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Der Kanton Bern zieht viele Pendler, aber zu wenig Steuerzahler an

Berns Bevölkerung wächst im Schnitt der Kantone unterdurchschnittlich – seit 150 Jahren und gemäss Szenarien auch in Zukunft. Ökonomisch und finanziell ist das ein Handicap.

Es wird eng im Berner Bahnhof, wenn die Pendlerströme aus einem immer grösseren Einzugsgebiet eintreffen.
Es wird eng im Berner Bahnhof, wenn die Pendlerströme aus einem immer grösseren Einzugsgebiet eintreffen.
Tanja Buchser

Es kann einem vorkommen, als ob der Kanton Bern nach seiner richtigen Kleidergrösse suche. Seine Bevölkerung wächst stetig, im Oberaargau aber stand Ende 2017 jede zehnte Wohnung leer. «Wir orientieren uns nicht allein am Bevölkerungswachstum, wir müssen ein Gefühl für das Potenzial einer einzelnen Mikroregion haben», sagt Christoph Gerber, Abteilungsleiter der Dr. Meyer Immobilien AG in Bern.

Im Raum Langenthal müsse man sich bei der Wohnungsvermietung richtig anstrengen. In Münsingen im ­Aaretal aber, wo die Immobilien-Firma ebenfalls tätig ist, laufen die Neuvermietungen laut Gerber hervorragend.

Ebbe und Flut

Die Zahl der Bernerinnen und Berner hat nach 2000 die Millionengrenze überschritten. Aber je nach Region fällt dieses Wachstum ganz unterschiedlich aus. Im Oberaargau und erst recht in den Landgemeinden des Oberlands stagnieren die Einwohnerzahlen. Die grossen Zentren und die Achse Thun–Bern–Biel aber erleben einen regelrechten Ansturm.

Vor fünf Jahren fehlte es deshalb in der Stadt Bern auf einmal an Schulraum. Notfällmässig wurden Mobilbauten erstellt, elf sind heute im Stadtgebiet im Einsatz. «Nachdem die Schülerzahlen bis 2010 immer rückläufig gewesen waren, erfolgte plötzlich ein Turnaround», erklärt Irene Hänsenberger, Leiterin des Stadtberner Schulamts. Seither lässt ihr Amt den Andrang alljährlich auf fünfzehn Jahre hinaus pro­gnostizieren. Man kombiniert die Schülerzahl der letzten fünfzehn Jahre mit Prognosen über die Zuzüger und die Wohnbautätigkeit.

«Nachdem die Schülerzahlen bis 2010 immer rückläufig gewesen waren, erfolgte plötzlich ein Turnaround.»

Irene Hänsenberger

9995 Schülerinnen und Schüler oder 508 Schulklassen gibt es derzeit in der Stadt Bern. Im Schuljahr 2032/2033 dürften es 12 866 Schulkinder oder 660 Klassen sein. Die Entwicklung kenne nur eine Richtung – ohne Unterbruch nach oben, sagt Hänsenberger. In Berns Westen hat man deshalb nach Jahrzehnten erstmals wieder ein neues Schulhaus gebaut.

Berner Wachstumsschwäche

Planer verbreiten wachstumsfreudige Prognosen. Von heute 142 000 will die Stadt Bern gemäss ihrem Stadtentwicklungskonzept bis 2030 auf 157 000 Einwohner zulegen. Dem eben begonnenen Ausbau des Bahnhofs Bern liegt die Erwartung zugrunde, dass der tägliche Pendlerstrom dort von heute 260 000 bis 2030 auf 375 000 Personen anschwillt. Um satte 39 Prozent.

Solche Erwartungen täuschen aber darüber hinweg, dass das Berner Bevölkerungswachstum im Vergleich der Kantone deutlich unterdurchschnittlich ist. Die Zuwachsrate ist gar seit 1850 schwach ausgeprägt. Bern hat heute zudem einen der höchsten Anteile älterer Menschen über 65 und einen der tiefsten von Jungen unter 20 Jahren. Weil die ­Demografie ein ökonomischer Schlüsselfaktor ist, hat der Kanton deshalb im nationalen Standortwettbewerb ein Handicap.

Diese Entwicklung setzt sich gemäss einem Szenario des Bundesamts für Statistik auch in der Zukunft fort. Von 2015 bis 2045 dürfte der Kanton Bern um 15 Prozent, die Schweizer Bevölkerung aber um 21 Prozent zunehmen.

Bis 2045 wächst die Schweiz vor allem in der Grossregion Zürich und im Genferseebecken. Der nationale Anteil der Bernerinnen und Berner aber geht sogar zurück – von heute 12,2 bis 2045 auf 11,7 Prozent. Der Kanton Bern ist der auffälligste Verliererkanton.

Anspruch und Realität

In ihrer Wirtschaftsstrategie 2025 räumt die kantonale Volkswirtschaftsdirektion ein, dass das langsame Bevölkerungswachstum «eine der folgenreichsten Schwächen des Kantons» sei. Es habe Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, das Bildungssystem oder die Sozialversicherungen.

In der Strategie wird deshalb «eine Bevölkerungsentwicklung im Schweizer Durchschnitt» gefordert. Im gleichen Paper plädiert die Volkswirtschaftsdirektion aber für ein nachhaltiges, umweltschonendes, sanftes Wachstum. Wie viel Wachstum wollen die Behörden nun genau?

«Es ist eine Gratwanderung, mit der Raumplanung will man ja auch Gegensteuer zum abgeschwächten Berner Wachstum geben.»

Daniel Wachter

Auch der Richtplan für die räumliche Entwicklung des Kantons orientiert sich am nationalen Schnitt des Bevölkerungswachstums. Diesen Wert erreichen aber höchstens die grossen Berner Zentren und Hauptachsen. Dort sieht der Richtplan denn auch ein stärkeres Wachstum der Bauzonen vor. «Es ist eine Gratwanderung, mit der Raumplanung will man ja auch Gegensteuer zum abgeschwächten Berner Wachstum geben», sagt Daniel Wachter, Vorsteher des kantonalen Amtes für Gemeinden und Raumordnung.

Exportiertes Wachstum

Muss es denn immer Wachstum sein, fragen umweltfreundliche Kreise und loben die unver­bauten Berner Landschaften und intakten Dorfbilder. Ist es wirklich ein Problem, dass die Berner Bevölkerung nur langsam zunimmt? «Ja», sagt Michael Hermann, in Huttwil aufgewachsener Politgeograf in Zürich, «das schwache Wachstum ist ein Nachteil im Standortwettbewerb.» Er erkennt im Grossraum der Bundeshauptstadt ein Berner Wachstumsdilemma: Die Zahl der Arbeitsplätze und der Pendler lege stetig zu, stehe aber in einem Missverhältnis zur Zahl der Steuerzahler.

«Bern exportiert sein Wachstum in die Nachbar­kantone. Es ist eine grüne Illusion, dass man so das Wachstum stoppen kann.»

Michael Hermann

«Viele Leute pendeln aus steuergünstigen Nachbarkantonen wie Freiburg, Aargau, Solothurn oder Wallis zur Arbeit in die Bundesstadt. Sie zahlen im Kanton Bern keine Steuern und gestalten hier das Alltagsleben nicht mit», sagt Hermann. Dieser Trend dürfte sich noch ver­schärfen, wenn der umgebaute Berner Bahnhof ab 2025 grössere Pendlermassen bewältigen kann.

Hermann hat 2013 eruiert, dass die Agglomeration Bern in den vorangehenden dreissig Jahren das drittschwächste Bevölkerungswachstum aller 56 Agglomerationen im Land aufwies. «Bern exportiert sein Wachstum in die Nachbarkantone», folgert Hermann. Das sei aber nicht besonders ökologisch. In kaum einer Agglomeration sind die Arbeitswege so lang und die Verkehrskosten damit so hoch.

Finanzieller Engpass in Köniz

Das Berner Wachstumsdilemma lässt sich besonders gut im Berner Vorort Köniz studieren. Die viertgrösste Gemeinde des Kantons ist zwar innerhalb der letzten zehn Jahre um 4000 Einwohner gewachsen, befindet sich aber dennoch in finanzieller Schieflage. Köniz ist mit seinen Bundes­ämtern und Kommunikationsunternehmen ein Arbeitsplatzchampion.

Die Steuereinnahmen nahmen aber zu wenig zu, um die Erschliessungs- und Infrastrukturkosten für die Neubauquar­tiere decken zu können. Die Gemeinde legt ihren Bürgern nun eine Steuererhöhung vor. Im ganzen Kanton ist der Steuerertrag ungenügend, pro Kopf berechnet beträgt er nur rund 80 Prozent des nationalen Durchschnitts.

Die Berner Behörden und Politiker sprechen sich – wenn auch zögerlich – für Wachstum aus. Aber will das auch das Bernervolk? Michael Hermann erkennt im Kanton eine besonders breite wachstumsskeptische Allianz von den Grünen bis zu den ­Bauern. Sie hat in den letzten Jahren Wohnbauprojekte oft gerade dort blockiert, wo eine Verdichtung Sinn machen würde: in der Agglomeration. Es sei «eine grüne Illusion», dass man so das Wachstum stoppen könne, man dränge es bloss in die Nachbarkantone ab, sagt Hermann.

Berner gegen Zuwanderung

Amtsvorsteher Daniel Wachter erinnert daran, dass das Bernervolk 2014 die SVP-Initiative gegen Masseneinwanderung (MEI) mit 51,1 Prozent Ja-Stimmen angenommen habe. Migration ist ein Motor des Bevölkerungswachstums, im MEI-Votum der Bernerinnen und Berner drückten sich also auch Vorbehalte gegen mehr Einwohner aus. Die demografischen Boom­kantone Zürich, Freiburg und Waadt aber haben 2014 zuwachsfreundlich gestimmt und die MEI-Initiative abgelehnt.

Allen politischen Lagern im Kanton ist klar: Bern muss zu mehr Steuereinnahmen kommen. Es besteht aber kein Konsens, wie das geschehen soll. Mit einer Steuererhöhung, wie sie Köniz nun vorlegt? Die Steuer­belastung ist schon hoch genug, der Kanton muss also auch neue, potente Steuerzahler anziehen. Gerade sie könnten aber trotz schöner Landschaft, guten Jobs und verfügbaren Wohnungen durch die hohen Berner Steuern und ihr starke Progression bei hohen Einkommen abgeschreckt werden. Es ist vertrackt.

Wachstumsdebatte nötig

Will der Kanton seine mittelprächtige wirtschaftliche und finanzielle Lage verbessern, muss die Kantonspolitik über das Berner Wachstumsdilemma reden. Die Behörden anerkennen zwar, dass der Kanton ein Wachstumsproblem hat, sie möchten aber gern sanft wachsen, ohne dass man es richtig spürt.

Eine Mehrheit der Bevölkerung anerkennt nicht einmal das Problem. Sie möchte zwar Wohlstand haben, aber bitte ohne Wachstum mit seinen Nebenwirkungen. Die Summe dieser beiden abwehrenden Haltungen ist eine Politik der Unentschlossenheit. Der Kanton Bern sollte sie überdenken.

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