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«Es ist wichtig zu üben, sich weniger ablenken zu lassen»

Das nötige Geld für neue ICT-Infrastrukturen an Schulen beschäftigt viele Gemeindeversammlungen. Dass der Kanton wenig Vorgaben macht, löst Gefühle der Überforderung aus.

Schülerinnen und Schüler arbeiten mit Tablets.
Schülerinnen und Schüler arbeiten mit Tablets.
Adrian Moser

Markus Michel, Jugendliche sitzen je nach Studie im Schnitt bis zu 4,5 Stunden täglich in ihrer Freizeit vor einem Bildschirm. Warum müssen sie das auch noch in der Schule tun?

Diese Bedenken habe ich von Eltern auch schon gehört. Aber die Geräte werden nicht einfach in der Schule verteilt, weil sie eine coole Sache sind, sondern weil mit der Einführung des Lehrplans 21 das Modul Medien und Informatik Einzug in die Schule gehalten hat. Es gibt viele Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler erwerben müssen. Etwa, mit einem Medium Informationen untereinander auszutauschen oder die Gedanken und das Wissen vor einem Publikum zu präsentieren. Nach einer Studie in Deutschland nutzt nur ein Drittel der Studierenden wirklich das ganze Breitenspektrum der Medien.

Wenn der Zwang des Lehrplans 21 nicht wäre – würden Sie trotzdem iPads im Unterricht befürworten?

Ja. Wir Medienpädagogen warten seit 30 Jahren darauf, dass die digitalen Endgeräte in vertretbarer Zahl in der Schule verfügbar sind. Vor einem Gerät zu sitzen, wird häufig negativ konnotiert – Leute denken, das ist per se schlecht. Aber es ist wichtig, dass die Jugendlichen lernen, verantwortungsvoll und achtsam mit elektronischen Medien umzugehen.

Das könnten Jugendliche auch zu Hause tun.

Es gibt tatsächlich Eltern, die ihre Kinder kompetent begleiten. Aber nicht alle haben die gleichen Möglichkeiten. Einige setzen die elektronischen Medien als Ruhigsteller ihrer Kinder ein. Andere benutzen die Medien als Erziehungsmassnahme. Als Strafe dürfen die Kinder weniger am Handy sein, als Belohnung länger. Beides ist nicht förderlich.

Also soll die Schule für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen?

Genau. Die Schule kann aufzeigen und üben, wie man positiv und kritisch mit Tablets und Smartphones umgehen kann. Die Eltern helfen, indem sie Vorbilder sind. Verbote und Mahnfinger nützen wenig, wenn Mutter und Vater selber ständig Medien konsumieren. Interessant wirds, wenn die Kinder jeweils aus dem Medienunterricht nach Hause kommen und die Eltern fragen: «Wie lange bist du wirklich am Bildschirm?» Dann hinterfragen die Eltern den eigenen Konsum und merken, wie viele Stunden sie eigentlich selber am Smartphone hängen.

Wie lernen die Schüler konkret Kontrolle?

Sie starren in der Schule ja nicht vom Morgen bis am Abend in den Bildschirm. Lernpsychologisch ist es wichtig, dass die Geräte nach einem gezielten Einsatz wieder aus dem Blickfeld verschwinden. So üben sie, durch die Technologie nicht fremdbestimmt zu sein, sondern selber aktiv zu entscheiden, wann sie was benutzen.

Ist die Ablenkbarkeit durch die iPads nicht ein Problem im Unterricht?

Ablenkung ist im Unterricht sowieso eine Herausforderung für Lehrpersonen und Schülerschaft. In der heutigen Welt ist es besonders wichtig zu üben, sich weniger von elektronischen Geräten ablenken zu lassen. Studien zeigen, dass die Qualität massiv darunter leidet und die Fehlerquote steigt, wenn man schnell zwischen verschiedenen Aufgaben wechselt. Multitasking ist ein Mythos. Um gegen die Ablenkung zu kämpfen, braucht es gewisse Tricks. Ich habe zum Beispiel die Whatsapp-Benachrichtigung abgestellt. Ich habe keine Ahnung, wenn mir jemand eine Nachricht schreibt, sondern steuere selber, wenn ich auf die App zugreife.

Merken Sie wirklich, dass Jugendliche durch einen solchen Unterricht einen anderen Umgang mit Medien erlernen?

Ja. Aber es ist wie bei jedem Thema: Einige sprechen stärker darauf an, andere weniger.

Markus Michel, Medienpädagoge Pädagogische Hochschule Bern. Bild: zvg
Markus Michel, Medienpädagoge Pädagogische Hochschule Bern. Bild: zvg

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