Verschollenes Dokument zur «Henzi-Verschwörung» aufgetaucht

Bern

Vor 270 Jahren wurde Samuel Henzi in Bern enthauptet. Nun ist ein historisch bedeutendes Dokument zur «Henzi-Verschwörung» aufgetaucht, das seit 200 Jahren verschollen war.

War seit 200 Jahren verschollen: Das geheime Protokoll der Berner Regierung zur sogenannten «Henzi-Verschwörung».

War seit 200 Jahren verschollen: Das geheime Protokoll der Berner Regierung zur sogenannten «Henzi-Verschwörung».

(Bild: zvg/Staatsarchiv des Kantons Bern)

270 Jahre nach der Enthauptung von Samuel Henzi - dem Kopf der sogenannten «Henzi-Verschwörung» von 1749 in Bern - ist das geheime Protokoll der Berner Regierung wieder aufgetaucht. Das historisch bedeutende Dokument galt seit 200 Jahren als verschollen.

Der Kanton Bern vermeldete den «spektakulären Neuzugang» am Mittwoch. Das Staatsarchiv war anfangs Juni vom einem Historiker darauf aufmerksam gemacht worden, dass im Internet ein Manual zur «Henzi-Verschwörung» von 1749 aufgetaucht sei.

Das Staatsarchiv konnte in der Folge den Besitzer von der historischen Bedeutung des Bandes überzeugen. Es komme «einer kleinen Sensation» gleich, dass der Band nun fast auf den Tag genau 270 Jahre nach der Enthauptung von Samuel Henzi (17. Juli 1749) wieder ins Staatsarchiv zurückkehre, schreibt der Kanton.

Henzi war der intellektuelle Kopf einer Gruppe, welche die Vorherrschaft des regierenden Patriziats beenden wollte. Die Gruppe aus Handwerkern, Gewerbetreibenden und nicht regierenden Berner Burgerfamilien einte das Gefühl der Benachteiligung gegenüber den patrizischen Burgern, denen sie rein rechtlich gleichgestellt waren.

Verrat nach der zweiten Versammlung

Für die damalige Zeit stellten sie revolutionäre Forderungen: eine Gemeindeversammlung als oberstes Organ, eine Amtszeitbeschränkung für vom Volk gewählte Magistrate, eine jährliche Abrechnung der Staatskasse sowie die Öffnung der Archive.

Die Verschwörer trafen sich am 25. Juni 1749 zum ersten Mal in der Indiennefärberei des Johann Friedrich Küpfer am Sulgenbach. Vier Tage später fand die zweite Versammlung statt. Doch wenige Tage später flog die Sache auf: Ein Theologiestudent, der zufällig von den Absichten der Gruppe erfahren hatte, wendete sich am Abend des 2. Juli an ein Mitglied der Regierung.

Der Umschlag des geheimen Protokolls. Auf das Bild klicken, um dieses zu vergrössern. Foto: zvg/Staatsarchiv des Kantons Bern

Am Morgen des 3. Juli verhafteten «junge und kräftige» Mitglieder des Grossen und Kleinen Rates die Verschwörer. Es soll keinen nennenswerten Widerstand gegeben haben. Gegen 30 Personen wurden verhaftet, über 30 weitere mit Hausarrest belegt. Zwei Personen aus dem engsten Kreis gelang die Flucht.

«Die Regierung hatte ein gewaltiger Schreck gepackt», ruft das Staatsarchiv in der Mitteilung in Erinnerung. Das sonst eher beschauliche Bern war mehrere Tage in grosser Unruhe. Doch die Verschwörung war in sich zusammengebrochen, ohne dass sie namhafte Unterstützung erhalten hätte.

Grosses Medienecho in Europa

Die Ereignisse rund um die «Henzi-Verschwörung» lösten in Europa ein grosses Medienecho aus. Gotthold Ephraim Lessing schrieb darüber sogar ein Theaterstück, das später als Fragment veröffentlicht wurde.

Mit dem wieder aufgetauchten Dokument - das geheime Ratsmanual - liessen sich nun die Darstellungen von Zeitzeugen aus Sicht der Berner Obrigkeit überprüfen, schreibt der Kanton Bern.

Am 16. Juli wurde über die drei Hauptpersonen - unter ihnen Samuel Henzi - das Todesurteil verhängt und am nächsten Tag durch das Schwert vollzogen. Die anderen Mitverschwörer wurden verbannt oder unter Hausarrest gestellt. Erst 30 Jahre später erhielten die Nachfahren ihr Burgerrecht zurück. 1780 durften auch die Geflohenen zurückkehren.

Samuel Henzi war bereits 1744 als Mitverfasser eines regierungskritischen Manifests aus dem bernischen Staat verbannt worden. Zurück in der Stadt Bern arbeitete er 1749 als Unterbibliothekar in der Stadtbibliothek, sah sich jedoch immer wieder gegenüber Konkurrenten aus Patrizier-Familien benachteiligt.

chh/sda

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...