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Mädchenhafte Messerstecherin

Ende 2008 erstach eine junge Frau im Berner Florapark einen Mann. Die mutmassliche Täterin leide an einer schweren Persönlichkeitsstörung, sagte die Psychiaterin gestern vor Gericht. Eine Therapie sei schwierig bis aussichtslos.

Es ist ein irritierendes Bild: Man weiss zwar, dass die junge Frau, die in Hand- und Fussfesseln vor dem Kreisgericht Bern-Laupen sitzt, einen Menschen umgebracht hat. Aber man kann es kaum glauben. T.H.* wirkt deutlich jünger als 24 Jahre, mädchenhaft gar. Sie trägt Turnschuhe, eine rosa Bluse, einen Kapuzenpulli und hat die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ab und zu dreht sie sich zu ihrem Verteidiger um und spricht leise mit ihm. Den grössten Teil des ersten Verhandlungsvormittags aber verfolgt sie regungslos – obschon ihr Seelenleben in allen Details ausgebreitet und analysiert wird. Es sind düstere Kapitel, die hier aufgeschlagen werden. Im Park erstochen In der Nacht auf den 18.November 2008 hat T.H. im Florapark im Berner Monbijouquartier einen 52-jährigen Mann aus Sri Lanka erstochen. Die Polizei konnte sie noch am Tatort festnehmen. Die junge Schweizerin gestand, dass sie mit einem Schnitzer mehrmals auf ihr Opfer eingestochen habe. Der Mann starb an den Verletzungen. Bei der Befragung durch die Polizei hatte T. H. gesagt, es sei vor der Tat zu sexuellen Handlungen gekommen. Die junge Frau hatte sich gelegentlich auf dem Drogenstrich vor der Kleinen Schanze prostituiert, war aber selber nicht drogenabhängig. Das Opfer hatte ihre Dienste in Anspruch nehmen wollen. Von der Fantasie zur Tat «Dieses Delikt ergab sich nicht einfach aus der Situation. Es hatte einen jahrelangen Vorlauf», sagte die psychiatrische Gutachterin vor dem Kreisgericht. Die Ärztin wurde gestern befragt, weil sie bei der auf Anfang September festgesetzten Hauptverhandlung nicht teilnehmen kann. Die Psychiaterin kommt in ihrem Gutachten zum Schluss, dass die Angeschuldigte eine schwere Persönlichkeitsstörung hat. Ihr Gefühlsleben gleiche einer «emotionalen Achterbahnfahrt». In ihrem Innersten fühle sich die junge Frau «jämmerlich klein». Um diese Selbstzweifel zu kompensieren, gebe sie sich Tagträumen hin, in denen sie stark und überlegen sei. Schon in ihrer Kindheit wurde die Angeschuldigte von Gewaltfantasien gequält. Traten diese zwanghaften Gedanken früher nur bei konkreten Ereignissen auf – zum Beispiel, als sich T.H. über ihre Klavierlehrerin ärgerte –, verselbstständigten sie sich im Laufe der Jahre. Und gipfelten in der Tötung des Mannes im Florapark. Erfolglose Therapien Ein unbeschriebenes Blatt war T.H. aber schon vor dieser Bluttat nicht: Als 15-Jährige hatte sie versucht, ihren Bruder mit einem Messerstich in den Rücken zu töten. Als 17-Jährige verübte sie in Bern zwei Raubüberfälle. Dementsprechend hatte sie vor der Tat im Florapark bereits jahrelange Erfahrung im Strafvollzug und in psychiatrischen Einrichtungen (Kasten rechts). Es sind diese jahrelangen und erfolglosen Therapieversuche, welche die psychiatrische Gutachterin zweifeln lassen, ob eine neuerliche Behandlung überhaupt etwas bringen würde. «Es handelt sich hier um einen ausserordentlich schweren und auch seltenen Fall», sagte sie gestern. Wie die lange Krankheitsgeschichte der Frau zeige, sei ihre psychische Störung äusserst schwierig zu behandeln. «Ich sehe keinen Therapieansatz, von dem man sagen könnte, dass er sicher Erfolg bringt.» Grosse Rückfallgefahr Erschwerend kommt aus Sicht der Expertin dazu, dass T.H. nur vordergründig mitarbeite. Der jungen Frau gefalle es auf eine gewisse Weise, eine «solch gefährliche und aussergewöhnliche Störung» zu haben. Die Rückfallgefahr schätzt die Psychiaterin als gross ein. Die junge Frau habe ihr gegenüber erzählt, sie habe die Tat im Florapark als positiv erlebt. Gegenüber der Polizei hatte T.H. mit ihrer kriminellen Vorgeschichte geprahlt. Ihr Verteidiger mutmasste, DASS seine Mandantin bisher nicht einfach falsch therapiert worden sei. Mit der richtigen Massnahme am richtigen Ort gäbe es aus seiner Sicht durchaus Aussicht auf Besserung. Die Psychiaterin blieb jedoch bei ihrer Einschätzung: Sie befürchtet, dass T.H. ihre Gewaltfantasien nicht dauerhaft kontrollieren kann. Ob eine weitere Therapie angeordnet wird und wo T.H. ihre Strafe verbüssen muss, entscheidet das Gericht Anfang September. Mirjam Messerli*Name der Redaktion bekannt >

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