Zum Hauptinhalt springen

«Ich habe 50 Jahre lang gesungen. Das reicht.»

MundartrockGestern spielte Polo Hofer in Oberhofen eines seiner letzten Konzerte in der Region. Er will künftig in Sachen Liveauftritte kürzertreten.

Sie haben angekündigt, jetzt sei Zeit kürzerzutreten. Warum? Polo Hofer: Wenn die anderen meine Lieder singen, kann ich mich getrost zurückziehen. Sie sprechen das Musical «Alperose» an. Ja. Die haben 30 Songs ausgesucht – und ich habe die komplette Songliste noch gar nicht gesehen. Ich bin gespannt, wie die Musicalmacher diese Lieder in eine Geschichte packen wollen. Werden Sie das Musical besuchen? Ich werde die eine oder andere Probe besuchen. Wir haben auch abgemacht, dass ich an der Premiere und an der Derniere dabei sein werde – und dazwischen an jeder hundertsten Vorstellung. Viele Musiker bezeichnen sich heute als Entertainer ich auch. Ich bin sogar noch Lifestyle-Consultant. Lifestyle-Consultant? Wie das? Weil ich immer wieder nach meiner Meinung zu allem Möglichen gefragt werde. Zum Beispiel? Wen man am 23.Oktober wählen soll. Geben Sie noch Tipps? Es kommt auf die Fragestellung an. Aber im Prinzip rede ich niemandem politisch drein. Dabei sind Sie ein politischer Mensch – mit teils politischen Songs und als Ex-Parteigründer. Klar. Politische Farbenlehre ist: grün denken, rot wählen, schwarz verdienen und blau laufen. Werden Sie solch pointierte Sätze wieder einmal in einem Buch sammeln? Ja, wir sind daran. Wenn Sie weniger oder gar keine Konzerte mehr spielen: Wird Ihnen die Arbeit nicht ausgehen? Auf keinen Fall. Erst gerade habe ich mich mit einem Regisseur unterhalten, der einen Dokumentarfilm über Carlo Lischetti drehen will. Da soll die ganze Geschichte der Härdlütli, mit denen wir damals den Sprung in den Berner Stadtrat geschafft haben, aufgerollt werden. Carlo, der Umweltkünstler, und ich hatten sehr engen Kontakt, wir lebten in einer sehr abenteuerlichen Zeit. Natürlich gibts auch eine Gage, wenn man bei solchen Filmen mitmacht. So gesehen läuft immer etwas. Was reizt Sie am Medium Film? Film ist ein Multimedium. Da sind Wort, Bild und das Erzählen von Geschichten. Man muss an viel mehr denken, als wenn man einen Tonträger macht. Die Arbeit eines Regisseurs ist ungleich vielschichtiger als die des Musikers. Und: Einen Film zu machen, kostet ungleich mehr, als eine CD aufzunehmen. Heisst das, dass Sie selber nie ein Filmprojekt anreissen würden? Richtig. Ich leide an akuter Faulenzia. Wie anspruchsvoll ist es für einen Songschreiber mit Jahrzehnten an Erfahrung, einen Songtext zu schreiben? Das ist sehr anspruchsvoll. Ich muss mich von der Musik und der Stimmung, die sie vermittelt, leiten lassen. Wenn ich die Musik auf mich wirken lasse, entsteht eine Art inneres Video, und die Geschichte des Songs beginnt, sich zu entwickeln. Aber dann muss die Story in dreieinhalb Minuten erzählt sein. Sie haben verlauten lassen, dass Sie sich vorstellen könnten, noch ein Album zu machen, ein 30. und letztes. Wie weit fortgeschritten ist diese Idee? Überhaupt nicht. Wir wollen in den kommenden Wochen sorgfältig damit anfangen. Bedingung ist einzig: Ich will mit Musikern arbeiten, mit denen ich noch nie zusammengearbeitet habe – damit ein neues Element reinkommt. Wer ist «wir»? Mein Produzent und Tonmeister Eric Merz und die Plattenfirma. Wir sind seit Jahren ein gutes Gespann – die Plattenfirma, welche die Vermarktung und die Finanzierung im Griff hat, während ich künstlerisch völlig freie Hand habe. Das alles tönt nicht wirklich nach Kürzertreten. Kürzertreten will ich auch nur in Sachen Liveauftritte. Ich müsste nächstes Jahr ein neues Repertoire zusammenstellen. Das ist jeweils mit viel Arbeit und Üben verbunden. Das wird mir langsam etwas zu viel. Ist auch ein Grund, dass Sie nun wirklich alle Grössen von Bühnen gesehen haben? Ja, klar. Die grösste Menschenmenge, vor der ich spielte, umfasste 56000 Personen – da ist es wirklich egal, wie viele Leute noch an ein Konzert kommen. Ich selber höre Livemusik sowieso am liebsten in kleinen Clubs. Da ist man als Zuhörer viel näher dran, und die Qualität der Musik, ihre Dynamik, kommt viel besser rüber. Während Sie Ihren Rücktritt von der Bühne vorbereiten, startet Gölä mit einer Promo-Tour in Australien durch, oder Florian Ast und Francine Jordi spannen zusammen ach, das ist der Schlagerbereich! Darf ich das so schreiben? Aber sicher. Das ist doch alles mehr Kitsch als Kunst. Das ist Pop-Ulismus, Musik für die SVP! Sie meinen jetzt Florian Ast und Francine Jordi? und Gölä! Ihn ganz besonders! Der hat ja die ganze Show in der Arena Thun mit zwölf Kameras aufnehmen lassen Heute bewegen sich Schweizer Musiker in Dimensionen, von denen man vor einiger Zeit nicht einmal zu träumen wagte. Nun – es gelingt den wenigsten, etwas in der Art aufzuziehen. Kommt hinzu, dass Gölä die ganze Sache aus dem eigenen Sack finanziert hat. Der hat so gut verdient, dass er heute quasi Unternehmer ist. In dem Sinn ist er ehrlich und macht, was er will. Und das bewundere ich. Auf der anderen Seite orte ich einfach eine Diskrepanz zwischen dem Kitsch vom armen, einsamen weissen Schwan und dem über und über tätowierten, breitschultrigen Rocker. Hatten Sie nie den Eindruck, andere Musiker wollten vor allem mit Ihnen arbeiten, um sich selber Publizität zu verschaffen? Das mag für sie ein Grund sein. Aber ich habe längstens bewiesen, dass etwas Ernsthaftes und Langlebiges entstehen kann. Ein Volkslied zu kreieren, ist das viel höhere Ziel, als einen Hit zu fabrizieren. Etwas Langlebiges hält einen länger über Wasser. Wirtschaftlich oder emotional? Wirtschaftlich und emotional. Natürlich hatte ich «Kiosk» satt, nachdem ich das Lied 2500-mal gesungen hatte. Aber bei «Alperose» ist mir das noch nicht passiert – obschon ich es sicher auch schon 2000-mal gesungen habe. Befassen Sie sich mit dem Gedanken, dass Sie nach dem 30.Album keine Songs mehr schreiben, die Sie selber singen werden? Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich habe das 50 Jahre gemacht. Das reicht. Der Rock’n’Roll ist heute nicht mehr derselbe wie damals. Mir fehlt heute die gesellschaftsrelevante Haltung. Rock’n’Roll wurde mehr eine Popkultur, die sich anbiedert. Glauben Sie, dass die Suche nach neuer Musik und neuen Klängen je ein Ende hat? Nein. Die Leute werden immer Musik machen. Nicht zuletzt weil sie auch ein Ventil ist, das vielen hilft, die sich in schwierigen Lagen befinden. Vor kurzem habe ich gerade einen sehr schönen Satz gehört: «Musik ist das Einzige, was einem nichts nehmen kann, sondern nur geben.» Interview: Marco Zysset >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch