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Das Aus nach langem Kampf

Noch bevor dieses Jahr vorbei ist, schliesst das Möbelhaus Anliker in Langenthal. Das Ende des einst so erfolgreichen Unternehmens hat sich schon länger abgezeichnet.

Wie geht es weiter mit dem historischen Haus? Verkauft soll die Liegenschaft bereits sein. Mehr verrät der bisherige Besitzer nicht.
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Marcel Bieri
Alltag um 1932: In der Bankwerkstatt ist noch viel Handarbeit gefragt.
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Jahrbuch des Oberaargaus
Der Blick in den Holzlagerraum der Möbelmacher.
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Jahrbuch des Oberaargaus
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«Totalausverkauf». So wirbt Anliker derzeit am Schaufenster und in Anzeigerspalten um Käufer. Klotziges Werben war eigentlich nie die Art des Möbelhauses, das in Langenthal und der Region als Anliker, die Möbelmacher bekannt ist. Der Ausverkauf an der Ringstrasse 40 ist aber kein gewöhnlicher. Es ist der letzte der Firma, die viele Wirren, Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege überstanden hat. Beim heutigen Inhaber Heinz Flury schwingt zwar Wehmut mit, wenn er über das Ende des Möbelhauses spricht. Aber er sagt auch: «Ich hätte diesen Schritt schon vor 5 Jahren machen sollen.»

Flury wird bald 70 Jahre alt, mit ein Grund, weshalb er sich den Stress in einem umkämpften Markt nicht mehr antun will. Noch entscheidender aber findet er die Marktsituation, die sich für sein Unternehmen Jahr um Jahr verschlechtert hat: «Die Möbelbranche ist eine gewaltige Problembranche.»

Mit der Schreinerei fing es an

Einfach war der Verkauf von Möbeln auch im Jahr 1896 nicht. Der junge Gottfried Anliker eröffnete damals eine eigene Schreinerei in einem Melchnauer Bauernhaus. Obschon die Werkstatt bescheiden war, verstand es der 23-Jährige, durch solide Arbeit und faire Preise viele Aufträge für sich zu gewinnen. Anliker expandierte, bezog einen Neubau und führte die erste Maschine zum Sägen, Fräsen, Bohren und Hobeln ein. Als dann 1907 Melchnau ans elektrische Netz angeschlossen wurde und Glühlampen das Petrollicht ersetzten, erhielten die zuvor handbetriebenen Maschinen endlich Strom.

Die Möbelwerkstatt wuchs, und Anliker entschied sich, den Firmenstandort ins aufstrebende Langenthal zu verlegen. In den 1920er-Jahren machte dann Sohn Gottfried Anliker junior auf sich aufmerksam, als er an der Burgdorfer Gewerbeausstellung seine neuen Möbelkreationen ausstellen konnte. Weitere erfolgreiche Auftritte an wichtigen Messen in Basel folgten.

Nur der Kopf wollte nicht

Oktober 2017: Drinnen in der Filiale sitzt Heinz Flury am Holztisch. Halber Preis, weitere 50 Prozent Rabatt sollen folgen. Tabula rasa. Alles muss raus. Im ersten Stock sind die Sitzungszimmer schon leer geräumt. Ende Jahr will Flury mit allem Drum und Dran draussen sein. Einen Käufer für das schützenswerte Haus hat er bereits gefunden. Genaueres will er nicht verraten.

Mit sich gerungen hat der Solothurner schon lange. Es sei ein intensiver Prozess gewesen, aber sein Kopf wollte eine Schliessung nicht wahrhaben. Doch mit der schwindenden Kundschaft werden auch die Erfolgschancen kleiner. Seinen beiden Söhnen hätte Flury daher das Geschäft nicht guten Gewissens übergeben können. Grossinvestitionen in Möbel würden nicht mehr dem Zeitgeist entsprechen. «Heute kauft man Möbel für die Wohnung, nicht mehr fürs Leben», sagt Flury.

Inszeniertes Wohnen

1939: Das Geschäft läuft bestens. Die Anliker-Möbelmacher haben eine gute und kaufkräftige Kundschaft. Kein Verwaltungsbüro in der Umgebung, das nicht mit Möbeln aus dem Hause Anliker ausgestattet wäre. Der absolute Verkaufsschlager aber ist das Landi-Bänkli. Erstmals zu sehen war diese Gartenbank aus massivem, verkohltem Eichenholz an der Landesausstellung in Zürich. Jahrzehntelang wird das Produkt der Umsatztreiber sein.

Anliker spezialisiert sich fortan vermehrt auf Wohnlandschaften. Zeitzeugen sagen, beim Stil der Inszenierungen hätte man beinahe die Tabakpfeife des alten Gottfrieds riechen können. Gegen Kriegsende wird aus der Firma Anliker eine Aktiengesellschaft. In Bern entsteht ein Innenarchitekturbüro. Das Unternehmen erhält in Paris an einer internationalen Ausstellung gar eine Goldmedaille.

Niedergang nach Jubiläum

1977, mittlerweile in dritter und vierter Generation, wird in Bern am Bubenbergplatz auf fast 600 Quadratmetern eine neue Filiale eröffnet. Die beiden Söhne übernehmen das Geschäft von Ueli Anliker, der sich zuvor mit seinem Halbbruder auseinandergelebt hatte. Als dann die beiden Söhne den Betrieb nicht mehr führen wollen, kommt Heinz Flury ins Spiel. Er sitzt bereits im Verwaltungsrat und führt daneben eine deutsche Produktionsfirma für Polstermöbel. Deshalb hat er grosses Interesse daran, den Langenthaler Kunden zu erhalten. Erst ist er Miteigentümer, später übernimmt Flury das gesamte Aktienkapital.

Noch 1996 feiert der Möbelhersteller Anliker sein 100-jähriges Bestehen und widmet die Jubiläumsausgabe der Birke. Wo damals der Eintrag im Jahrbuch des Oberaargaus endet, beginnt die Talfahrt für das Unternehmen.

Der letzte Lehrling

Dass der Langenthaler Standort bald schliesst, steht intern schon länger fest. Deshalb ersetzte Flury bei Abgängen auch kein Personal mehr. Waren zu Blütezeiten etwa zwanzig Angestellte am Standort, sind es derzeit noch sechs. Fünf von ihnen hätten bereits eine neue Anstellung gefunden.

Gründe, weshalb Flury sein Geschäft nicht schon früher schloss, gibt es einige: Da seien die Mitarbeitenden, die immer mit viel Herzblut gearbeitet hätten. Und da waren auch die vielen Lehrlinge, die über Jahrzehnte bei Anliker ihre Ausbildung absolvierten. «Ich konnte nicht den Laden schliessen, bevor der letzte seine Prüfung abgeschlossen hatte», sagt Flury. Der letzte Anliker-Stift tat dies im August. Er soll noch bis im Dezember weiterarbeiten können, bevor er in die Rekrutenschule geht.

Ganz von der Bildfläche verschwinden werden die Anliker-Möbel aber nicht. Der Standort in Bern ist nach langer Nachfolgesuche gesichert (siehe Kasten). Auch die markanten Landi-Bänkli sind nicht verloren – ein Mitarbeiter aus Langenthal wird diese in Zukunft weiter herstellen. Bereut Flury heute, dass er die Firma vor fast 20 Jahren übernommen hatte? Darauf antwortet er bloss, dass es eine sehr schwierige Zeit gewesen sei. Anliker, die Möbelmacher. Ein Geschäft der Unverwechselbarkeit. Früher, da hatte die Firma Glanzzeiten erlebt.

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