Freikirchen haben im Kanton Bern besonders viel Zulauf

Wohl in keinem anderen Kanton gibt es so viele Freikirchen wie in Bern. Oft arbeiten deren Mitglieder ehrenamtlich. Dafür sollen sie Geld vom Kanton verlangen können: Das findet sogar die reformierte Landeskirche.

Unterstützung für Bedürftige bieten nebst den Landeskirchen auch Freikirchen an: Wie hier das Passantenheim der Heilsarmee in Bern für Obdachlose.

Unterstützung für Bedürftige bieten nebst den Landeskirchen auch Freikirchen an: Wie hier das Passantenheim der Heilsarmee in Bern für Obdachlose. Bild: Keystone

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Vineyard, Täufer oder Evangelisches Gemeinschaftswerk: So heissen drei von den vielen Freikirchen, die es in der Schweiz gibt. Im Kanton Bern haben die Freikirchen besonders grossen Zulauf. Laut dem Bundesamt für Statistik sind in Bern rund 53'000 Menschen Mitglied einer Freikirche.

Das sind über fünf Prozent der Bevölkerung. Bern dürfte denn auch der Kanton mit den meisten freikirchlichen Gruppierungen sein: Zu diesem Schluss kommt die Studie über das Verhältnis von Kirche und Staat, welche der Kanton Bern letztes Jahr hat machen lassen.

Aktiv in den Randregionen

Stefan Rademacher, Autor des Handbuchs «Religiöse Gemeinschaften im Kanton Bern» hat festgestellt, dass sich Freikirchen besonders im Berner Oberland und im Emmental konzentrieren. Er geht davon aus, dass es rund 200 solche religiösen Vereinigungen im Kanton gibt. Wie viele es genau gibt, weiss allerdings niemand. Weil Freikirchen nicht anerkannt sind, müssen sie sich auch nirgends registrieren lassen. Dazu kommt: Es gibt immer mehr kleine Freikirchen, von denen die Öffentlichkeit kaum etwas weiss.

Der EVP-Grossrat und derzeitige Grossratspräsident Marc Jost stellt einen neuen Trend zu sogenannten Hausgemeinden fest: «Das sind kleine Gruppen von Christen, die sich an Hausversammlungen treffen.» Beruflich ist Marc Jost Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz und organisiert rund 640 lokale landes- und freikirchliche Gemeinden in der Schweiz.

Freiwilligkeit und Spenden

Freikirchen unterscheiden sich vor allem in zwei Punkten von den Landeskirchen: bei der Mitgliedschaft und bei den Finanzen. Einer Freikirche treten die Mitglieder freiwillig bei und sind nicht wie in den Landeskirchen bereits ab Geburt automatisch Mitglied. Und Freikirchen erhalten kein Geld vom Staat. «Alle Freikirchen im Kanton Bern, die mir bekannt sind, werden durch Spenden der Mitglieder finanziert», sagt Marc Jost.

Das könnte sich ändern: Zwar hat der Grosse Rat des Kantons Bern letzte Woche die Anerkennung und Unterstützung weiterer Religionen und Freikirchen abgelehnt. Doch endgültig vom Tisch ist das Thema nicht. «Aufgeschoben ist nicht aufgehoben», versicherte Kirchendirektor Christoph Neuhaus dem Rat. Der Kanton werde sich diesen Fragen widmen, wenn die Revision des Kirchengesetzes unter Dach sei.

Geld gegen Leistung

Auch die reformierte Landeskirche sieht in den Freikirchen keine Konkurrenz. Sollte der Kanton jedoch dereinst beschliessen, Freikirchen finanziell zu unterstützen, müsste er Kriterien und Bedingungen festlegen, die jenen der anerkannten Landeskirchen entsprächen, sagt Adrian Hauser, Sprecher der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Konkret hiesse das: Die Freikirchen müssten gemeinnützige Leistungen erbringen, einen hohen Standard in der Ausbildung haben, transparent arbeiten, ihre Mitglieder nicht vereinnahmen und Respekt vor Andersgläubigen haben.

Fast alle Freikirchen im Kanton Bern würden diese Bedingungen erfüllen, ist Marc Jost überzeugt. Es gebe nur ganz wenige religiöse Gemeinschaften, die sich von der Gesellschaft abspalten und keinen Dienst an der Gesellschaft erbringen. Anders die Mehrheit der Freikirchen im Kanton Bern: Sie leisten oft Kinder- und Jugendarbeit, bieten Lebens-, Ehe- und Familienberatung an, Sprachkurse für Ausländer, Besuchsdienste für alte Menschen, machen Krankenbesuche, begleiten Beerdigungen und Trauungen oder engagieren sich anderweitig im Quartier, im Dorf oder in der Stadt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.09.2015, 06:15 Uhr

Übersicht über die Freikirchen

Von den Täufern bis zu der Generation postmodern Church

Im Kanton Bern herrscht eine bunte Vielfalt an Freikirchen: Es gibt alte, traditionelle Gemeinschaften wie die Täufer, aber auch ganz junge Gruppen wie die Generation postmodern Church.

Eine der ältesten Freikirchenim Kanton Bern sind die Evangelischen Täufergemeinden. Die Täufer engagieren sich vor allem für Jugendliche, Familien und ältere Menschen. In der Langnauer Täufergemeinde Giebel treffen sich regelmässig rund 60 Mitglieder zum Gottesdienst.

Einzig in Bern
Eine etwas spezielle Freikirche sind die Siebenten-Tags-Adventisten. Sie ist vor 150 Jahren in den Vereinigten Staaten entstanden. Die Adventisten feiern ihren Gottesdienst konsequent am Samstag. In Bern haben die Adventisten nach eigenen Angaben ungefähr 230 Mitglieder.
Eine traditionelle und auch in der reformierten Landeskirche anerkannte Freikirche ist das Evangelische Gemeinschaftswerk. Sie ist fast nur im Kanton Bern tätig. Das Evangelische Gemeinschaftswerk macht vor allem Gemeinde-, Kinder- und Jugendarbeit. Das Werk hat etwas über 3900 Mitglieder und gut 50 voll- und teilzeitlich angestellte Mitarbeiter.
Ebenfalls fast ausschliesslich im Kanton Bern tätig ist die freikirchliche Gemeinde Neues Land. Mitglieder sind vor allem Familien und jüngere Menschen. Die Haupttätigkeiten von Neues Land sind die Lebenshilfe und die Seelsorge.
Vor gut 30 Jahren wurde in Bern die Freikirche Vineyard gegründet. Jeden Sonntag werden an der Nägeligasse in Bern drei Gottesdienste gefeiert. Um 13 Uhr wird vor allem gemalt und getanzt, um 17 Uhr gibt es ein wechselndes Programm, um 19.30 Uhr treffen sich die Jungen.

Hilfe für Bedürftige
Auch die Heilsarmee ist eine Freikirche. Sie bietet mit ihren Heimen und Brockenhäusern Hilfe für bedürftige Personen.
Die weltweit grösste Freikirche ist die Pfingstmission. Im Kanton Bern hat sie aber nur einige wenige kleine Gemeinden.
Bewegung Plus heisst die Freikirche, die aus den ehemaligen Gemeinden für Urchristentum entstanden ist. Diese kamen vor 80 Jahren im Berner Oberland und im Emmental auf. Die Mitglieder trafen sich in sogenannten Stubenversammlungen. Heute engagieren sich die einzelnen Gemeinden in unterschiedlichen Bereichen für ihre Mitmenschen.
Aus einer Jugendgruppe, die vor 40 Jahren gegründet worden war, entstand die Landeskirchliche Gemeinschaft Jahu. Sie ist heute eine Freikirche mit rund 400 Mitgliedern, die in Biel und Thun tätig ist.

Jung und trendy
Eine sehr junge – und sehr trendbewusste – Freikirche ist die Thuner GPMC. Die Abkürzung steht für Generation postmodern Church. Sie ist als Hausgemeinde organisiert und spricht vor allem Junge an: Die Mitglieder treffen sich wöchentlich in Gruppen von 5 bis 15 Personen zum sogenannten Livegroove, wo gemeinsam gegessen, gebetet und gefeiert wird. Die Predigten am Sonntag heissen Interface.em

Kirche oder Sekte?

Verwerfliche Lehren im Christentum: Solche nannte man früher Sekten. Und auch mancher Freikirche wurde oder wird vorgeworfen, sie sei eine Sekte. Doch welche religiösen Lehren verwerflich sind und welche nicht, lässt sich kaum beantworten.
Fachstellen wie Relinfo und Infosekta teilen religiöse Gemeinschaften deshalb nicht in Sekten und Nicht-Sekten ein. Sie beurteilen nur, wie sektiererisch eine Gruppierung ist. Und sie sagen auch ganz klar: «Sektenhafte Züge findet man in jeder Gemeinschaft.»
Die Fachstellen kennen aber Merkmale, die darauf hinweisen, dass eine Gemeinschaft in hohem Grad sektenhaft organisiert ist: Die Leiter befehlen uneingeschränkt und werden nie von den Mitgliedern kritisiert. Die Gemeinschaft vereinnahmt ihre Mitglieder so stark, dass sie kaum mehr Kontakte zu ihrer Umwelt haben. Die Gemeinschaft macht zudem viele Vorschriften fürs Privatleben und verfügt über die Freizeit ihrer Mitglieder.
Die meisten Freikirchen im Kanton Bern grenzen sich klar von Sekten ab. Sie sind als Verein organisiert. Das erschwere eine guruhafte Führung, sagt der Verband Schweizer Freikirchen. Und dieser Verband betont auch, dass Freikirchen zwar ihre Auffassungen verkünden und verbreiten würden, dass sie damit aber niemanden vereinnahmen wollten, sondern bloss Entscheidungshilfen böten.
Der Verband räumt ebenfalls ein, dass Freikirchen vom Geld und der Arbeit ihrer Mitglieder abhängig seien. Doch das Mass der Mitarbeit sei dem Ermessen der Einzelnen überlassen und lasse genug Zeit für Kontakte ausserhalb der Gemeinschaft.em

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