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Als sich das «Lumpenpack» zur Wehr setzte

Durch den Widerstand der Atomgegner geriet das kleine Oberaargauer Dorf in den 70er- und 80er-Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit. Ihnen ist es zu verdanken, dass das geplante AKW dort nie realisiert worden ist.

So hätte das Projekt mit zwei Reaktoren und zwei Kühltürmen in Graben ausgesehen. (Visualisierung: PD)
So hätte das Projekt mit zwei Reaktoren und zwei Kühltürmen in Graben ausgesehen. (Visualisierung: PD)

Am 20. Dezember wird in Mühleberg das erste AKW der Schweiz abgestellt. Gar nicht erst gebaut wurde das einst geplante AKW in Graben. Trotzdem ist es, auch fast 50 Jahre nachdem die Bernischen Kraftwerke (BKW) die Standortbewilligung für das Atomkraftwerk beantragt hatten, immer noch ein Begriff. Vor allem steht es bis heute für den beispiellosen Kampf gegen die Atomkraft. Nicht zuletzt den engagierten Gegnern ist es zu verdanken, dass heute in dem kleinen Dorf im Gebiet Grossmatt an der Aare kein Kraftwerk steht.

Aber beginnen wir von vorne: Als die BKW 1966 die ersten Liegenschaften und Landparzellen in Graben erwarb, war von Protesten noch keine Spur. Zu diesem Zeitpunkt wusste schliesslich niemand vom Zweck dieser Käufe. Erst 1972, als der Bund den Standort in Graben gemeinsam mit Gösgen bewilligte, wurde erstmals breiter Widerstand laut.

Die Bewilligung beinhaltete den Bau eines Kernkraftwerks mit zwei Kühltürmen. Die vom Oberaargauer Naturschutzverein lancierte Petitionwurde von rund 12’000 Personenunterschrieben. Und auch als das Gesuch für die erste Kraftwerk-Etappe publiziert wurde, gingen Hunderte von Einsprachen ein. Und dies, obwohl die Möglichkeit, dagegen einzusprechen, stark eingeschränkt worden war.

«Wir wollten zeigen, dass wir nicht die Extremisten sind, als die wir vielfach bezeichnet worden waren.»

André Masson

Das entscheidende Jahr der Protestbewegung folgte aber erst 1975: Damals gründeten die Atomgegner aus dem Oberaargau im April die Gewaltfreie Aktion Graben (GAG). Dies nur wenige Tage, nachdem Aktivisten das Baugelände im aargauischen Kaiseraugst besetzt hatten, wo ebenfalls ein AKW vorgesehen war.

Der Protest dort sei das «Zugpferd» für die Bewegung im Oberaargau gewesen, erinnert sich André Masson (73). «Wir haben stark davon profitiert.» Der Langenthaler Physiker, der Mitglied der GAG war, weiss, dass der Widerstand in Kaiseraugst zu diesem Zeitpunkt schon stärker angewachsen war und in einem schärferen Ton geführt wurde als in Graben.

Volksfeststimmung

Die Gegner des AKW Graben, die sich übrigens aus der betroffenen Bevölkerung und nicht aus den politischen Parteien zusammensetzten, legten Wert darauf, dass ihre Proteste friedlich abliefen. Anders als im Fall von Gösgen, wo es zweimal zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen war. «Wir wollten zeigen, dass wir nicht die Extremisten sind, als die wir vielfach bezeichnet worden waren», sagt Masson. Einmal sei sogar vom «zugelaufenen Lumpenpack» die Rede gewesen.

Von ihrer friedlichen Einstellung überzeugten die AKW-Gegner die Öffentlichkeit mit dem Grabenfest im August 1977. Sie stellten auch unter Beweis, dass sie viele Leute mobilisieren konnten: Am dreitägigen Fest, für das eigens ein Verein gegründet worden war, nahmen zwischen 6000 und 9000 Menschen teil. Zudem konnten Politiker und Musiker für den Anlass gewonnen werden. So sang zum Beispiel Liedermacher Tinu Heinigersein «Grabelied».

Die Anlässe der GAG wurden auch von Familien mit Kindern besucht. Hier die Schlusskundgebung beim Pfingstmarsch. Fotos: Robert Grogg
Die Anlässe der GAG wurden auch von Familien mit Kindern besucht. Hier die Schlusskundgebung beim Pfingstmarsch. Fotos: Robert Grogg

«Es herrschte eine Volksfeststimmung», bestätigt André Masson, der dabei gewesen war. «Wir gewannen damit in der Öffentlichkeit viele Sympathien.» Vor allem habe das Fest, das alle möglichen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen vereinte, der Bewegung geholfen, sich Gehör zu verschaffen. Es seien auch Familien und Kinder anwesend gewesen, erinnert sich die Langenthalerin Helene Brechbühl-Affolter, ehemaliges Mitglied der GAG.

Dabei war die Durchführung des Fests keine Selbstverständlichkeit gewesen, auch weil den Veranstaltern von Landbesitzern und Behörden immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden: In Graben war auf Druck der BKW niemand bereit, sein Land zur Verfügung zu stellen, auch nicht die Gemeinde.

Weshalb der Anlass letztlich in der Nachbargemeinde Berken über die Bühne gehen musste: Bäuerin Marie Reinmann hatte ihr Land bereitgestellt. Ueli Marti (66), ebenfalls früheres GAG-Mitglied, erinnert sich zudem daran, wie wenige Tage vor dem Fest die Stadt Burgdorf den Mietvertrag für die bereits bestellten Toilettenanlagen gekündigt hatte.

«Graben wurde geködert»

Die Bewegung gab aber nicht klein bei und veranstaltete weitere Anlässe, die gut besucht waren, darunter Flugblattaktionen, Referate oder Konzerte. Und die Proteste gingen weiter: Am Pfingstmontag 1979 demonstrierten in Graben über 5000 Personen. Auch der Laternen- und Fackelzugvon Langenthal nach Graben ein Jahr später, der vom Komitee «AKW Graben nie» organisiert worden war, zog viele Protestierende an: Rund 2500 Personen marschierten mit.

1980 waren 2500 AKW-Gegner von Langenthal nach Graben marschiert.
1980 waren 2500 AKW-Gegner von Langenthal nach Graben marschiert.

Nur einmal kam es zu Gewalt: Am 12. November 1979 wurde der Meteo-Mast auf dem AKW-Gelände beschädigt. Wobei sich die GAG rasch vom Anschlag distanzierte. «Wir wissen bis heute nicht, wer dahintersteckte», sagt André Masson. Er glaubt, dass diese Aktion die Bewegung zurückwarf. Genauso wie die von Sprayern hinterlassenen Schriftzüge «GAG» auf dem Friedhof in Langenthal.

Der beschädigte Meteo-Mast auf dem AKW-Gelände.
Der beschädigte Meteo-Mast auf dem AKW-Gelände.

In Graben rieb man sich derweil die Hände: Die BKW verpflichtete sich vertraglich, acht Strassenstücke auszubauen und fürs Schulhaus und fürs Gemeindehaus umsonst Strom und Wasser zu liefern. Der Feuerwehr wurde Gratiswasser versprochen und für die Strassenbeleuchtung Gratisstrom. Auch die Kosten für die Ortsplanung wurden übernommen.

«Graben wurde geködert», meint André Masson. Viele Stimmberechtigte dort seien der Atomkraft gegenüber wenig kritisch eingestellt gewesen. Das zeigte sich auch an der Gemeindeversammlungvom 14. Dezember 1979: In einer geheimen Abstimmung genehmigten die Grabenerinnen und Grabener die nötige Umzonung des 40 Hektaren grossen Baugeländes mit 43 zu 40 Stimmen.

Vor und nach Tschernobyl

Der Widerstand begann trotzdem, Wirkung zu zeigen. Besonders nach dem Grabenfest habe im Oberaargau die AKW-freundliche Stimmung zu kippen begonnen, schreibt der frühere BZ-Redaktor Ruedi Bärtschi in seinem Beitrag im Jahrbuch des Oberaargaus 2008.

Und erneut war Kaiseraugst ein wichtiger Faktor: Als es sich abgezeichnet habe, dass man aufgrund des grossen Widerstands auf das AKW Kaiseraugst verzichten werde, habe in der Bevölkerung ein Umdenken stattgefunden, sagt Ueli Marti. Daran erinnert sich auch André Masson: «Die Haltung war nun eindeutig: Wenn in Kaiseraugst kein Kraftwerk realisiert wird, dann bei uns sicher auch keines.» In diesem Fall drohten die Mitglieder der GAG sogar:

Im September 1981 machten sie in einem Brief an Bundesrat Leon Schlumpf klar, dass auch in Graben mit «Besetzungen und Gewaltanwendungen» gerechnet werden müsste, falls entschieden würde: Graben statt Kaiseraugst. Anders sah das die BKW, die weiterhin am Standort im Oberaargau festhielt: Auf dieses Werk könne nicht verzichtet werden, liess sie noch im April 1985 verlauten. Denn es fehle «an realistischen Alternativen», und der Strombedarf nehme zu.

«Die Haltung war nun eindeutig: Wenn in Kaiseraugst kein Kraftwerk realisiert wird, dann bei uns sicher auch keines.»

André Masson

Das war aber vor dem 26. April 1986. Nach der Katastrophe in Tschernobyl war an den Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz kaum mehr zu denken. Bereits am 4. Oktober 1986 versprach der Berner Regierungsrat, dass er sich für den Verzicht von Graben einsetzen wolle.

Im November folgte der Grosse Rat: Es wurde eine Motion mit 114 zu 67 Stimmen überwiesen, die verlangte, «dass das Kernkraftwerk Graben nicht gebaut werden soll und auch sonst keine Kernkraftwerke auf dem Boden des Kantons Bern». Schliesslich teilte der BKW-Verwaltungsrat am 1. Juni 1988 seine Bereitschaft mit, Verhandlungen über einen Verzicht von Graben zu führen. Es dauerte aber nochmals zwei Jahre, bis die definitive Meldung durch die Betreibergesellschaft folgte: «Das Projekt Graben wird nicht verwirklicht werden.»

Nach langem Hin und Her einigten sich der Bund und die Kernkraftwerk Graben AG 1996 bei einem Vergleich vor Bundesgericht auf eine Summe von genau 227’034’245 Franken. Dieses Geld war eine Entschädigung für den Nichtbau des AKW. Bis Ende 1983 hatte die BKW bereits 465 Millionen Franken für dieses Projekt aufgewendet.

Weiterhin in BKW-Besitz

Was ist geblieben? Das Gelände, auf dem das Kraftwerk hätte gebaut werden sollen, befindet sich seit 2006 wieder in der Landwirtschaftszone. Es ist auch heute noch im Besitz der BKW. Wie es künftig genutzt werden könnte, ist offen: Es gebe derzeit kein konkretes Projekt, teilt BKW-Mediensprecher René Lenzin mit. Das Gelände diene als langfristige Landreserve.

Die GAG, deren Sitzungen in Spitzenzeiten von zwischen 15 und 20 Mitgliedern besucht wurden, hat sich 2010 nach der 30. und letzten Versammlung aufgelöst. Sie war schon lange davor nicht mehr richtig aktiv gewesen: Der Mitgliederbestand, der laut Helene Brechbühl teils weit über 1000 Personen umfasste, war über die Jahre stark zurückgegangen. «Zum Schluss hatten wir keine schlagkräftige Truppe mehr beisammen», sagt Brechbühl.

«Ohne den grossen Widerstand wäre das Kraftwerk gebaut worden.»

Helene Brechbühl

Doch hat sich der Einsatz gelohnt? «Wir haben unser Ziel erreicht», sagt André Masson. Allzu stolz müsse man aber nicht sein, findet Ueli Marti. Schliesslich seien es viele verschiedene Faktoren gewesen, die mitgespielt hätten: Tschernobyl, der Reaktorunfall im amerikanischen Harrisburg, die immer stärkeren Auflagen durch den Kanton. Bei der BKW habe man einfach nicht mehr daran geglaubt, in Graben rentabel ein AKW realisieren und betreiben zu können, vermutet er.

Nichtsdestotrotz sei die Freude natürlich gross, dass heute auf dem Areal kein AKW stehe. Marti weiss, dass dort drei Vogelarten gesichtet wurden, die zu den gefährdeten Arten gehören. Auch für die Amphibien sei es ein wichtiges Gebiet.

Ein Spion in den eigenen Reihen?

Helene Brechbühl wiederum blickt mit viel Stolz zurück: «Ohne den grossen Widerstand wäre das Kraftwerk gebaut worden», glaubt sie. In Erinnerung bleibe ihr ganz besonders der engagierte Einsatz der prominentesten AKW-Gegnerin, Lina Lienhard (1910–1984). «Sie war mit besonders viel Herzblut dabei.»

Zurück bleibe aber auch ein unbefriedigendes Gefühl, findet Masson. Jenes, von den Behörden und den BKW-Vertretern wiederholt angelogen worden zu sein. Er glaubt sogar, dass es in den eigenen Reihen einen Spion gab, der Informationen nach aussen trug. Erst später sei bekannt geworden, dass über die Anlässe der GAG Fichen angelegt worden seien. Alles sei überwacht und gemeldet worden. «Das wirkt noch heute nach.»

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