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Der Wald erobert die Berge zurück

Je steiler die Hänge, umso schwieriger die landwirtschaftliche Nutzung. Und umso grösser die Verlockung, sie aufzugeben – so begründet der Fachmann, wieso der Wald in den zentralen und den südlichen Alpen stärker im Vormarsch ist als im Bernbiet.

Ein Kirchturm, wieder aufgebaute Häuser und Ruinen: La Prèsa liegt heute mitten im Wald.
Ein Kirchturm, wieder aufgebaute Häuser und Ruinen: La Prèsa liegt heute mitten im Wald.
APAV/PD

Nach einem zehnminütigen Aufstieg vom Talgrund der rauschenden Bavona ist die Überraschung perfekt. Mitten im lichten Wald taucht plötzlich ein Kirchturm auf. Er steht nicht allein.

Der Rest der dazugehörigen Kapelle, zwei wieder aufgebaute Häuser sowie ein paar Ruinen machen deutlich: Hier, wo sich die Bäume längst ihr Territorium zurückerobert haben, stand früher ein kleines Dorf. Willkommen in La Prèsa, willkommen zuhinterst im Val Bavona im Kanton Tessin.

Das Schicksal des Weilers ist typisch für die Entwicklung der wilden Landschaft im Einzugs­gebiet der Maggia. Es zeigt so beispielhaft wie kaum sonst wo in der Schweiz, was passiert, wenn sich der Mensch aus einem ­Gebiet zurückzieht, das er einst der Natur abgerungen hat.

Waldfläche in der Schweiz
Waldfläche in der Schweiz

In La Prèsa setzte diese Entwicklung bereits um 1700 ein, als die Bewohner den von Überschwemmungen und Murgängen bedrohten Ort verliessen. Fortan diente er den Bauern nur noch als Halt auf dem Weg hinauf zu den Sömmerungsalpen. Vor sechzig Jahren war auch damit Schluss. Die Gegend vergandete definitiv.

Stetig gewachsen

«Der Wald geht da vorwärts, wo die Kuh rückwärtsgeht.» Mit diesem einfachen Satz fasst Olivier Schneider im Bundesamt für Umwelt die Entwicklung zusammen, wie sie nicht nur im Val Bavona und im Tessin insgesamt zu beobachten ist. In der Schweiz ist der Wald seit Jahren auf dem Vormarsch.

Der Blick zurück zeigt: Allein von 1985 bis 2013 nahm die bewaldete Fläche Jahr für Jahr um gut 4000 Hektaren oder insgesamt um knapp 115'000 Hektaren zu. Heute sind rund 1,3 Millionen Hektaren oder knapp ein Drittel des Landes mit Bäumen bedeckt.

«Der Wald geht da vorwärts, wo die Kuh rück­wärts geht.»

Olivier Schneider

Das hat sehr viel mit den Bergen zu tun, wie Olivier Schneider mit einem Blick in die Statistik sagt. In der Tat blieb während der knapp dreissig Jahre im dicht bevölkerten Mittelland – und auch im Jura – das Wachstum aus. In den Ballungsgebieten nahm der Druck auf den Wald gar «stetig zu», wie das Bundesamt auf seiner Website festhält. Dank des ­gesetzlich verankerten Rodungsverbots «konnte die Fläche aber konstant gehalten werden».

Anders in den Alpen, wo der Zuwachs in der Zentralschweiz mit 28 Prozent und in Graubünden mit 23 Prozent am grössten war. Mit 18 Prozent folgt das Tessin erst an dritter Stelle, doch Olivier Schneider warnt davor, sich täuschen zu lassen: Auf der Alpensüdseite habe das starke Vordringen des Waldes früher eingesetzt und sich nun ganz offensichtlich schon etwas verlangsamt. «Den Höhepunkt erreichte das Wachstum hier schon vor den 1980er-Jahren.»

Interessant ist, dass die Entwicklung im Kanton Bern weit langsamer verläuft. Am akzentuiertesten ist sie in Teilen des Simmentals und des Saanenlands spürbar, schon etwas schwächer in den zentralen Teilen des Oberlands und noch etwas schwächer am Thunersee, im Voralpengebiet rund um den Gantrisch sowie im Emmental. Auf der Suche nach den Gründen schlägt Olivier Schneider den Bogen zurück zur Landwirtschaft: Im Bernbiet seien die bäuerlichen Strukturen traditionell sehr stark.

Vielfältiger Schutz

Allerdings geben nicht sie allein den Ausschlag. Entscheidend ist vielmehr die Topografie. Olivier Schneider redet jetzt davon, dass ein Gebiet mit steilen Hängen und engen ­Tälern viel schwieriger zu nutzen ist als ein sanftes Hügelland.

Auf diesen sogenannten Grenzertragsflächen, wie sie gerade in der Zentralschweiz, in Graubünden und im Tessin anzutreffen seien, lasse sich der Aufwand ohnehin kaum richtig entschädigen. Umso eher würden sie aufgegeben, sobald sich die Arbeit noch weiter verteuere.

Heute wächst der Wald langsamer. Olivier Schneider führt dies auch auf die heutige Agrarpolitik zurück. Wer seine Bergwiesen pflege und damit der Vergandung Einhalt gebiete, werde nun für diese Arbeit entschädigt. Für eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt sei dies genauso wichtig wie für den Tourismus, der den Gästen eine schöne, offene Kulturlandschaft bieten wolle.

Trotzdem will Olivier Schneider nicht vergessen, dass bewaldete Flächen vielfältigen Schutz bieten. Das Gesetz sei nicht ohne Grund so streng. Jahrhundertelang habe der Mensch den Wald zurückgedrängt, um bebaubares Land sowie Brennstoffe gewinnen zu können. Verheerende Überschwemmungen seien um 1850 herum die Folge gewesen und hätten zum Verbot von weiteren Rodungen geführt, wie es noch heute gelte.

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