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Keine Erlösung für niemanden

Bettina Oberli («Die Herbstzeitlosen») kann auch anders: «Tannöd» ist ein Film, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Leise rieselt der Schnee und deckt alles zu. So endet «Tannöd», der dritte Spielfilm der Berner Regisseurin Bettina Oberli. Doch aufgelöst ist am Schluss wenig, Kruzifixe und Gebete haben nichts geholfen, die Beklemmung bleibt. «Tannöd» ist das Drama um eine Auslöschung: Im bayerischen Hinterkaifeck wurden 1922 sechs Menschen auf einem abgelegenen Bauernhof erschlagen, die Tat wurde nie aufgeklärt. Krimidebütantin Andrea Maria Schenkel machte den Stoff 2006 zum Bestseller. Im Film behält Oberli das Stimmengewirr der Vorlage bei (Drehbuch: Petra Lüschow) und gruppiert den ländlichen Sumpf aus Intrigen, Lügen, Neid und Habgier um eine neue Figur: Die Krankenschwester Kathrin (Julia Jentsch) kommt zwei Jahre nach der Bluttat ins Dorf, um ihre Mutter zu beerdigen. Aus der Lichtfigur, die in luftigen Röcken und rotem Mäntelchen durch den Wald eilt, wird jedoch bald eine Mitläuferin. Eine inzestuöse Vergangenheit, heillose Bigotterie und eine dubiose Einflüsterin (Monica Bleibtreu in ihrer letzten Rolle) ziehen Kathrin mit in den Sumpf. Die Vielzahl an Figuren (darunter Nils Althaus als vollbärtiger Landstreicher) ist gewöhnungsbedürftig. Trotzdem ist «Tannöd» nach dem Arbeitslosendrama «Im Nordwind» (2004) und der Hitkomödie «Die Herbstzeitlosen» Oberlis bislang reifster Film: Er gebiert Bilder, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen – etwa wenn das Dorf geschlossen aus dem kahlen Tannenwald tritt. Da wird die kontrastreiche Schauermär zur Parabel über menschliche Abgründe. Und obwohl der Film nicht wie im Buch zwingend nach Ende des Zweiten Weltkriegs verortet ist, funktioniert «Tannöd» als Gegenstück zu Michael Hanekes «Das weisse Band» (läuft zurzeit im Kino), wo eine Dorfjugend vor dem Ersten Weltkrieg gegen die Schreckensherrschaft ihrer Väter rebelliert. Hans Jürg Zinsli«Tannöd»: Vorpremiere: Mittwoch, 18. November, 18 Uhr cineMovie 1, Bern. Ab 19. November im Kino. >

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