Ein Königreich für Ruedi Löffel

Im Rathaus schwitzte man stehend den Wahlergebnissen entgegen. Auf Twitter gings viel relaxter: Politik, komprimiert auf 140 Zeichen – eine Wohltat. Und eine frankofone Offenbarung.

Ruedi Löffel (EVP) und Claude Longchamp gehören zu den eifrigsten Tweeter in der Berner Politszene.

Ruedi Löffel (EVP) und Claude Longchamp gehören zu den eifrigsten Tweeter in der Berner Politszene.

(Bild: zvg)

Jürg Steiner@Guegi

Politikwissenschaftler Claude Longchamp, gestern am Berner Wahltag verantwortlich für die Hochrechnungen, entdeckt sich nebenbei als Sportreporter neu: «Sei BE-Jurassier, ziehe die Wurzel aus den Stimmen im BE-Jura mal denen im Kt. BE und liege vorne. So bist du Jura-Vertreter im BE-RR», twittert er schon am Vormittag. Er nimmt damit quasi den Regierungsratswettkampf von Philippe Perrenoud (SP) vorweg.

«In der Stadt Bern liegt Ph Perrenoud 11'000 Stimmen vor M.Bühler und überholt ihn im Kampf um den Jura-Sitz um Haaresbreite», rapportiert Longchamp im Stil von Matthias Hüppi den Fotofinish zuhanden seiner Followers. Um kurz danach nachzuschieben: «Gäng wi gäng im Kanton Bärn.»

Cohabitation der Hashtags

Mit diesen drei Tweets ist zu den Berner Regierungswahlen alles gesagt: viel gerechnet, nichts passiert. So ist es eine Wohltat, Politik zu konsumieren: Kein Wort zu viel. Null Geschwätzigkeit. Alles ruhig.

Alles ruhig?

Von wegen. Auf Twitter findet sogar so etwas wie ein Wahlkampf statt – um den richtigen Hashtag, das Erkennungszeichen, mit dem man Tweets zu einem bestimmten Thema versieht. Tatsächlich schafften es die Twitterer zu den Berner Wahlen nicht, sich auf einen Hashtag zu einigen – also gibt es zwei, zwischen denen man ständig hin und her switchen muss: #BE14 und #BEvote14. «Etwas vom Ärgerlichsten bei den diesjährigen Berner Wahlen ist die Cohabitation von zwei Hashtags», kommentiert der NZZ-Journalist Daniel Gerny treffend. Das ist der gepfeffertste Tweet des Wahltags.

Was ist mit Ruedi Löffel los?

Nicht, dass es einen wirklich durchschüttelt, wenn man auf Twitter die Berner Wahlen verfolgt. Gelegentlich droht man sogar einzuschlafen. Unter anderem, weil ein paar alte Bekannte plötzlich schweigen. Ruedi Löffel etwa, Grossrat der EVP. Normalerweise kniet er sich voll rein auf Twitter, kommentiert und retweetet, was das Zeug hält. Eher etwas viel für Normalverbraucher. Aber jetzt, da es realpolitisch abgeht: no comment.

Er steht zwar da, am Eingang zum Rathaus, leibhaftig, am Hemdkragen das EVP-Emblem. Aber auf Twitter? «Spiez #BE14: #EVP 11,8% (plus 2,5%). Bravo!», ist während Stunden sein einziges Lebenszeichen – hat der leidenschaftliche Twitterer am Ende kein Smartphone? Man gäbe, ob der gespenstischen Ruhe, ein Königreich für Ruedi Löffel. Um 20.15 Uhr endlich Entwarnung: «Liebe Leute von @TeleBaernTV warum zeigt ihr die 12 Sitze der #EVP (+2) nicht????.» Löffel lebt.

Bühler zum Coiffeur?

Ein Glück für das Leben auf Twitter, ist der Kanton Bern zweisprachig. Die Romands bringen mit dem Fortgang des Abends doch noch Stimmung in die Bude. Den inoffiziellen Spezialpreis für den poetischsten Tweet der Berner Wahlen geht an Julien Grindat: «Philippe Perrenoud coiffe Manfred Bühler au poteau grâce à son résultat dans le Jura bernois», textete er. Klar: In diesem Zusammenhang heisst coiffer nicht frisieren, sondern coiffer au poteau – um Haaresbreite schlagen. Aber zurück von dieser wunderbaren Wendung bleibt die von frankofoner Fantasie beflügelte Vorstellung, wie Perrenoud dem praktisch kahl geschorenen Manfred Bühler über die Glatze streicht. Zum Trost.

Sämtliche Tweets zu den Wahlen im Kanton Bern lassen sich auf Twitter unter den Hashtags #BE14 und #BEvote14 nachverfolgen.

Berner Zeitung

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