Herzogenbuchsee

Auf den Spuren der Fabrikanten

HerzogenbuchseeDas Interesse an der Dorfführung zur Industrie- und Arbeitergeschichte in Herzogenbuchsee war gross. Der rund einstündige Rundgang fühlte sich an wie eine Zeitreise.

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Nein, mit so vielen Leuten habe er nicht gerechnet, gab Hans Wyssmann, Co-Präsident der SP Herzogenbuchsee, zu. Seine Partei hatte am Donnerstagabend zu einer öffentlichen Dorfführung zur Industrie- und Arbeitergeschichte von Herzogenbuchsee eingeladen. Rund dreissig interessierte Personen waren erwartet worden, gut doppelt so viele sind letztlich gekommen. Zur sichtlichen Freude auch von Hans Kaspar Schiesser. Das Mitglied der Redaktion von «Kulturland Herzogenbuchsee» führte den rund einstündigen Rundgang an und war dabei voll in seinem Element.

Denn so manches über die Dorfgeschichte Buchsis ist allseits bekannt, vieles, was er zu erzählen hatte aber wohl weniger. So wissen wir etwa, dass Buchsi 1857 eine Bahnverbindung erhielt und diese ein wichtiger Motor für die Industrialisierung der Gemeinde war. Doch nicht jeder dürfte zum Beispiel gewusst haben, dass sich aus diesem Grund 1862 die Käsehandlungsfirma Röthlisberger neben dem Bahnhof niederliess und Buchsi neben Burgdorf und Langnau rasch zur dritten Käseexporthochburg aufstieg.

Mit der Geschichte der Buchser Käsebarone nahm die Führung am Bahnhof ihren Anfang.

Die SP zu fest links

Dabei machte es durchaus Sinn, dass gerade die Sozialdemokraten als Organisatoren auftraten. Ist doch die Buchser Industriegeschichte eng mit jener der Arbeiterbewegung und somit auch der SP Herzogenbuchsee verknüpft. Zusammen mit seinen Zuhörern reiste Schiesser, selbst SP-Mitglied, hierfür ins Jahr 1867 zurück. Damals wurde im Dorf der Grütliverein gegründet, aus dem heraus eine erste organisierte Arbeiterbewegung entstand. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts bildete sich eine – wohlverstanden noch zaghafte – Gewerkschaft. Und erst 1906 sollte schliesslich ein Arbeiterverein hinzukommen. Beides Vorläufer, aus denen 1909 die Sozialdemokratische Partei hervorging.

Während die Buchser in der Industrie zu den Pionieren gehört hätten, erzählte Schiesser, seien sie bei der Entstehung der Arbeiterbewegung eher hinterhergehinkt. Und auch von einer Einigkeit war bald nur noch wenig zu spüren. Bis sich die Gewerkschaften 1934 schliesslich klar von der ihrer Meinung nach arbeitgeberfeindlichen SP distanzierten. «Die SP war den Gewerkschaften politisch zu fest links ausgerichtet», erklärte Hans Kaspar Schiesser, der bei seiner Führung auch in der Bahnhofstrasse vor dem ehemaligen Versammlungslokal der SP haltmachte.

Die harte Gangart bei Hug

Und das, obwohl die Arbeiter damals jede Unterstützung nötig gehabt hätten, die sie bekommen konnten. Verantwortlich hierfür war nicht zuletzt auch die Schuhfabrik Hug, die 1909 in die Unterstrasse zog – dort, wo das heutige Coop-Hochhaus steht. Diese kann zwar auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückblicken. Gerade während des Ersten Weltkriegs florierte das Geschäft, und Hug konnte seine Belegschaft von 1914 bis 1919 mehr als verdoppeln. Doch die Arbeitnehmer profitierten davon keineswegs. Im Gegenteil: Die Firma Hug sei für ihre eher straffe Gangart bekannt gewesen, erzählte Hans Kaspar Schiesser. Bereits 1916 kam es zu einem ersten Streik wegen einer Lohnreduktion. Und drei Jahre später mussten sich die Arbeitenden erneut zur Wehr ­setzen.

Bald einmal zur zweitgrössten Schuhfabrik der Schweiz aufgestiegen, führte Hug zudem 1929 das Fliessband ein. Das Unternehmen nahm ab den Dreissigerjahren auch Werke in Dulliken AG und Kreuzlingen TG in Betrieb und beschäftigte auf dem Höhepunkt 1400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Ein Hansdampf

Letztlich wäre eine Dorfführung zur Buchser Industriegeschichte aber ihren Namen nicht wert ohne einen Abstecher zum Moser-Haus am Rössliplatz, in dem seit 2016 die Bibliothek untergebracht ist. Denn die Familie Moser war es, die im 19. Jahrhundert den Grundstein für Herzogenbuchsee als Industrieort legte. Samuel Friedrich Moser (1808 bis 1891) war damals mit dem Betrieb der Seidenbandweberei zwischen Byfangweg und Wangenstrasse der wichtigste einheimische Fabrikant. Die erste Seidenbandweberei wurde 1849 gebaut. Bis 1854 konnten bereits 300 Arbeiter beschäftigt werden.

«Eine Industriebrache ist Herzogenbuchsee aber heute deshalb noch lange nicht.»Guide Hans Kaspar Schiesser

Ein Hansdampf in allen Gassen sei Moser, der Vater von Amélie Moser, gewesen, erzählte Hans Kaspar Schiesser. «Ein Patriarch, im Guten wie im Schlechten.» Gleichzeitig sei er auch als Gewerkschaftsfeind und Sozialpolitiker aufgetreten. Und selbst Gotthelf habe zu seinem Freundeskreis gehört.

Die Geschichten der alten Indus­triefamilien, das musste Schiesser zum Schluss seiner Führung bilanzieren, sind schon länger zu Ende erzählt. «Eine Industrie­brache ist Herzogenbuchsee aber heute deshalb noch lange nicht», konstatierte er und schlug so den Bogen in die Gegenwart – zu den sogenannten Hidden Champions, den heimlichen Marktführern in ihrer Branche. Von diesen kleineren oder mittleren Hightechfirmen gebe es in Buchsi nämlich einige, so zum Beispiel Duap, Fischer Spindle oder Heiniger. «Sie haben dafür gesorgt, dass Herzogenbuchsee eine industriell geprägte Zu­pendlergemeinde geblieben ist.» (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 08.09.2018, 10:38 Uhr

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