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Warum die Stadt Moutier nicht weiss, wo sie hingehört

Die Krawalljahre sind vorbei, der Jura-Konflikt ist erkaltet. Doch Moutier hat eine umstrittene Identität.

Als Moutier der Gewaltherd des Jura-Konflikts war: Berner Polizeigrenadiere jagen am 7. Juni 1977 Separatisten durchs Städtchen.
Als Moutier der Gewaltherd des Jura-Konflikts war: Berner Polizeigrenadiere jagen am 7. Juni 1977 Separatisten durchs Städtchen.
Keystone
In den heissen Zeiten der Konfrontation, als Moutier der umstrittenste Schauplatz des Nationalismus im Jura war: Berner Polizeigrenadiere stoppen im Städtchen am 3. April 1977 separatistische Demonstranten mit Tränengas.
In den heissen Zeiten der Konfrontation, als Moutier der umstrittenste Schauplatz des Nationalismus im Jura war: Berner Polizeigrenadiere stoppen im Städtchen am 3. April 1977 separatistische Demonstranten mit Tränengas.
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Clément Crevoisier, Chronist des ­Jura.
Clément Crevoisier, Chronist des ­Jura.
Enrique Muñoz García
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Der Angriff der Berner Polizeigrenadiere beginnt in der Nacht auf den 8. September 1975. Hunderte von Separatisten sind in Moutier vor dem Hotel de la Gare, ihrem Stammlokal, versammelt. Mit fünf gepanzerten Wagen und Tränengas treibt sie die Polizei zusammen. Dann stürmt sie das Gebäude. Als der Morgen graut, sind 225 Personen festgenommen. Viele sind verletzt, bluten.

Frust über knappes Verdikt

Dem beispiellosen Krawall gehen explosive Tage voraus. Am Sonntag, dem 7. September 1975, stimmen die Gemeinden des damals noch bernischen Jura ein letztes Mal darüber ab, ob sie einen neuen Kanton Jura bilden wollen. Schon vor dem Urnengang ziehen jurafreudige Separatisten, aber auch berntreue Gegner mit Bärenflagge durch Moutier.

Der Urnengang wird in den drei nördlichen Jura-Bezirken zur Gründung eines neuen Kantons führen. In Moutier aber wollen 54,2 Prozent beim Kanton Bern bleiben. Der Frust der Separatisten über das knappe Verdikt ist gross. Heftig leben sie ihn in den Gassen des Städtchens aus. Etwa mit Attacken gegen Polizeiposten, die Symbole der Berner Herrschaft. Die Ausschreitungen werden erst im Tränengas der Polizei erstickt.

In der Spirale der Eskalation

Ein paar Tage später präsentiert die Berner Polizei vor der nationalen Presse wirkungsvoll, was sie bei ihrem Einsatz erbeutet hat: Jagdgewehre, ein Scharfschützengewehr, eine Pistole, Schlingen, Schlagstöcke, Eisenstangen, Pflastersteine, drei Molotowcocktails, Sprengstoff. Die Schweiz ist entsetzt. Für Jahre wird sie die Separatisten mit ­roher Gewalt verbinden.

Die Realität aber ist komplizierter. Auch auf der probernischen Seite provozieren junge Militante Krawalle. Separatisten wie auch Antiseparatisten gründen patriotische Komitees. Die Berner Behörden reagieren auf jurassische Anliegen lange kompromisslos. In der Berner Finanzaffäre von 1984 fliegt auf, dass die Berner Regierung den antijurassischen Widerstand aus schwarzen Kassen finanziert hat.

Beide Seiten drehen im Jura-Konflikt an der Spirale der Eskalation. In Moutier haben sich von 1974 bis 1977 mehrere schwere Krawalle ereignet. Zu keinem gibt es eine neutrale Untersuchung, nur mehr oder weniger parteiische Zeitungsberichte.

Moutier hat andere Sorgen

42 Jahre später kann man die Gewaltszenen kaum mehr mit dem stillen Jura-Städtchen in Verbindung bringen. Am 18. Juni stimmt Moutier noch einmal über seine Kantonszugehörigkeit ab. Bei den Behörden des Städtchens und des Kantons Bern kommt zwar Nervosität auf. Aber die Zeit, als Moutier der Hotspot des Jura-Konflikts war, ist vorbei. Die Nachfahren der Heisssporne fechten heute mit Argumenten.

Vor allem jüngeren Einwohnern scheint unklar zu sein, ob ­ihnen nun die eine oder die andere Kantonszugehörigkeit bessere Perspektiven eröffnet. Echte Sorgen bereitet in Moutier gerade, dass die Drehmaschinenher­stellerin Tornos SA, die grösste Arbeitgeberin im Ort, wieder in die Verlustzone gerutscht ist.

Das Belfast der Schweiz

Historiker Clément Crevoisier (41), aufgewachsen in Delsberg, weiss aus Erzählungen, dass es vor vierzig Jahren fast unmöglich war, in Moutier unentschieden zu sein. «Alles war schwarz-weiss, jeder wusste haargenau, ob er für oder gegen Bern ist», sagt Crevoisier. Moutiers Einkaufsläden und Restaurants sind damals scharf getrennt. Berntreue kaufen in der berntreuen Metzgerei ein, Separatisten in der jurafreundlichen. Kein Gast verirrt sich ins falsche Restaurant.

«In Moutier war vor vierzig Jahren alles schwarz-weiss. Jeder wusste haargenau, ob er gegen oder für Bern ist.»

Clément Crevoisier

Moutiers Teilung hat ein finsteres Vorbild. 1975 erklärt der Präsident des separatistischen Rassemblement jurassien (RJ): «Il faut que Moutier soit le Belfast du canton de Berne.» In Belfast, der Hauptstadt Nordirlands, tobt damals der Krieg der katho­lischen Untergrundarmee IRA gegen protestantische Gewaltgruppen und britische Soldaten. Er fordert 3000 Tote. Die Stadt ist mit Mauern und Zäunen in ­katholische und protestantische Strassenzüge unterteilt.

Historiker Clément Crevoisier (41) zur Rolle von Moutier in der Geschichte des Jura-Konflikts. Video: Stefan von Bergen

So weit kommt es in Moutier nicht. Im Städtchen reden zwar Familien nicht mehr miteinander, Brandanschläge passieren, Menschen werden verprügelt. Aber schlimmere Grenzüberschreitungen wissen beide Seiten knapp zu vermeiden. Der Jura-Konflikt fordert nur ein paar wenige Tote. Nicht in Moutier.

Die Haltung zur Jura-Frage spielt heute höchstens noch im Hotel de la Gare eine Rolle. Will man ein Mitglied der legendären Béliers, der separatistischen Jugendgruppe, treffen, dann am ehesten dort. Im Hotel befindet sich ein Büro des Mouvement Autonomiste Jurassien (MAJ).

Eine Gedenktafel am Haus erinnert an den Berner Polizeiangriff vom 7. September 1975, der Hunderte von Jurassiern «brutalisiert» habe. An einen nahen Jura-Felsen ist ein Jura-Wappen gepinselt, das schon übermalt worden ist. Der alte Streit wird nur noch auf der Symbolebene ausgetragen.

Umstrittene Identität

«Der Konflikt ist nicht gelöst, aber erkaltet», sagt Clément Crevoisier. Er sitzt in seinem Büro in einer früheren Schreibmaschinenfabrik in Yverdon. Aus der Waadtländer Distanz beobachtet er das Abebben des Zorns. 2012 hat er den «Atlas historique du Jura» herausgegeben, in dem er ohne politische Zuspitzung erklärt, was im Jura über die Jahrhunderte genau passiert ist.

Kürzlich, erzählt er, habe er im Zug in den Jura eine Frau mit Kopftuch gesehen und begriffen, wie weit weg die Jura-Frage und der Kampf Deutsch gegen Welsch von der Gegenwart seien. Moutier sei heute ein vielsprachiger Ort, dessen Industriearbeiter auch Portugiesisch oder Türkisch sprächen. Man bekomme dort die Konjunkturschwankungen der Weltwirtschaft zu spüren.

Und doch sind die Schatten der Vergangenheit noch präsent. Die einst geteilte Stadt hat immer noch eine umstrittene Identität und weiss nicht recht, wo sie hingehört. Deshalb gibt es am 18. Juni noch einmal eine Abstimmung.

An einer beweglichen Grenze

Crevoisier holt aus in der Geschichte, um Moutiers schillernden Charakter herzuleiten. Der Ort gehört während Jahrhunderten zum 1798 untergegangenen Bistum Basel. Das kleine Reich des Bischofs mit Sitz auf Schloss Pruntrut reicht von der Ajoie bis an den Bielersee.

Es steht unter wechselnden Einflüssen von Norden und von Süden. Im südlichen Teil des Bistums schliessen Orte wie Moutier sogenannte Burgrechtsverträge mit deutschsprachigen Orten ab: mit Bern, Solothurn, Biel.

Der Süden des Bistums wird unter Berns Einfluss reformiert. Und die Eidgenossenschaft bewahrt den südlichen Jura – anders als den Nordjura – vor dem Dreissigjährigen Krieg (1618–1648) und dem französischen Einmarsch von 1792.

Mitten durch das alte Bistum verlaufen rechtliche, konfessionelle oder kulturelle Grenzen. Über die Jahrhunderte entsteht so eine bewegliche, nie ganz ­eindeutige Trennlinie zwischen Nord- und Südjura. Moutier liegt geografisch mittendrin – und zwischen den Fronten in Gestalt zweier Jura-Ketten.

Arbeiter und Katholiken

«Im Jura gibt es keine dominante Struktur, sondern komplexe und veränderliche Verhältnisse», sagt Crevoisier. Die Region habe multikulturelle Wurzeln und gehöre mehr zur Deutschschweiz als zur Romandie.

«Die Jura-Region hat multikulturelle Wurzeln und gehört mehr zur Deutschschweiz als zur Romandie.»

Clément Crevoisier

Delsberg ist fünfzig Jahre lang zweisprachig, wegen der Zuwanderung deutschsprachiger Bahnarbeiter. Noch mehr Arbeiter zieht ab 1850 das juras­sische Industriezentrum Moutier an – mit seiner Glasproduktion sowie Uhren- und Maschinenfabriken.

Da viele Zuwanderer katholisch sind, ist Moutier im reformierten Berner Jura ein Ausnahmeort. Wie der Nordjura hat Moutier eine katholische Mehrheit. 68 Prozent beträgt sie im Städtchen.

Sind es Moutiers Katholiken, die in den heissen 1970er-Jahren einen katholischen Kanton Jura wollen? Oder lassen sich Moutiers Industriearbeiter – frustriert von der Krise der Uhren- und Maschinenindustrie in den 1970er-und 1980er-Jahren – vom rebellischen Separatismus anstecken? «Die Krise und der Jura-Konflikt fallen zeitlich zusammen, aber ihr Zusammenspiel ist nie erforscht worden», sagt Crevoisier.

Die Jura-Frage sei «weder ein konfessioneller Konflikt noch ein sozialer Klassenkampf». Die Separatisten hätten clever beide Konfessionen und sowohl Arbeiter wie auch Eliten angesprochen. Sie hätten gar die linke ­Armeekritik für ihre Zwecke genutzt, um gegen Berner Waffenplätze im Jura zu kämpfen.

Nation Jura

Der Konflikt drehe sich um die nationale Identität des Jura, sagt Crevoisier. Der Jura eine Nation? Dafür ist er doch viel zu klein! «Liechtenstein und die Schweizer Kantone verstehen sich auch als Nationen», erwidert Crevoisier. Bis 1798 sei das Bistum Basel ein eigener Staat gewesen. Erst 1815 komme es zur Schweiz. Aber nicht als selbstständiger Kanton.

Es wird am Wiener Kongress dem Kanton Bern zugeteilt. Bald gibt es politische und konfessionelle Reibungen. Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg neue Nationalstaaten und Unabhängigkeitsbewegungen formieren, flammt auch im Jura ein Nationalismus auf. Moutier wird zu seinem umstrittensten Schauplatz.

Bei den drei wegweisenden Jura-Plebisziten von 1974 und 1975, die durch die Vermittlung des Bundes zustande kommen, sagt Moutier dreimal Nein zu einem Kanton Jura. Allerdings immer sehr knapp mit 50 bis 54 Prozent Nein-Stimmen. Der enge Ausgang heizt die Stimmung in Moutier zusätzlich an.

1979 verliert Bern seine drei nördlichen Bezirke, die den neuen Kanton Jura bilden. Moutier verbleibt im bernischen Südjura, seine unklare Lage aber gärt weiter. Die Separatisten im Norden machen Moutier zu ihrem Brückenkopf im Feindesgebiet.

Separatistisch seit 1982

1982 kippen die Mehrheitsverhältnisse in Moutiers Gemeindeparlament. 1986 wird ein Separatist Stadtpräsident. Aber auch die neue Mehrheit bleibt knapp. Bei einer Konsultativabstimmung votiert Moutier 1998 mit einem hauchdünnen Mehr von 40 Stimmen für einen Verbleib bei Bern.

In der Abstimmung vom 24. November 2013 – der Berner Jura wählt da den Status quo – wollen in Moutier 2008 Stimmende oder 55 Prozent einen Wechsel zum Kanton Jura, 1619 einen Verbleib bei Bern. Dieses Resultat ist die Grundlage der Abstimmung vom 18. Juni – und der separatistischen Hoffnung, dass sich der Traum einer jurassischen Nation im Moutier des 21. Jahrhunderts doch noch durchsetzen lässt.

Jurassisches Drama

Wo gehört Moutier hin? Die Antwort müssten die Stimmberechtigten am 18. Juni geben, hält sich Clément Crevoisier zurück. Für ihn aber ist klar: «Wer den Jura verstehen will, muss seine Komplexität und vielfältigen Wurzeln akzeptieren.» Dass diese verkannt würden, gehört für ihn zum «jurassischen Drama». Was versteht er darunter? Durch die ideologische Schwarz-Weiss-Brille übersehe man leider die Vielfalt des Jura, sagt Crevoisier.

«Es wäre gut, den Riss durch Moutier nicht nur zu ­vergessen, sondern zu ­heilen.»

Clément Crevoisier

Er gibt ein Beispiel. Im neu gegründeten Kanton Jura habe man 1979 den Einwohnern vorgeschlagen, ihre alten Heimatorte ausserhalb des Jura gegen jurassische Heimatorte zu tauschen. Für Crevoisier ist das eine «nettoyage culturel» – eine kulturelle Bereinigung, mit der man die Herkunftsgeschichte von Jurassiern gelöscht habe.

Der 18. Juni wird in Moutier nicht alle Fragen klären. Wie auch die Abstimmung ausgehe, die separatistische Ideologie werde weiterhin die Identität der Region beeinflussen, sagt Crevoisier. Braucht Moutier nach der Abstimmung eine Versöhnungskommission wie einst Südafrika nach dem Ende der Apartheid?

Historiker Crevoisier weiss, dass die Aufarbeitung der Geschichte unpopulär ist und an alte Emotionen rühren kann. «Aber es wäre gut, den Riss in Moutier nicht nur zu vergessen, sondern zu heilen.»

Dieser Artikel ist am 25. März 2017 erschienen.

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