Der kriminelle Bluffer und seine naiven Freunde

Der beschuldigte Volleyballspieler, der seine Freunde um ihr Geld brachte, habe ein betrügerisches System aufgebaut, sagt der Staatsanwalt. Seine Opfer seien naiv gewesen, sagt die Verteidigerin.

In einem Fall kümmerte sich der Beschuldigte um 500'000 Franken einer Frau, die er im Volleyball-Camp getroffen hat. Bild: iStock/Symbolbild

In einem Fall kümmerte sich der Beschuldigte um 500'000 Franken einer Frau, die er im Volleyball-Camp getroffen hat. Bild: iStock/Symbolbild

Johannes Reichen

Von seinen Freunden, sagt der Beschuldigte, habe ihm niemand geholfen. Nur dank professioneller Hilfe habe er es geschafft, von seiner Spielsucht loszukommen. Nun habe er ein neues Leben angefangen, nun arbeite er hart für sein Geld. Und nun erhofft er sich vom Gericht eine Chance - er möchte um eine Gefängnisstrafe herumkommen.

Von einigen seiner Freunde durfte er allerdings nicht wirklich Hilfe erwarten in den letzten Jahren. Schliesslich sind genau sie es, die er in den letzten Jahren ins Schlamassel zog und letztlich um ihr Geld brachte. Die meisten Opfer stammen aus dem Umfeld eines Volleyballclubs, in dem der Beschuldigte bis heute aktiv ist. Aber auch Familienmitglieder blieben nicht verschont.

Geld verprasst

Seit Montag steht der 33-jährige Mann vor dem Berner Wirtschaftsstrafgericht. Er muss sich wegen gewerbsmässigen Betrugs, Veruntreuung und Urkundenfälschung verantworten. Er ist geständig. Das Urteil wird am Freitag verkündet. Im Zeitraum zwischen 2012 und 2016 verwaltete er laut Anklage für acht verschiedene Personen deren  Vermögen oder Teile davon.

Im krassesten Fall kümmerte er sich um 500'000 Franken einer Frau, die er in einem Volleyballcamp kennengelernt hatte. Die anderen Geschädigten vertrauten ihm jeweils zwischen 10'000 und 60'000 Franken an.  Am Ende blieb fast nichts mehr davon übrig.

Zudem beantragte der Angeklagte bei einem Kreditinstitut zwei Darlehen in der Höhe von total rund 650'00 Franken. Einmal tat er dies im Namen seines Vaters, einmal im Namen eines Bekannten. Und schliesslich liess er sich auch noch die Vollmacht für das Konto seiner Grossmutter geben und zweigte so mindestens 21000 Franken ab. Insgesamt beträgt die Deliktsumme eine Dreiviertel Million Franken.

Kriminelle Energie

Gegenüber seinen Freunden habe er sich immer sympathisch und überzeugend gegeben, sagte Staatsanwalt Rolf Rüdisser am Dienstag. «Er sagte, er sei Treuhänder, bluffte mit seinem Einkommen und gab an, dass er  sich intensiv mit der Börse befasst.» Er habe den Geschädigten versprochen, das Geld zu besseren Konditionen anzulegen, als sie Banken bieten könnten. «Er hat seinen Freunden solange den Honig um den Mund geschmiert, bis sie die Verträge unterzeichneten.»

Dabei sei es ihm nie darum gegangen, das Geld gewinnbringend anzulegen. Sondern darum, seine Spielsucht zu finanzieren und die Schulden zu tilgen, die er mit Börsenspekulationen und Sportwetten angehäuft habe. «Von den Konti seiner Freunde überwies er täglich Geld auf sein eigenes Konto.» Dabei sei das Geld immer weniger, die ausstehenden Forderungen immer grösser geworden. Dabei habe er seine Freunde mit erfundenen Dokumenten getäuscht. 

Die Bekanntschaft mit der Frau, die ihm dann eine halbe Million Franken anvertraute, sei für ihn wie ein Lottosechser gewesen. Damit habe er Löcher stopfen und Gewinne ausschütten können. Aber schon nach kurzer Zeit sei dieses Geld aufgebraucht gewesen. «Um sein betrügerisches Sytem aufrecht zu erhalten, hat der Beschuldigte mit grosser krimineller Energie gehandelt», sagte Rüdisser.  Der Staatsanwalt beantragte einen Schuldspruch unter anderem wegen gewerbsmässigen Betrugs sowie eine Freiheitsstrafe von 42 Monaten. Der Beschuldigte sei geständig, habe sich im Verfahren anständig verhalten. Von Einsicht und Reue sei allerdings nicht viel zu spüren.

Naive Geschädigte

Verteidigerin Maren Amsler forderte hingegen eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten. Aus ihrer Sicht handelt es sich bei den Geldgeschäften für die Freunde lediglich um Veruntreuung und nicht um Betrug. Denn von Arglist könne man in diesen Fällen nicht reden. Stattdessen sprach sie von der so genannten Opfermitverantwortung. «Die Geschädigten holten sich nicht einmal Informationen, wie das Geld angelegt wird.» Als Freunde hätten sie sich stärker für die Tätigkeit des Beschuldigten interessieren können. «Stattdessen dachten sie, er ist mein Freund, es kommt schon gut.»

Allerdings: Bei den horrenden Zinssätzen, die der Beschuldigte versprochen habe, hätten bei ihnen «sämtliche Alarmglocken läuten müssen». Es zeuge von grosser Naivität, wenn man einer Person eine halbe Million Franken überlasse. Der Frau, die das getan hatte, müsse bewusst gewesen sein, dass an der Börse auch das Risiko eines Verlusts bestehe. Glücklicherweise, so die Verteidigerin, handle es sich bei den Geschädigten nicht um Personen, die bereits in finanziellen Problemen gesteckt hätten. 

Ihr Mandant habe sich in einem «Schneeballsystem» verstrickt, sagte Amsler. «Er war spielsüchtig.» Er habe aber immer im Sinn gehabt, seinen Freunden das Geld zurückzuzahlen, wenn möglich mit Gewinn. Das glaubt der Mann noch immer. «Ich habe das Gefühl, dass ich den Schaden zurückzahlen kann», sagte er am Dienstag. «Auch wenn es noch 20 oder 30 Jahre dauert.»

Berner Zeitung

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