe sie jedoch nie besuchen können. Trotzdem habe sie jetzt kürzlich damit begonnen, Gesichter zu zeichnen, sagt sie und präsentiert ihren Skizzenblock. Leicht sei das aber nicht, stellt sie fest. Es sei eine grosse Herausforderung, ein Gesicht aufs Papier zu bringen.

Da fallen ihr andere Motive leichter. Inspiriert werde sie von allem, was sie in der Natur vorfinde, inbesondere von Landschaften und Tieren wie zum Beispiel Katzen oder Schmetterlingen. Auch alte Gebäude haben es ihr angetan: «Ich habe schon fast jedes Bauernhaus in der Region einmal gezeichnet.», sagt sie.

Wie bei all ihren Arbeiten sei dann vor allem Geduld gefragt: Um einen grossen Scherenschnitt fertigzustellen, habe sie auch schon mal einen ganzen Winter aufgewendet. Der Aufwand habe sich aber immer gelohnt. Ihre Werke konnte sie an über 100 Ausstellungen präsentieren, unter anderem auch an der BEA.

«Das ist nicht möglich»

Am 7. Juni wird Rosmarie Ingold nun der Kulturpreis der Gemeinde Herzogenbuchsee verliehen. Zu ihrer grossen Überraschung: «Das ist ja gar nicht möglich, dachte ich mir.» Schliesslich habe sie nie etwas Richtiges gelernt, sie habe immer nur gezeichnet, sagt sie ganz bescheiden. Die Überraschung sei sogar so gross gewesen, dass sie in der Nacht darauf kaum ein Auge zugetan habe. Nun aber freue sie sich sehr auf die Verleihung: «Zu diesem Anlass werde ich zum letzten Mal meine Tracht anziehen.»

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