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Jetzt ist die Kirche eine Baustelle

Fünf Wochen nach dem Brand ist die reformierte Kirche in Herzogenbuchsee aussen wie innen komplett eingerüstet. Der Wiederaufbau des Turms wird voraussichtlich bis ins Jahr 2021 dauern.

Er ist von weit her zu sehen: der Turm der reformierten Kirche in Herzogenbuchsee. Wie eine Art Mahnmal thront er über dem historischen Dorfkern. Als dort am Morgen des 24. Dezember erstmals an diesem Tag das Feuer ausgebrochen ist, hat Christoph Tanner, der in Sichtweite zum Turm wohnt, dies aus nächster Nähe miterlebt. «Ich sass gerade beim Frühstück», erinnert sich der Kirchgemeindepräsident. Rund fünf Wochen später steht er nun vor dem Gotteshaus und blickt zum beschädigten Turm hinauf.

Dieser ist seit Anfang Woche genauso in Baugerüste eingehüllt wie das Kirchenschiff. Das Gerüst ist mit einer Plastikfolie eingekleidet. Darunter wird seit letzter Woche die Fassade mit Warmluft getrocknet. Sie sei bei den Löscharbeiten komplett durchnässt worden, sagt Tanner. «Wir hatten schon Angst, dass Teile der Fassade abgesprengt werden könnten.» Doch sei die Temperatur hierfür zum Glück nie tief genug gefallen.

Durch die Gerüste hat man nun auch Zugang zum Glockenstuhl erhalten. Um hinaufzusteigen, regnet und stürmt es an diesem Vormittag allerdings zu stark. Die von der Kirchgemeinde zur Verfügung gestellten Fotos zeigen aber gut, wie stark der Glockenstuhl in Mitleidenschaft gezogen worden ist. «Das Stahlgerüst hat zu viel Hitze abbekommen und sich verformt», sagt Tanner. Es müsse deshalb ausgebaut und ersetzt werden. Die Glockenlager haben das Feuer ebenfalls nicht überlebt. Die vier Glocken selbst hängen zwar noch. Ihr genauer Zustand sei aber ungewiss. Sie müssten nun zuerst untersucht werden, sagt Tanner. Nur eine von ihnen besitzt noch ihren Schwengel. Auch das Uhrwerk hielt dem Feuer nicht stand.

«Es hätte schlimmer kommen können»

Immerhin: Tanner freut sich, wie rasch die Arbeiten in den letzten Tagen und Wochen vorangeschritten sind. Bereits kurz nach Neujahr habe aussen mit dem Einrüsten begonnen werden können. Im Innern hätten die Arbeiten nach kurzer Zeit bereits wieder gestoppt werden müssen, sagt der Kirchgemeindepräsident. Dies, weil Teile der Gipsdecke herunterzufallen drohten. Sie musste zuerst gesichert werden, bevor die Bänke entfernt werden konnten. Mittlerweile ist aber auch im Innern der Kirche beinahe alles für die Sanierung vorbereitet. Momentan sind die Gerüstebauer mit den letzten Arbeiten beschäftigt.

«Es hätte schlimmer kommen können.»

Kirchgemeindepräsident Christoph Tanner über die Turmspitze, die nicht bis ins Kirchenschiff fiel

Dass es sich hier eigentlich um eine Kirche handelt, davon ist bei einem Rundgang nur noch wenig zu erkennen: Die Fenster und die Kanzel befinden sich nun hinter den Gerüsten. Der Taufstein und der Abendmahlstisch sind komplett abgedeckt. An dieser Stelle bleibt Tanner stehen: «Hier wäre die Turmspitze gelandet, wenn sie heruntergefallen wäre.» In seinen Gedanken habe er sie dort schon liegen sehen, brennend. Doch so weit kam es bekanntlich nicht: Die Spitze riss zwar ein Loch ins Kirchenschiff, blieb aber im Zwischenboden liegen. Und so blieb der Taufstein, der 1729 von einem Landvogt aus Wangen gestiftet worden war, verschont. «Es hätte schlimmer kommen können.»

Nicht verschont blieb die 1728 erbaute Kirche hingegen von dem eindringenden Löschwasser. Zehn Zentimeter hoch stand es zeitweise. Nicht nur die Decke oder die Kanzel haben das Wasser abbekommen. Über die Lüftungskanäle ist das Wasser auch in die kürzlich erst revidierte Orgel eingedrungen. Die Fenster wiederum dürften den Brand besser überlebt haben: Sowohl die grossen Kirchenfenster, welche die Bergpredigt Jesu zeigen, als auch die zwanzig Wappenscheiben, die gleich alt sind wie die Kirche selbst, sind noch intakt.

Reichen 3 Millionen nicht?

Für die Sanierungsarbeiten, die alle in Absprache mit der Gebäudeversicherung Bern (GVB) erfolgen, ist der Architekt nun laut Tanner daran, die Offerten einzuholen. Der Ablauf sei klar: Zuerst müssten die Dachkonstruktion und die Isolation repariert werden, bevor mit den Arbeiten an der Gipsdecke begonnen werden könne. Wann genau es damit losgehen kann, steht aber noch nicht fest. Ziel sei es, den Weihnachtsgottesdienst nächsten Dezember wieder in der Kirche durchführen zu können. Ob die Orgel bis dahin wieder intakt sein werde, lasse sich aber nicht sagen. Nicht reichen wird es zeitlich sicher für den Wiederaufbau des Turms. Der Kirchgemeindepräsident rechnet damit, dass dieser erst Ende 2021 abgeschlossen werden kann.

«Ich wage das anzuweifeln.»

Christoph Tanner über die geschätzten drei Millionen Sanierungskosten

Die Kirchgemeinde weicht für ihre Gottesdienste und ihre sonstigen Anlässe weiterhin ins Kirchgemeindehaus aus. Ein Angebot der katholischen Kirchgemeinde, vorübergehend deren Gotteshaus zu benutzen, habe man dankend abgelehnt, sagt Tanner. Durch den Brand sei es zu einem Zusammenrücken innerhalb der reformierten Kirchgemeinde gekommen. Weshalb man sich entschieden habe, im Kirchgemeindehaus zu bleiben. Nur für ein grosses Chorkonzert werde man in die katholische Kirche ausweichen. Zwei grössere Konfirmationen sollen ausserdem im Sonnensaal stattfinden.

«Es gibt Verbesserungspotenzial»

Die Kosten, die von der GVB übernommen würden, seien zuerst auf 1,5, später auf 3 Millionen Franken geschätzt worden, sagt Tanner. «Ich wage das allerdings anzuweifeln.» Nur schon wenn der Ersatz der Glocken hinzukäme, würden 3 Millionen vermutlich nicht mehr reichen, glaubt er.

Was den Brand ausgelöst hat, konnten die Brandexperten nicht genau eruieren. Sowohl ein technischer Defekt an den elektrischen Gebäudeinstallationen als auch eine brennende Kerze könnten verantwortlich gewesen sein (wir berichteten). Christoph Tanner tendiert zu Ersterem: «Für mich ist klar, dass es ein technischer Defekt im Erdgeschoss des Turms gewesen sein muss.» Der Schaltschrank dort sei komplett geschmolzen.

«Für mich ist klar, dass es ein technischer Defekt im Erdgeschoss des Turms gewesen sein muss.»

Christoph Tanner

Er betont, dass die Branschutzmassnahmen im Rahmen der Sanierung 2018 alle überprüft worden seien. Trotzdem gebe es noch Verbesserungspotenzial. So wolle man im Rahmen des Wiederaufbaus etwa prüfen, eine fixe Wasserleitung in den Turm einzubauen, die im Falle eines Feuers wie eine grosse Sprinkleranlage funktionieren würde. Weiter gibt es in dem Gebäude auch noch keine Brandmelder.

Dokumente von 1801 entdeckt

Die Turmspitze und die Kugel mit der Wetterfahne konnten beide geborgen werden. Dabei wurde eine spannende Entdeckung gemacht: In der runden Metallkapsel, die auch Turmknopf genannt wird, fanden sich verschlossene Blechbüchsen. Die älteste datiert aus dem Jahr 1801. Drei weitere stammen von 1867, 1897 und 1928. Sie waren bei früheren Reparaturen oder Neubedachungen dort deponiert worden. In ihnen befinden sich historische Dokumente der Werkmeister oder der Behörden, etwa auch Berichte über die damaligen Renovationsarbeiten.

Diese Boxen haben den Brand mehr oder weniger gut überstanden und sollen nun vom Archäologischen Dienst geöffnet und untersucht werden. Danach, so Tanner, wolle man die Dokumente digitalisieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

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