Der smarte Hardliner

Der frei­sinnige Philippe Müller gilt in links-grünen Kreisen als ­Hardliner. Der 54-jährige Manager sei durchaus kompromissbereit, heisst es aus der Mitte. Müller möchte Teamgeist in die Regierung bringen.

Fürs perfekte Bild riskierte Philippe Müller (FDP) sogar Muskelkater.

Fürs perfekte Bild riskierte Philippe Müller (FDP) sogar Muskelkater. Bild: Raphael Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Andere joggen durch den Wald, er joggt dort, wo er Publikum hat: Philippe Müller trabt bei dieser Zufallsbegegnung in Bern vom Kornhausplatz in die Rathausgasse und weiter Richtung Altstadt. Leichtfüssig und in einer FDP-blauen Laufjacke top gestylt. Ob beim Sport oder am Offiziersball im Bellevue Palace: Dieser Mann legt offensichtlich Wert auf sein Äusseres und weiss, was ihm gut steht. Auf diese Beobachtung angesprochen lacht der 54-Jährige laut heraus. «Da war ich am Anfang meiner Joggingrunde. Ich renne doch nicht die ganze Zeit durch die Stadt!» Was ist also dran an der Behauptung, er sei «Mr. PR in eigener Sache»? Müller räumt ein, er stehe «sicher nicht völlig ungern» im Rampenlicht. «Aber ich suche es nicht.»

Konsequent oder verbissen?

Privat sympathisch und smart, politisch knallhart – etwa so lässt sich zusammenfassen, was politische Weggefährten über Müller sagen. Seinen Ruf als Hardliner hat er in links-grünen Kreisen in seiner Zeit als Berner Stadtrat von 2001 bis 2010 zementiert. Müller kämpfte gegen Sozialhilfemissbrauch und mit der Initiative «Für eine sichere Stadt Bern» erfolgreich für mehr Polizeipräsenz.

«Er hat sich damals regelrecht in diese Themen verbissen», sagt Natalie Imboden, Co-Präsidentin der Grünen Kanton Bern und ehemalige Stadtratskollegin von Müller. Müller selber findet: «Ich politisiere bloss konsequent. Wenn jemand konsequent ist, ist er noch lange kein Hard­liner.» Immerhin habe sein Einsatz dazu geführt, dass die damalige Sozialdirektorin Edith Olibet (SP) Fehler eingeräumt und die Kontrollen im Sozialhilfebereich verbessert habe. Olibet mag sich zur damals äusserst emotional geführten Debatte nicht mehr äussern.

Seit 2010 sitzt Müller im Kantonsparlament, wo er sich ebenfalls häufig mit Sicherheits­themen profiliert hat. Auch im ­Grossen Rat fahre Müller «einen extrem harten Kurs, immer wieder politisiert er weit rechts seiner Partei», sagt Imboden. Eine Behauptung, die durch Müllers Smartvote-Profil gestützt wird. Für die Grüne ist Müller bei «gewichtigen» Themen wie Bildung oder Gesundheitspolitik «eine Blackbox – mir ist nicht klar, wo er dort steht».

Klar und umgänglich

Müllers Haltung sei «weit weniger rechts», als viele denken würden, findet hingegen der Grünliberale Christoph Grimm. Der Burgdorfer Gemeinderat sitzt mit Müller in der Sicherheitskommission des Grossen Rates und erlebt ihn ausserhalb des Rampenlichts. «Ich empfinde ihn absolut nicht als Hardliner.» In Migrationsfragen habe Müller in der Kommission auch schon linke Anträge unterstützt. «Er hat aber eine klare Haltung: Man kann im Asylbereich nicht nur fördern, man darf auch fordern.» Müllers Kandidatur für die Kantonsregierung bezeichnet Grimm als «logischen Schritt». Müller bringe die Fähigkeiten für ein Exekutivamt mit.

«Seit seine Kandidatur bekannt ist, hält er sich auffallend zurück», hat dafür Natalie Imboden beobachtet. «Er überlegt sich sehr genau, wie er ankommt.» Bei aller Kritik betont sie, dass Müller als Person umgänglich sei und man gut mit ihm reden könne.

Profi in der Wirtschaftswelt

In Philippe Müllers Büro bei der CSL Behring im Wankdorf hängen bunte Kinderzeichnungen an der Wand. «Von meiner Tochter. Sie ist allerdings inzwischen ein Teenager», sagt er und zeigt ein Foto der 15-Jährigen, das er als Hintergrundbild auf seinem Smartphone hat. Seit 2004 ist der Ingenieuragronom und Fürsprecher Mitglied der Geschäftsleitung der CSL Behring AG. Sie ist mit rund 1500 Mitarbeitenden die grösste private Arbeitgeberin in der Bundesstadt und produziert Medikamente aus menschlichem Plasma.

Dank seiner beruflichen Tätigkeit kenne er die Bedürfnisse der Wirtschaft, sagt Müller. «Ich bin keiner dieser Berufspolitiker, die nie in der realen Welt gearbeitet haben.» Er würde sich in der Regierung sicher dafür starkmachen, dass im Kanton Bern die Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessert werden, sagt Müller. Er lebt mit seiner Familie im Kirchenfeldquartier, muss aber aus beruflichen Gründen oft um die Welt fliegen. Im Gespräch betont er seine ländliche Herkunft. Aufgewachsen ist er in Stettlen, «als es noch bäuerlich geprägt» war.

Als Regierungsrat würde er sich verstärkt der Stadt-Land-Thematik annehmen, verspricht Müller. «Ich kann verstehen, dass die Stadt Bern auf dem Land manchmal als arrogant wahrgenommen wird.» Weshalb? «Die Linke in Bern ist eine der extremsten in der Schweiz, fast alles kommt doktrinär daher.» Die Folge dieser Politik sei, dass städtische Anliegen oder Projekte von der Landbevölkerung aus Trotz boykottiert würden. «Sagen wir, jemand regt sich über die lasche Haltung gegenüber der Reitschule auf, hat aber dazu nichts zu sagen. Dann lehnt er halt vielleicht das Tram nach Ostermundigen ab.» Das sei zwar unlogisch, aber nachvollziehbar. In jedem Fall sei es aber schlecht für die Entwicklung des ganzen Kantons Bern.

Müllers Chancen, gewählt zu werden, stehen gut. Auch wenn er selber abwiegelt: «So ein Amt muss erst errungen werden.» Müller gilt als Alphatier. Wie würde sich das mit einem Exekutivamt vertragen? Gut, glaubt er. «Die Regierung muss als Team funktionieren.» Er könne ein Teamplayer sein.

Der Selbstvermarkter

Mal elegant, mal hemdsärmlig, mal sportiv – so präsentiert sich Müller auf seiner Homepage. Doch, Werbung in eigener Sache beherrscht er. So führt er unter seinen politischen Erfolgen auch auf, dass in der Stadt Bern ein neues Hallenbad gebaut wird. Diesen Grundsatzentscheid hatte die Stadtregierung allerdings bereits getroffen, als die Freisinnigen unter seiner Ägide ihre Initiative für ein 50-Meter-Becken lancierten. Müller findet, die Initiative habe dennoch den Druck erhöht. «Müller tut was», dieser frühere Wahlslogan blieb hängen. Wenn Müller etwas tut, ist er aber sicher auch immer dafür besorgt, dass andere es mitbekommen. «Klar: Tue Gutes und sprich davon», ist seine schlagfertige Antwort auf diese Beobachtung.

«Spieglein, Spieglein an der Wand,wer regiert künftig das Berner Land?» Für unsere Porträtserie mussten sich die zehn Kandidatinnen und Kandidaten der etablierten Parteien mit einem Spiegel im Regierungsratszimmer inszenieren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.03.2018, 08:03 Uhr

Vor dem Spiegel

Jedes Klicken der Kamera ist ein Treffer: Philippe Müller beherrscht die Kunst des Posierens, als täte er nichts anderes. Gekleidet ist er wie immer stil­sicher und wie oft in freisinnigem Blau. Müller hat sich für die Aufgabe mit dem Spiegel keine einfache Übungsanlage aus­gesucht: Er möchte den Rahmen vor sich halten und im Spiegel den Fotografen anschauen. Nur: Nach ein paar Minuten wird die ganze Sache ziemlich anstrengend. «Geht schon», sagt Müller und stemmt den Spiegel tapfer wie ein Fitnessgerät. Die Bilder betrachtet er anschliessend auf dem Bildschirm und findet, auf gewissen sehe man ihm die Anstrengung schon etwas an. «Von mir aus können wir gerne noch ein paar Mal probieren», sagt er zum Fotografen. Müller ist ein äusserst unkomplizierter Fotokandidat. (mm)

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...