Das Überbleibsel der alten Farb

Langenthal

Sie hat ihren Namen vom Gewerbequartier, in dem früher Tücher gefärbt wurden: die Farbgasse in Langenthal. Ein Teil dieses Quartiers verschwand. Bei einem Grossbrand im Mai 1948 ging es in Flammen auf.

So sah die Farbgasse einst aus.

So sah die Farbgasse einst aus.

(Bild: zvg)

Jürg Rettenmund

«Im Haus links wuchs mein Vater auf», sagt Peter Bickel und deutet auf die alte Aufnahme in seiner Hand. Geht man mit ihr durch die Langenthaler Farbgasse, erkennt man das Haus wieder, auch wenn es nur angeschnitten zu sehen ist. Die sichtbaren Riegbalken sind unverkennbar: Es ist das Haus Nummer 50. Die anderen Häuser jedoch sucht man heute vergeblich: Es gibt sie nicht mehr.

Sie fielen in der Nacht vom 20. auf den 21. Mai 1948 einem Grossbrand zum Opfer. «Damals wohnten meine Tante und mein Onkel noch dort», erklärt Peter Bickel. «In Schoren waren die Flammen am taghell beleuchteten Himmel nicht zu übersehen.»

Der Vater eilte seiner Schwester und deren Familie zu Hilfe. Von seinen Erzählungen ist dem Sohn etwas unvergesslich geblieben: «Neben dem Haus stand ein Brunnen. Ein Feuerwehrmann, der Wasser in die brennenden Häuser spritzte, bezog im Brunnentrog Position, so gross war die Hitze.»

5 Häuser brannten lichterloh

Im Jahrbuch des Oberaargaus 2005 beschrieb Daniel Schärer das «Ende der alten Farb» nach vielen Gesprächen mit ehemaligen Quartierbewohnern detailreich und lebendig. Das Feuer war in der Bildmitte – «im Haus des Landwirts Aebi» – ausgebrochen und hatte innert Kürze auf 5 Häuser zwischen der Farbgasse und der Langeten übergegriffen.

Ein italienischer Saisonarbeiter, der im Brandobjekt wohnte, hatte um 1.40 Uhr ein Feuer zwischen Scheune und Pferdestall bemerkt und seine Arbeitskollegen geweckt, die sich durch das Fenster retten konnten.

Die Feuerwehr musste sich auf die Rettung der umliegenden Häuser beschränken. Landwirt Aebi verlor neben Hab und Gut ein Pferd und sechs Stück Rindvieh. Zwölf Tiere konnte er retten. Menschenleben waren zum Glück keine zu beklagen, doch 13 Familien mit 45 Personen, darunter 13 Kinder, verloren ihr Obdach. Die Brandursache konnte nie geklärt werden.

«Hochhaus» statt Bauernhaus

Nach dem Brand schaltete sich die Einwohnergemeinde ein und nahm die Neubauplanung an die Hand. Sie wollte verhindern, dass in dieser Lage wieder ein Bauernhaus gebaut wurde. Hans Aebi wanderte schliesslich nach Coppet bei Genf aus, wo er durch Vermittlung eines Dienstkollegen einen Betrieb übernehmen konnte.

Anstelle der abgebrannten Häuser zwischen Farbgasse und Langeten errichtete eine Investorengruppe das Mehrfamilienhaus Farbgasse 46, ein «Hochhaus nach Zürcher Vorstadtmanier», wie es Michael Annen in den Langenthaler Heimatblättern 1961 bezeichnete.

So sieht die Farbgasse heute aus. Geblieben ist nur das Haus Nummer 50, links im Bild. Bild: mbg

Das Schicksal des «einstmals bedeutenden Gewerbeviertels Farb» mag mit dem Brand von 1948 «besiegelt» gewesen sein, wie Daniel Schärer schrieb. Umso mehr, als das «Hochhaus» nicht das einzige neue Mehrfamilienhaus an der Farbgasse blieb. Doch das Rieghaus mit der Hausnummer 50 ist nicht das einzige, das den Brand überlebte. In seiner Nachbarschaft haben sich wei­tere Baudenkmäler erhalten, darunter teils dasjenige im Hin­tergrund des Bildes. Es wurde jedoch im Jahr 1972 abgebrochen.

Zu den bis heute bestehenden Gebäuden gehört insbesondere die eindrückliche alte Farb, deren älteste Teile gemäss Bauinventar wohl aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammen. Ebenfalls bis ins 18. Jahrhundert zurück datieren die ältesten ­Teile des Hauses 58, in dessen ­Ökonomieteil erst kürzlich Büros und Wohnungen eingebaut ­wurden.

Eine bei der Sanierung nicht übermalte Markierung verrät zudem, dass der Farb nicht nur das Feuer gefährlich werden konnte: Sie zeigt an, wie hoch die reissenden Fluten beim Jahrhunderthochwasser der Langeten am 30. August 1975 vorbeiflossen. Danach wurde der Entlastungsstollen in Madiswil gebaut.

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