Auf dem Weg zur Heldin

Langenthal

Jugendliche führen ältere Semester in der Regionalbibliothek in die digitale Welt ein. Das Interesse am Kurs «Tablet Heroes» ist gross – auf beiden Seiten.

<b>Für ihn ist die Arbeit</b> auf dem Tablet Alltag, für sie Neuland: Noé Schär und Heidy Wyss.

Für ihn ist die Arbeit auf dem Tablet Alltag, für sie Neuland: Noé Schär und Heidy Wyss.

(Bild: Thomas Peter)

Zwar sitzen sie alle in einem Kreis zusammen, doch die Gespräche wollen noch nicht so recht anlaufen. Dabei haben die 13 älteren und ebenso vielen jüngeren Erwachsenen, die an diesem Samstagmorgen in der Langenthaler Bibliothek zusammenkommen, etwas gemeinsam: das Interesse am Tablet. Die über 55-Jährigen wollen mehr über den handlichen Computer erfahren – und zwar von Jugendlichen, die schon damit aufgewachsen sind.

Bibliotheksleiterin Monika Hirsbrunner schreitet zum Kreis und stellt die Duos zusammen. Hände werden geschüttelt, Namen genannt. Das Eis ist gebrochen. Die Gruppen verteilen sich in der ganzen Bibliothek, jede mit einem Tablet ausgerüstet. Ein idyllisches Plätzchen suchen sich Heidy Wyss und Noé Schär aus.

Auf einem Ledersofa unter dem Fenster machen sie es sich bequem. Sofort beginnt die 83-Jährige zu erzählen – ihre Hände sprechen mit. Schon vor 15 Jahren habe sie einen Computerkurs besucht. Ausser dem feinen Kuchen in den Kaffeepausen sei ihr aber nichts geblieben.

Zu schnell und zu unpersönlich seien die Inhalte damals vermittelt worden. Diese Gefahr besteht heute nicht: Noé Schär widmet sich voll und ganz seiner einzigen Schülerin.

Wo einstecken?

«Du musst mir alles von Grund auf erklären», sagt Heidy Wyss. Abgesehen vom missglückten Computerkurs habe sie keinerlei Erfahrung mit solchen Geräten. «Ich will mich aber nicht abhängen lassen.»

«Ich will mich nicht abhängen lassen.»Heidy Wyss, Kursteilnehmerin

Noé Schär zieht das Herzstück des Kurses aus der Kartonverpackung und hält es so in seinen Händen, dass Heidy Wyss einen guten Blick darauf hat. Er dreht das Gerät und demonstriert, wo sich die Lautstärke einstellen lässt.

«Und hier schaltet man es ein. Wenn man es zum ersten Mal braucht, muss man lange draufdrücken.» Heidy Wyss’ Augen saugen jede seiner Bewegungen auf. «Lug jetzt», entfährt es ihr, als der Bildschirm ein erstes Mal aufleuchtet.

«Hier können Sie es zum Aufladen einstecken.»

«Wo muss ich es denn einstecken? Geht das bei jeder normalen Steckdose?»

Der 15-Jährige lacht nicht, auch ein Schmunzeln sucht man auf seinen Lippen vergeblich. Vielmehr erklärt er seiner Schülerin geduldig, dass sich das Tablet an jeder Steckdose aufladen lässt. «Du darfst schon lachen», sagt sie, und tätschelt Noé Schärs Unterarm. Nun blitzt doch ein verlegenes Lächeln auf.

Voneinander profitieren

An drei weiteren Samstagen wird sich das Duo – beide sind sie aus dem Raum Herzogenbuchsee – in der Bibliothek treffen und üben, üben, üben. Dazwischen können die Kursteilnehmer das Tablet mit nach Hause nehmen. So sieht das Konzept von Infoklick aus.

So erklärt Noé Schär der 83-jährigen Heidy Wyss, wie man mit einem Tablet umgeht. Video: Béatrice Beyeler

Der Verein, der sich im Bereich Kinder- und Jugendförderung engagiert, organisiert den Kurs und stellt die Geräte zur Verfügung. Projektbeauftragte Anina Peter freut sich über das grosse Interesse in Langenthal, insbesondere vonseiten der Jugendlichen: «Das ist bei jeder Durchführung ein Knackpunkt.»

Der Hauptfokus bei «Tablet Heroes» liegt darauf, die Generationen zusammenzubringen. «Es ist schön, zu beobachten, wie die Jugendlichen und Senioren die Köpfe zusammenstecken und zusammen lachen», sagt Anina Peter.

Anina Peter ist Projektbeauftragte von Infoklick. Sie unterstützt die Duos am ersten Kurstag. Foto: Thomas Peter

Der vierteilige Kurs kostet 150 Franken, davon gehen 100 Franken an die jungen Lehrpersonen. «Die meisten kommen aber nicht wegen des Geldes», ist Anina Peter überzeugt. Vielmehr bereite es ihnen Freude, ihr Wissen weiterzugeben. «Für sie ist es Alltag, sie müssen nicht extra etwas lernen.» Ausser wie sie die Möglichkeiten des Tablets richtig zu vermitteln haben: Das haben die Jugendlichen in einer eintägigen Schulung erfahren.

Bibliotheksleiterin Monika Hirsbrunner hat das Konzept nach Langenthal geholt. «Es entspricht unserem Leitbild», sagt sie. «Wir nehmen Entwicklungen und Trends in der Medienwelt auf und berücksichtigen gesellschaftliche Veränderungen.» Weil der Kurs rasch ausgebucht war, ist Hirsbrunner offen für eine weitere Auflage. Für eine Prognose sei es aber noch zu früh.

Etwas Gutes tun

Heidy Wyss und Noé Schär sind dabei, eine E-Mail-Adresse einzurichten. Er zeigt ihr, wo sie ihren Namen und das Geburtsdatum eingeben muss. Das Tippen überlässt er seiner Schülerin.

«Ich tue sonst nicht viel Gutes und wollte mal hilfsbereit sein.»Noé Schär

«1936, kennst du das Jahr überhaupt noch? Damals haben nicht etwa die Burgunderkriege stattgefunden, sondern kurz darauf ist der Zweite Weltkrieg losgegangen.»

«Den nehmen wir nächstens in der Schule durch.»

Am Gymnasium hat Noé Schär denn auch von den «Tablethelden» gehört – und sich als Einziger aus seiner Klasse angemeldet. «Ich tue sonst nicht viel Gutes und wollte mal hilfsbereit sein.» Zudem sei er ein geduldiger Mensch. «Das ist mit mir auch nötig», sagt Heidy Wyss.

Ein Erfolgserlebnis feiert die 83-Jährige aber schon am ersten Kurstag: Dank Noé Schär hat sie nun eine eigene Mailadresse. «Jetzt können wir richtig loslegen», sagt er. «Zuerst machen wir aber eine Kaffeepause», erwidert sie. Und tätschelt dabei seinen Arm.

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