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«Jetzt hat es keine Fische mehr»

Weil die alte Aare zwischen Büren an der Aare und Meienried kaum mehr fliesst, verlandet sie langsam. Jetzt sucht das kantonale Naturschutzinspektorat nach Lösungen. Fischer, Ornithologen und Biologen reden mit.

Werner Gloor ist traurig. Der 80-Jährige kann sich nicht mehr freuen, wenn er in Büren an der Aare mit seinem Fischerboot vom Ufer abstösst. Auf dem 6,7 Kilometer langen stillgelegten Aarearm hat er früher massenhaft Egli und Hechte aus dem Wasser gezogen. Jetzt kann er nicht mehr fischen. Er kommt in seinem Boot kaum vorwärts. Bei jedem Schlag verheddert sich ein schwerer Haufen Wasserpflanzen in seinem Ruder. Im Flussabschnitt, in dem das Wasser seit der ersten Juragewässerkorrektion kaum mehr fliesst, wuchern die Pflanzen. «Im Winter sterben sie ab, sinken zu Boden, es bildet sich Schlamm, und der Verlandungsprozess setzt sich fort», beschreibt Angela von Känel den Prozess, der auch ihr als Biologin im Gewässer- und Bodenschutzlabor des Kantons Bern bekannt ist.

«Ich habe den Verleider»

Jedes Jahr wüchsen diese Ablagerungen um fünf Zentimeter, sagt Gloor, während er sich in seinem Boot durch die Kräuter kämpft. Früher, schwärmt er, habe es hier nur so geglitzert von kleinen Fischlein, die aus dem Wasser an die Oberfläche sprangen. «Jetzt hat es keine Fische mehr. Fertig. Alles tot.»

40 Jahre lang hat Gloor im Häftli, wie das Gebiet heisst, sein Fischrecht ausgeübt. Er ist enttäuscht von den Behörden. Niemand unternehme etwas gegen die Verlandung, niemand kümmere sich um das Häftli.

Gloor störte sich auch an ei-ner Abholzaktion: 200-jährige Eichen hätten dran glauben müssen. Wunderschön seien sie gewesen. Weit hätten sie auf den Fluss hinausgeragt, «und es sah aus wie im Dschungel», erinnert sich der Fischer und berichtet von Eisvögeln, die jeweils auf den Ästen gelandet seien.

Nationale Bedeutung

Markus Graf vom Naturschutzinspektorat wehrt sich gegen den Vorwurf, es kümmere sich niemand um den Zustand des Häftlis. «Das können wir uns nicht leisten», sagt er, immerhin gelte das Häftli als Auengebiet von nationaler Bedeutung und sei im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung registriert. Das Naturschutzinspektorat sei sich seiner Verantwortung dem Häftli gegenüber durchaus bewusst. «Das ist ein Bijou», betont Graf. Aber der Probleme und Interessen, die hier aufeinander treffen, gibt es offenbar viele.

(Zu) klares Wasser

Laut Angela von Känel liegt ein Grund für das starke Wachstum der Wasserpflanzen bei den Abwasserreinigungsanlagen, die gute Arbeit leisten: Dank dem klaren Wasser bekommen die Pflanzen mehr Licht und breiten sich schneller aus. Sie bedaure die Verunkrautung im Häftli, sagt die Biologin, aber es gelte zu akzeptieren: «Wir haben nicht alles im Griff.» Auch dass es immer wärmer werde, trage zu der Entwicklung bei. Dass zu viele Nährstoffe in die alte Aare gelange und das Kraut deshalb derart wächst, glaubt die Biologin nicht. Algen bräuchten kaum Nährstoffe.

Für mehr Schilf

Warum aber mussten die Eichen weg? Für die Holzerei ist Ernst Hunziker vom Amt für Wasser und Abfall verantwortlich. Er habe mit der Aktion die Wiederherstellung eines natürlichen Schilfstreifens im Auge gehabt. Die ins Wasser hinausragende Eichen hätten diesen unterbrochen. Schilf biete wichtigen Lebensraum für Singvögel, Reptilien und auch Fische, deshalb solle der Bestand im Häftli gefördert werden. «Wir haben auf Anweisung des Naturschutzinspektorats gehandelt», betont Hunziker.

Kürzlich sind Naturschutzinspektor Markus Graf, Fischereiaufseher Jörg Ramseier und der für den Unterhalt verantwortliche Ernst Hunziker über den Problemen im Häftli zu Rate gesessen. Eine Möglichkeit, der Verlandungstendenz entgegenzuwirken, sähen sie darin, den Schlamm im Flussbett auszubaggern. Aber das würde gewaltige Dimensionen bedeuten, Hektare um Hektare müsste bearbeitet werden. «Das ist politisch heikel», sagt Hunziker. «Es ist fraglich, ob der Kanton ein solches Projekt unterstützen würde. Der Rotstift geht um.»

Die Kehrseite

Offenbar liesse sich die Situation im Häftli allein mit dem Öffnen des Schiebers beim Wassereinlauf beeinflussen. Wäre die Strömung stärker, würden die abgelagerten organischen Stoffe weitertransportiert, sagt Fischereiaufseher Jörg Ramseier. Den Fischern wäre eine stärkere Strömung recht. Aber: «Wenn mehr Wasser fliesst, nehmen die Teichrosen ab», sagt Graf. Das will er aus naturschützerischen Gründen nicht: «Schwimmblattgesellschaften» böten verschiedenen Vögeln Lebensraum, Blässhühner und Entenarten würden darin ihre Nester bauen. Graf fasst zusammen: «Wir müssen einen Kompromiss finden zwischen Fischern und Teichrosen.»

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