Huttwil

Nicht erst in der Krise handeln

HuttwilDer Huttwiler Gemeinderat lässt abklären, ob Schulsozialarbeit eingeführt werden soll. Schulleitung und Lehrerschaft sind überzeugt, dass es diese braucht.

Donat Gächter (links) wird die Abklärungen zur Schulsozialarbeit erledigen. Mit Pierre Zesiger ist er sich einig, dass die Grösse der Schule eine solche rechtfertigt.

Donat Gächter (links) wird die Abklärungen zur Schulsozialarbeit erledigen. Mit Pierre Zesiger ist er sich einig, dass die Grösse der Schule eine solche rechtfertigt. Bild: Thomas Peter

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Wenn man wollte, könnte man sie zählen, und es wären doch nicht alle. Denn für die Fotografie im Foyer des Huttwiler Oberstufenzentrums Hofmatt stellten sich nur die Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte auf, die dort den Unterricht besuchen respektive unterrichten. Es sind jedenfalls viele, doch insgesamt sind es allein in Huttwil noch viel mehr. Gesamtschulleiter Pierre Zesiger hat die Zahl: 650 Kinder und Jugendliche in 31 Klassen sowie 70 Pädagoginnen und Pädagogen.

Zesiger ist sich deshalb mit ­seinem Stellvertreter am Oberstufenzentrum Hofmatt, Donat Gächter, einig: Eine Schule dieser Grössenordnung braucht eine Schulsozialarbeit. Gerade in diesen Tagen wäre Zesiger froh gewesen um Unterstützung aus diesem Fachgebiet: «Eine Schülerin wandte sich an mich, weil sie von den Eltern geschlagen werde.» Die Spezialisten, die er in diesem Fall einbeziehen könne, habe er zwar präsent. «Doch ein Schul­sozialarbeiter würde nicht nur dieses Netzwerk viel genauer kennen, er hätte die Eskalation vermutlich bereits viel früher ­erkannt und präventiv handeln können und nicht erst repressiv.»

Eine Stunde pro Monat

Dabei sei es beileibe nicht so, dass die Schule Huttwil bisher nichts unternommen habe, um dem zunehmend komplexen Umfeld zu begegnen, in dem sie sich bewege, ergänzt Donat Gächter: Eine Mitarbeiterin der Erziehungsberatung Langenthal kommt einmal im Monat eine Stunde nach Huttwil, damit Probleme besprochen werden können.

«Das ist aber viel zu wenig», betonen die beiden Schulleiter. Zum einen sei es in einer akuten Krise unzumutbar, bis zu einen Monat auf den Termin zu warten. Vertrauen in ein bekanntes Gesicht sei zudem zentral, damit man sich mit seinem Problem an die Person wende. «Gegenüber einem Lehrer, einer Lehrerin wird das meist als eher peinlich empfunden. Wir haben eine andere Aufgabe und eine andere Rolle.» Wichtig wäre deshalb, dass der Fachmann, die Fachfrau möglichst oft und niederschwellig erreichbar sei.

Als Abschlussarbeit

Am 19. Februar stimmte der Gemeinderat der Erarbeitung eines Projektes zu. Denn gegenwärtig ist der Zeitpunkt dafür günstig: Donat Gächter absolviert an der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern die Ausbildung zum Schulleiter und kann die Abklärungen im Rahmen seiner Abschlussarbeit erledigen.

«Ob klein oder gross, Stadt oder Land: Überall ist das Bedürfnis nach Schulsozialarbeit vorhanden.»Donat Gächter, stellvertretender Schulleiter Hofmatt

Er hat durch dieses Studium auch Kontakt zu anderen Lehrkräften und Schulen aus dem ganzen Kanton. Ob klein oder gross, Stadt oder Land: Überall sei das Bedürfnis nach Schulsozialarbeit vorhanden, stellte er in den Gesprächen fest. Einzig die Gründe unterschieden sich: Seien in den Ballungsräumen die gesellschaftlichen Probleme akzentuierter, lägen dort die Fachstellen näher, sie seien damit auch bekannter. «Bei uns wird die Pflege des Netzwerkes von grösserer Bedeutung sein.»

Der Platz ist knapp

Mit Pierre Zesiger ist er sich einig, dass Huttwil längst nicht mehr die heile Welt ist, als die es sich auf den ersten Blick präsentieren könnte. Der Gesamtschulleiter erinnert an die Kritik von Eltern an den engen Platzverhältnissen in den Klassenzimmern im Städtli. «Wenn man so eng aufeinander lebt, ist die Toleranzgrenze für auffällige Schülerinnen und Schüler tiefer, stossen Lehrkräfte häufiger an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.»

Der Terminplan sieht vor, dass Donat Gächter seine Arbeit bis zum September abgeschlossen hat und der Bildungskommission vorlegen kann. Der Gemeinderat wird dann im Oktober entscheiden. Ausschlaggebend werden dann die Kosten sein, sind sich die beiden Schulleiter einig. Denn während die Hochschularbeit gratis anfällt, wird es dann darum gehen, zusätzliche Stellenprozente zu bewilligen, während Einsparungen kaum zu prognostizieren sind.

Aufs Schuljahr 2019/2020

Doch Pierre Zesiger hofft, dass die Rechnung, die dann gemacht wird, über das blosse Budgetieren hinausgeht. «Wenn ein auffälliges Kind bereits im Kindergarten auf die richtige Bahn zurück­geführt werden kann, muss es in seiner ganzen neunjährigen Schullaufbahn nicht umplatziert werden und bringt auch seine Lehrkräfte nicht über ihre Belastungsgrenze hinaus.» Beides erspare nicht nur menschliches Leid, sondern auch hohe Kosten. Stimmt der Rat im Oktober zu, kann die Schulsozialarbeit 2019 ausgeschrieben und mit dem Schuljahr 2019/2020 eingeführt werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.03.2018, 09:04 Uhr

Auch andernorts ein Thema

Am Dienstagabend informierte Gesamtschulleiter Pierre Zesiger am Treffen der Gemeinden in der Region Oberaargau-Süd über die Huttwiler Pläne für die Schulsozialarbeit. Er gab sich dabei auch offen für Gemeinden, die ihre Jugendlichen nicht ins Huttwiler Oberstufenzentrum schicken (Eriswil, Wyssachen, Dürrenroth, Schule Gassen). Konkret nannte er Kleindietwil, Madiswil und Lotzwil. Dort finden ebenfalls Abklärungen statt, wie Andreas Hasler, der Gemeindeschreiber von Madiswil, bestätigt. «Wir haben die Gemeinden des Oberstufenzen­trums Kleindietwil sowie der Schule Lotzwil angeschrieben», hält er fest. Wie das Echo ausfällt, kann er noch nicht sagen, denn Antworten erbat er erst für Ende März. Bereits positiv entschieden hat die Gemeinde Walterswil, die dem Oberstufenverband zwar nicht angehört, aber ihre älteren Schülerinnen und Schüler nach Kleindietwil schickt. Der Gemeinderat beschloss gemäss Website, «grundsätzlich mitzuwirken, falls das Projekt bei den anderen Gemeinden auf genügend Interesse stösst».jr

Mit Schoio und Tokjo

Nach langem Hin und Her wieder aktuell ist das Thema Schulsozialarbeit in Langenthal. Erst im Februar hat der Stadtrat eine Motion überwiesen, die eine Entlastung der Lehrkräfte durch eine bessere Nutzung bestehender Angebote wie der Schoio-Familienhilfe oder der Jugendfachstelle Tokjo fordert. In Aarwangen, Roggwil und Wynau sind Vertreter der beiden Institutionen schon seit einem Jahr auf den Pausenplätzen und in den Lehrerzimmern zugegen: dies im Zuge eines vorerst auf zwei Jahre befristeten Pilotprojekts.khl

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