Langenthal

«Bei uns brauchst du kein Defizit, um mitzumachen»

LangenthalZehn Jahre nach ihrem Start ist die regionale Jugendarbeit nicht mehr wegzudenken aus Langenthal und ihren Anschlussgemeinden. Mittlerweile erreicht das Tokjo-Team um die 25'000 Kinder und Jugendliche. Eine Erfolgsgeschichte.

Peter Glanzmann und Thomas Bertschinger haben Grund zur Freude: Die Jugendarbeit hat sich in den letzten Jahren bestens entwickelt.

Peter Glanzmann und Thomas Bertschinger haben Grund zur Freude: Die Jugendarbeit hat sich in den letzten Jahren bestens entwickelt. Bild: Marcel Bieri

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Thomas Bertschinger 2006 nach Langenthal kam, um die Leitung der neuen offenen Kinder- und Jugendarbeit Oberaargau (Tokjo) zu übernehmen, war sein erster Schritt ein unerwarteter.

Statt im damals wenig attraktiven Jugendtreff am Mühleweg darauf zu warten, dass die jungen Langenthaler ihn aufsuchen würden, hat Bertschinger den Laden erst einmal dichtgemacht und die Heranwachsenden dort aufgesucht, wo sie sich auch wirklich aufgehalten haben: auf dem Wuhrplatz etwa oder bei der reformierten Kirche.

Es ist ein Ansatz, von dem Bertschinger auch gute zehn Jahre später noch überzeugt ist. Und der Erfolg gibt ihm recht. Hat man von den Jugendlichen in Langenthal vor zehn Jahren primär im Zusammenhang mit Littering, Saufgelagen und Vandalismus Kenntnis genommen in der Öffentlichkeit, ist davon heute kaum noch etwas zu spüren.

Nicht etwa, dass sich die Jungen nicht mehr im öffentlichen Raum treffen und aufhalten würden – obgleich der Jugendtreff am Mühleweg selbst ebenfalls wieder zum beliebten Treffpunkt geworden ist. Und doch bleiben Reklamationen heute weitestgehend aus. Was ist das Geheimnis?

«Wir haben keines», sagt Thomas Bertschinger. Das Erfolgsrezept von Tokjo sei es ganz einfach, die Jugendlichen ernst zu nehmen und als Menschen zu behandeln, die für ihr Verhalten durchaus Verantwortung übernehmen könnten. «Es ist die Beziehung zu den Jugendlichen, die für unseren Erfolg verantwortlich ist.»

Raum statt Rückzug

Statt auf Verbote setzt Bertschinger aufs Gespräch. Statt eines «Das darfst du nicht» bevorzugt er ein «Ich an deiner Stelle würde nicht, weil . . .» Probleme mit ­Jugendlichen im öffentlichen Raum, ist der Jugendarbeiter überzeugt, seien oft das Ergebnis von Langeweile. In der Regel reiche es, den Heranwachsenden einen Rahmen zu geben, in dem sie aktiv sein könnten.

«Es ist die Beziehung zu den Jugendlichen, die für unseren Erfolg verantwortlich ist.»Thomas Bertschinger

Viele Jugendliche seien heute ohnehin sehr zurückgezogen, verweist Bertschinger auf die sozialen Netzwerke im Internet. «Wir wollen sie einladen, Räume zu nutzen, anstatt sich noch mehr zurückzuziehen.»

Wichtig sei es, den Jugend­lichen beizubringen, wie sie mit diesen Räumen und gesellschaftlichen Werten umgehen müssten. Dafür schliesst Bertschinger mit den Jungen auch mal einen Vertrag ab – auf partnerschaftlicher Ebene, versteht sich. Und es scheint zu funktionieren.

Eines Besseren belehrt

Davon ist mittlerweile auch Peter Glanzmann überzeugt. Seit dem Beitritt seiner Wohngemeinde Roggwil vor sechs Jahren ist er Vorstandsmitglied im Trägerverein von Tokjo, vor einem Jahr hat er von Florinda Wallkamm nun das Präsidium übernommen.

Dabei sei er persönlich der gesamten Organisation und ebenso dem Stellenleiter mit seinen unorthodoxen Ansätzen früher äusserst skeptisch gegenübergestanden, räumt Glanzmann offen ein. «Ich war immer überzeugt, dass wir in Roggwil so etwas nicht brauchen würden.» Schliesslich habe man im Dorf seit je Vereine gehabt, bei denen sich die Jugendlichen integrieren könnten und die erst noch froh seien um Nachwuchs.

Eine Versuchsphase vor dem definitiven Beitritt zu Tokjo habe ihn aber eines Besseren belehrt: Jugendliche selber hätten sich damals in der eingesetzten Jugendkommission für Tokjo starkgemacht, erklärt er. Dabei hätte er nicht gedacht, dass ein solches Angebot von den Jungen tatsächlich genutzt würde. Er habe die Jugendlichen schlicht unterschätzt, zeigt er sich selbstkritisch – und stellt klar: «Heute ist Tokjo nicht mehr wegzudenken aus unserer Gemeinde.»

Die kleinen Sachen

Ähnlich geht es den anderen mittlerweile acht Anschlussgemeinden und der Stadt Langenthal. Und dies nicht etwa nur im Bereich der Jugendarbeit. Auch die Kinderanimation ist stark etablierter Bestandteil von Tokjo. Während bei der Arbeit mit den Jugendlichen klar die Sozialisation und die Integration im Zentrum stünden, gehe es bei den Jüngeren um eine spielerische Förderung der motorischen Fähigkeiten und der Kreativität, erklärt Bertschinger.

«Es sind die kleinen Sachen wie ein gemeinsames Kochen, die die Beziehungen festigen.»Thomas Bertschinger

Erste Ideen entstanden schon bei seinem Stellenantritt, als ihm der heutige Hauptverantwortliche für die Kinderanimation, Christoph Lehmann, noch als Zivildienstleistender zur Seite stand. Nach und nach entstanden der Spielwagen, Quartierprojekte oder zuletzt der Koboldenpfad im Langenthaler Schuelwald, der morgen Samstag eröffnet wird. Auch das Seifenkistenrennen hat sich bereits zum veritablen Grossereignis entwickelt.

Ihm persönlich seien, gerade im Bereich der Jugendarbeit, die grossen Veranstaltungen aber weniger wichtig, hält Bertschinger fest. «Es sind die kleinen Sachen wie ein gemeinsames Kochen, die die Beziehungen festigen.» Das sei es auch, was vielen Jungen heute zu Hause fehle: dass jemand für sie Zeit hat und ihnen zuhört, ohne dass gleich ein Problem dahinterstecken muss. «Bei uns brauchst du kein Defizit, um mitmachen zu können», sei deshalb eine wichtige Botschaft von Tokjo. «Das ist das, was wir leben und unsere Aufgabe ist.»

Wachstum erwünscht

Und wie geht die Erfolgsgeschichte weiter? Es werde sicher ein weiteres Wachstum angestrebt, sind sich Stellenleiter Bertschinger und Präsident Glanzmann einig. Dabei gehe es primär um Qualität, nicht um Quantität, betont Bertschinger. Das eine sei allerdings insofern mit dem anderen verbunden, als mit neuen Anschlussgemeinden auch die Einnahmen zunähmen, was wiederum Möglichkeiten schaffe für weitere Projekte.

Gleichzeitig stehe die Jugendarbeit heute zeitweise vor dem Problem, dass sie Kinder und Jugendliche abweisen müsse, die gern an ihrem Angebot teilhaben würden, allerdings nicht in einer Anschlussgemeinde wohnhaft seien. Insofern sei vor allem ein Beitritt jener Gemeinden, deren Junge klar in Richtung Langenthal orientiert seien, zumindest wünschenswert.

Das 10-jährige Bestehender Jugendarbeit Tokjo wird am Samstag und Sonntag jeweils ab 10 Uhr auf dem Musterplatz Langenthal ge­feiert. Im nahen Schuelwald wird zugleich der neue Koboldenpfad eröffnet. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.05.2017, 20:03 Uhr

Die Jugendarbeit in Zahlen

2006 mit sechs Anschlussgemeinden gegründet, umfasst der Wirkungsbereich der offenen Kinder- und Jugendarbeit Oberaargau (Tokjo) heute die Stadt und die neun Gemeinden Aarwangen, Bannwil, Lotzwil, Melchnau, Obersteckholz, Roggwil, Schwarzhäusern, Thunstetten-Bützberg und Wynau. Dem Trägerverein gehören auch fünf Kirchgemeinden an.

2007 nahm die Kinder- und Jugendfachstelle Region Langenthal mit vier Mitarbeitenden ihre operative Tätigkeit auf. Heute sind es 42 Mitarbeitende, davon sind 16 Festangestellte, und 8 sind im Rahmen des Projekts Sicherheit, Intervention, Prävention tätig.

Das Jahresbudget der Jugendarbeit beläuft sich auf rund 1,2 Millionen Franken. Finanziert wird sie primär aus Kantonsbeiträgen und den Gemeindebeiträgen (pro Kopf). Dazu kommen Gelder privater Sponsoren sowie des Donatorenclubs, der sich mit seinen mittlerweile zwanzig Mitgliedern ebenfalls zu einer wichtigen Stütze entwickelt hat. khl

Artikel zum Thema

Zurück zur Natur – auf einem Pfad

Langenthal Dem Freizeitgebiet Hirschpark-Schulwald wird in Langenthal ein weiteres Angebot hinzugefügt: ein Erlebnisweg für Kinder. Erzielt werden soll damit ein besseres Verhältnis zu Wald und Umwelt. Mehr...

Weg frei für den Koboldpfad

Langenthal Gegen die geplante Erlebnisstrecke der ­Kinder- und Jugendfachstelle Tokjo regte sich Widerstand. So, dass die Planer über die ­Bücher gehen mussten. Nun ist der Weg im Entstehen. Mehr...

«Das ist eine gute Sache»

Langenthal Melanie Siegenthaler aus Aarwangen geht einem Ferienjob nach. Sie führt die Hunde ihrer Arbeitgeberin spazieren. Diese ist von der Zuverlässigkeit der Schülerin begeistert. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Blogs

Nachspielzeit Nations League mit Delikatesse

Wettermacher Der Name der Hose

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Heftiges Wortgefecht: Ein palästinensischer Mann und ein israelischer Soldat geraten aneinander wegen der israelischen Order, eine Schule bei Nablus zu schliessen. (15. Oktober 2018)
(Bild: Mohamad Torokman) Mehr...