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Master-Kurs für Extremkletterer;Master-Kurs für Extremkletterer

Der Schweizer Alpen-Club (SAC) bildet jugendliche Kletterer zu Extrembergsteigern aus. Eine Schule für Hochrisikotrips in der Todeszone? Nein, sagen die jungen Berner Alpinisten Marco Burn und Marcel Probst. Und erklären, warum sie die Ausgesetztheit in steilen Felswänden suchen.

«Ich bin verzaubert und betört – alles scheint unwirklich hier oben.» Diesen Satz formulierte der Engelberger Extrembergsteiger Roger Schäli, als er Ende letzter Woche als erster Mensch in der Wildnis von Grönland auf einer in den Himmel ragenden Granitnadel stand und in die Bodenlosigkeit hinunterschaute. Auf seiner waghalsigen Expedition, zu der wilde Schlauchboot-Traversen über das eiskalte Meer gehörten, setzte Schäli auch medial eine neue Marke. Er bloggte täglich aus der Monsterwand, in der die Kletterer mehrere Nächte in Hängezelten verbrachten, die Hunderte Meter über dem Abgrund baumelten. «Der Berg jagt uns weg» So konnten die Leserinnen und Leser von Newsnetz/Bernerzeitung.ch in den letzten zwei Wochen live am Nervenkitzel einer Tour teilhaben, die Laien als High-Risk-Unternehmung vorkommt. Bergsteiger hingegen sprechen da gerne von kalkuliertem Risiko, obschon man in die grönländische Abgeschiedenheit kaum hätte Rettungskräfte rufen können. Als die erfolgreichen Erstbesteiger sich wieder zum Wandfuss abseilten, gerieten sie in heftigen Steinschlag. «Der Berg will uns nicht mehr und jagt uns weg», kommentierte Schäli die brandgefährliche Situation im Blog cool. Es hätte auch böse enden können. Geschäft mit dem Risiko Roger Schäli gehört wie die Berner Oberländer Ueli Steck und Stephan Siegrist zur kleinen Crème, die vom Extremalpinismus lebt. Ihr Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn sie – aus der Sicht des Publikums – Risiken eingehen, die Aufsehen erregen. So könnte man Schäli als Kleinunternehmer sehen, der auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod operiert. Neuerdings ist Topathlet Schäli aber auch Lehrer, der seine Erfahrungen in der Risikozone an den Nachwuchs weitergibt. Er gehört zum kleinen Leitungsteam des Schweizer Alpen-Clubs (SAC), das ambitionierte Jungalpinisten in einem neuen, seit 2009 laufenden dreijährigen Programm zu Leistungsbergsteigern weiterbildet, die dereinst vielleicht spektakuläre Extremtouren unternehmen. Masterarbeit Expedition Vor wenigen Tagen sind die Kletterer selektioniert worden, die das Förderprojekt fortsetzen. Es besteht aus einigen mehrtägigen Kursen – am Fels zum Klettern, aber auch in der Schulstube zu Themen wie Medienarbeit oder Fundraising. Quasi als Masterarbeit werden die Jungalpinisten – learning by doing – unter Aufsicht von Schäli & Co. für Ende 2011 oder Anfang 2012 eine grosse Expedition planen, umsetzen – und dafür auch Sponsoren suchen. Marcel Probst (20), Zimmermann aus Gümligen, war schon für einen Morgenschwumm in der 18 Grad frischen Aare, ehe er mit dem Rad nach Bern fuhr. Jetzt legt er seine eindrücklichen Unterarme – das Kraftzentrum leistungsfähiger Kletterer – auf den Tisch, an den sich mit einem breiten Grinsen auch Marco Burn (21), Geologiestudent aus Münsingen, gesetzt hat. Die beiden Berner gehören zur zehnköpfigen Elite von Jungalpinisten, die den Sprung ins SAC-Förderkader geschafft haben. Unkletterbar? Unglaublich! Eben waren sie mit dieser Gruppe in einem Trainingscamp im wilden Orco-Tal im Piemont. Sie wurden dort in die Wissenschaft des technischen Kletterns eingeführt und haben dabei gelernt, wie man unkletterbare Steilstufen – an die man in Wänden, die noch niemand bezwungen hat, ohne weiteres gerät – mit selbst montierten Strickleitern überwindet. «Unglaublich», sagt Burn begeistert, «was da plötzlich begehbar wird.» Dass sie schon bald wie Ueli Steck publikumswirksam solo die Eigernordwand hochsprinten werden, «können wir uns überhaupt nicht vorstellen», sagen Marcel Probst und Marco Burn. Sie liessen sich nicht zu Leistungsbergsteigern ausbilden, weil sie eine Karriere als Profialpinisten im Auge hätten, die gezwungen seien, Öffentlichkeit und Sponsoren mit immer riskanteren Expeditionen zu befriedigen. Was sie beide in die Berge und an die Felswände treibe, könnte man vielleicht eher als inneres Bedürfnis nach Selbstverantwortung bezeichnen, das man erst im Ausgesetztsein während einer schwierigen Bergtour so richtig spüre. Er wünsche sich sehr, die Fähigkeiten zu erwerben, um Gebiete aufsuchen zu können, wo es keinen Handyempfang gebe und man nicht innert Stunden Hilfe anfordern könne, wenn man nicht mehr weiterwisse, sagt Marcel Probst. Es gehe ihm nicht darum, mutwillig sein Leben zu riskieren, sondern darum, nichts delegieren zu können, nur auf sich selber angewiesen zu sein – und auch, Luxus und Absicherung, die einen überallhin verfolgen, vorübergehend hinter sich zu lassen. Absage an Bergboom Probst und Burn sind keine Bergler, sondern Agglo-Twens, die auch gerne im urbanen Drive eines Busker-Festivals unterwegs sind. Trotzdem verstehen sie ihr Engagement im Leistungsbergsteigen auch als eine Art Kontrapunkt zum konsumorientierten, städtisch geprägten Bergboom. Immer mehr Leute strömen in die Alpen, auf planierten Bergwegen, abgesicherten Klettersteigen, in immer komfortablere SAC-Hütten mit Dreigangmenüs, Daunenduvets, Sechsbettzimmern. Probst und Burn, die seit Kindsbeinen klettern, beobachten diese Entwicklung kritisch und biwakieren mitunter im Zelt auf dem Gletscher, um sich die aus ihrer Sicht hohen Preise für Übernachtung und Hüttenverpflegung zu sparen. Ihr Engagement für den klassischen Alpinismus hat aber auch mit persönlicher Sinnsuche zu tun: «Das Gefühl, das ich suche», sagt Marco Burn, «ist nicht das, auf dem Gipfel zu stehen und noch einmal davongekommen zu sein. Sondern diese intensiven Momente, die sich ergeben, wenn man es schafft, alles um einen herum auszuschalten und sich ganz auf den Fels und die paar nächsten Bewegungen zu konzentrieren.» Das seien Augenblicke des Glücks. Der Umgang mit der Angst sei fundamental. Wer die Angst ausblende, lebe nicht lange, und es sei bezeichnend, dass die schweren Bergunfälle meistens im einfachen Gelände geschähen – wenn man das Gefühl habe, alles locker im Griff zu haben. Probst und Burn kennen das unangenehme Gefühl, ausgerutscht, aber gerade nicht abgestürzt zu sein. Manchmal realisiere man erst im Nachhinein, wie nahe am Limit man sich befunden habe. «Eigentlich besteht Bergsteigen aus Risikomanagement», sagt Ralf Weber, der als Bergführer in Thun lebt. Weber gehört mit Roger Schäli und dem Neuenburger Denis Burdet zu den Ausbildnern der jugendlichen Leistungsalpinisten. «Wir versuchen, den jungen Cracks unsere Erfahrung mitzugeben, und wir erzählen natürlich auch von den Fehlern, die wir gemacht haben», sagt Weber. Aber einen Versicherungsschutz gegen Abstürze könne man nicht erwerben. Beim Bergsteigen sei jede heikle Situation anders, man müsse sie individuell beurteilen. «Es gibt keine Checklist, die am Berg die richtige Lösung garantiert. Man kann sich nur auf sich selber verlassen, daran ändert auch die beste Ausbildung nichts.» Alpinistisches Neuland Letztlich, sagt Bruno Hasler, Fachleiter Ausbildung der Abteilung Bergsport und Jugend am SAC-Hauptsitz in Bern, sei genau das der Kern des Leistungsbergsteigerkurses. Man wolle den klassischen Alpinismus, der auch Entbehrung, Ausgesetztheit, Gefahr beinhalte, wieder stärken, weil er gegenüber den abgesicherteren Formen des Bergsports an Bedeutung verloren habe. Über die SAC-Jugendorganisationen, hofft Hasler, werden die Kursabsolventen ihr Know-how den jüngeren Generationen weitergeben. Dass der SAC mit seinem Kurs jugendliche Bergsteiger zu Hochrisikotouren animiere, glaubt Hasler nicht: «Sie sind hochmotiviert und klettertechnisch top. Jungs wie sie werden so oder so versuchen, alpinistisches Neuland zu betreten.» Mit guter Ausbildung und Erfahrung, die ihnen der Leistungsbergsteigerkurs bringe, könnten sie das Risiko stark reduzieren. Im Unterschied zu einem Pionier wie Ueli Steck, der sich in Eigenregie als alpinistischer Kleinunternehmer erfand und in jungen Jahren auch Glück hatte, zu überleben, könnten die SAC-Leistungsbergsteiger quasi mit einem Master für Extremkletterer in ihre Karriere starten. Als Profialpinisten und künftige Stecks sehen sich Probst und Burn nur in kühnen Träumen. Zu viel könne dazwischenkommen. Dank dem anhaltenden Bergboom investieren allerdings die Outdoorausrüster immer mehr Sponsorengelder in Extrembergsteiger. Gut möglich, dass den beiden ihr Traum näher kommt als sie jetzt denken.Jürg Steinerjuerg.steiner@bernerzeitung.ch >

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