«Das Wissen über die Kesb ist teilweise oberflächlich»

Michal Hasler ist Präsidentin der Kesb Mittelland-Nord. Sie gibt einen Einblick in die Vorgehensweise ihrer Behörde – und plädiert für mehr Verständnis.

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Frau Hasler, die Platzierung in einem Heim ist eine einschneidende Erfahrung für ein Kind.
Michal Hasler: Das ist zweifellos so. Nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern. Jede Unterbringung ist deshalb eine Ultima Ratio, wird also nur dann angeordnet, wenn keine anderen Massnahmen erfolgsversprechend sind.

Wie kann es so weit kommen?
Einer Unterbringung gehen längerfristige Abklärungen voraus. Dabei werden verschiedene Optionen geprüft. Oft werden vorgängig mildere Massnahmen angeordnet. Dazu gehören beispielsweise Familienbegleitungen oder die Weisung, dass ein Kind die Tagesschule besucht.

Auch eine Unterbringung bei Familienangehörigen?
Ja, es wird immer geprüft, wo eine Unterbringung erfolgen soll: bei Familienangehörigen, in einer Pflegefamilie oder in einer offenen Institution. Erst wenn wirklich keine andere Möglichkeit besteht, folgt die Platzierung in einer geschlossenen Insti­tution.

Inwiefern sind betroffene Kinder in diesen Prozess involviert?
Mit jedem Kind werden vor der Anordnung einer Massnahme Gespräche geführt, sofern es urteilsfähig ist. In der Regel gehen wir ab dem Alter von etwa sechs Jahren davon aus. Das kann aber je nach Fragestellung vari­ieren. Je einschneidender die Massnahme für das Kind ist, umso mehr wird Wert gelegt auf eine Anhörung.

Die Kinder erhalten also Raum , ihrem Willen Ausdruck zu ver­leihen.
Ja, der Wille wird bei der Festlegung des Kindeswohls durch die Behörden und die Gerichte berücksichtigt. Allerdings wird er je nach Ausgangslage unterschiedlich gewichtet.

Weshalb ist dieser Wille für die Behörden nicht bindend?
Wesentlich ist, ob der Wille auch den Grundbedürfnissen des Kindes entspricht?...

...und es nicht beeinflusst ist.
Genau, oder vielmehr nicht pro­blematisch beeinflusst ist, denn Erziehung besteht ja immer aus Einflussnahme.

Wann schrillen bei Ihnen die Alarmglocken: Ein Kind könnte etwas sagen, was es gar nicht so meint?
Etwa wenn es unterschiedliche Äusserungen macht, je nachdem, wo und mit wem es spricht. Die Verwendung von nicht altersentsprechenden Begriffen oder Redewendungen ist ebenfalls ein Indiz, oder wenn der Eindruck von Auswendiggelerntem entsteht. Zu berücksichtigen sind ausserdem Loyalitätskonflikte des Kindes. Für die Klärung dieser Frage können die Kesb einen Experten beiziehen. Beispielsweise einen Kinderpsychologen.

Sie sprechen die Grundbedürfnisse eines Kindes an. Was heisst das für Sie? Es sind die Rahmenbedingungen, in denen ein Kind eingebettet ist. Dazu gehört etwa das Bedürfnis nach Geborgenheit sowie körperlicher Unversehrtheit. Wichtig ist ausserdem, dass ein Kind erzieherische Grenzen aufgezeigt bekommt und altersgerecht gefördert wird.

Kürzlich wurde die Initiative «Kesb – Mehr Schutz der Familie» eingereicht. Die Behörde steht immer wieder in der Kritik.
Wir erleben regelmässig, dass das Wissen der Allgemeinheit über die Arbeit der Kesb nur oberflächlich, zum Teil sogar unzutreffend ist. Aus diesem Grund ist es wirklich wichtig, unsere konkreten Vorgehensweisen bekannter zu machen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.06.2016, 06:06 Uhr

Michal Hasler, Präsidentin der Kesb Mittelland-Nord. (Bild: zvg)

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