Gesunde Rehkitze waren temporär zum Abschuss freigegeben

Aus Spargründen erhielten Wildhüter den Auftrag, gesunde Rehkitze zu erschiessen. Nun wird die Regelung wieder aufgehoben.

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Sandra Rutschi

Eine Anfrage von Grossrat Thomas Fuchs (SVP, Bern) birgt dicke Post: Er will vom Regierungsrat wissen, weshalb im Kanton Bern neuerdings gesunde Rehkitze von Wildhütern erschossen werden müssen. Bislang brachten die Wildhüter gesunde, unverletzte Rehkitze, die sie fanden, in die Wildstation in Landshut.

Dort wurden die Tiere aufgezogen, bis sie wieder in die freie Wildbahn entlassen werden konnten.Doch nun ist Fuchs eine Änderung dieser Praxis zu Ohren gekommen: Wildhüter erhielten vom Jagdinspektor den Auftrag, die Tiere nicht mehr in die Wildstation zu bringen, sondern zu erschiessen. Damit wolle der Kanton sparen, sagt Fuchs. Denn den Wildhütern sei damit gedroht worden, eine ihrer Stellen zu streichen, falls sie sich nicht an diese Weisung halten würden.

Schlaflose Nächte habe sie gehabt, seit sie dies vernommen ­habe, sagt Erika Siegenthaler. Sie ist Stiftungsratspräsidentin der Wildstation Landshut. «Das ist Tierschändung und eine Respektlosigkeit gegenüber unserem einheimischen Wild», sagt sie. Zudem finde sie es daneben, dass den Wildhütern damit gedroht werde, eine ihrer Stellen einzusparen, wenn sie sich nicht an die Order hielten. Siegenthaler weiss von zwei Fällen, in denen Wildhüter gesunde, unverletzte Rehkitze erschossen haben, anstatt sie in die Wildstation zu bringen.

«Regelung wird aufgehoben»

Niklaus Blatter ist seit April Jagdinspektor des Kantons Bern. Nach seinem Amtsantritt hörte er von der Anordnung, gesunde und unverletzte Rehkitze zu erschiessen, anstatt sie aufzuziehen. Wer dies weshalb verordnet habe, wisse er nicht, sagt Blatter. Seit Dienstag jedoch sei klar, dass der Kanton dies nicht weiter so handhaben werde. «Wir wollen für jedes gesunde, unverletzte Rehkitz einen Platz finden, wo es aufgezogen und danach in die freie Wildbahn entlassen wird», sagt er. Dies habe er gemeinsam mit den Wildhütern beschlossen.

Als Stichtag gilt für Blatter der 15. Juni. Dann werden die Ökoflächen geschnitten, wohin sich besonders viele Rehkitze jeweils zurückziehen. Da im Moment noch keine Mähsaison sei und da die Regelung frühestens seit Anfang Jahr gelte, glaube er nicht, dass tatsächlich jemals ein gesundes und unverletztes Rehkitz erschossen worden sei. Von den beiden Fällen, die Siegenthaler erwähnt, weiss Blatter nichts.

Wildstation erhält kein Geld

Blatter wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, den Wildhütern sei mit der Streichung einer Stelle gedroht worden, wenn sie sich nicht an die Anweisung halten. «Mir ist nichts dergleichen zu Ohren gekommen, und ich kann es mir schlicht nicht vorstellen», sagt der neue Jagdinspektor.

Die Diskussion habe aber durchaus Sparbemühungen des Kantons als Hintergrund: Dieser strich der Wildstation Landshut auf Anfang Jahr die 50 000 Franken, die sie bislang jährlich für ­ihre Arbeit erhielt. Seither nehme die Wildstation keine Tiere der Wildhut mehr an, man müsse jeweils nach anderen Lösungen suchen, sagt Blatter. Siegenthaler widerspricht: Man nehme durchaus noch Tiere der Wildhut an, es seien aber weniger gebracht ­worden.

Der Jagdinspektor will sich in den nächsten Wochen mit Ver­tretern der Wildstation an einen Tisch setzen und über die Problematik sprechen. Zur Diskussion könnte stehen, ob der Kanton pro Tier, das er in der Wildstation unterbringt, einen Beitrag bezahlt. Das Jagdinspektorat ist aber auch auf der Suche nach anderen Plätzen. Wie viel dies dann unter dem Strich kosten wird und ob der Kanton damit Geld spart, steht noch in den Sternen.

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