Zum Hauptinhalt springen

«Ich gehe durch die Hölle»

MissbrauchA.S. ist als Kind vom Heimarzt sexuell ausgebeutet worden. Der aktuelle Berner Missbrauchsfall lässt ihren Schmerz wieder hochkommen. Nun erzählt

Am 3.Oktober 1995 war das Leben von A.S.* vorbei. An diesem Tag begriff die damals 39-jährige Frau, dass sie als Kind sexuell missbraucht worden war. «Seit diesem Tag gehe ich durch die Hölle», sagt die Bernerin. Ihre gewohnte Welt brach zusammen, sie verlor ihre Arbeit, ihre Freunde, ihre Lebensfreude. Dass die Tat im Heim passiert sei, habe sie erst nach drei Jahren Therapie realisiert. Wegen Verdacht auf ihre Tuberkulose wurde A.S. als Vierjährige in ein Kinderheim im Berner Oberland eingeliefert und verbrachte dort zur Kur sechs Wochen. Ihre Erinnerungen an den Aufenthalt schildert sie stockend. «Als ich nicht aufhörte, weinend nach meiner Mutter zu verlangen, wurde ich an Armen und Füssen festgebunden – manchmal nächtelang.» Die Kinder konnten sich gegen die rigiden Methoden der Heimleitung nicht wehren – sie waren damals gang und gäbe. Gefahr in Weiss Den sexuellen Übergriff verübte der leitende Heimarzt während einer Untersuchung. A.S. lag auf der Liege seines Praxiszimmers; was genau vor sich ging, darüber kann sie nicht sprechen. Ihr Verstand konnte das Erlebnis lange Zeit verdrängen, nicht aber ihr Körper. Heute reicht schon ein kleines Detail wie ein weiss gekleideter Mann, um bei ihr eine heftige Reaktion auszulösen. «Mein Körper verkrampft sich wie bei einem epileptischen Anfall.» In diesen Momenten kann sie sich nicht mehr steuern. Solche Flashbacks (Rückfälle) sind ein häufiges Symptom Traumatisierter. «Es ist schwierig, zu erklären, wie sich das anfühlt», ringt die 54-Jährige nach Worten. «Ich falle dann in einen früheren Zustand zurück. Im Kopf weiss ich, dass ich im Heute bin, gefühlsmässig aber ist es wie damals.» So erlebt sie das Festgebundensein auch heute immer wieder. In einem Flashback kann sie oft ihre Hände nicht bewegen. Jetzt aber hat sie sich unter Kontrolle. Die unauffällig aussehende Frau sitzt in einem Büroraum der Redaktion, die Hände auf dem Tisch. Als A.S. vom aktuellen Berner Missbrauchsfall (siehe Kasten) hörte, wühlte sie das auf. Um auf die Situation der Opfer aufmerksam zu machen, entschloss sie sich, anonym von ihren Erfahrungen im Heim und ihrem Leben zu berichten. An einem neutralen Ort. «Mein Zuhause ist meine Schutzzone», sagt sie. Plötzliche Wende Wie aber bemerkte sie den Missbrauch überhaupt? «Die körperlichen Zeichen kamen nach und nach. Eine Beziehung zu Männern konnte ich nie aufbauen. Ich zog mich unbewusst immer rechtzeitig zurück und blockte sofort ab, wenn Männer meine Nähe suchten.» Ansonsten führte sie das normale Leben einer jungen Frau. Nach der Handelsschule arbeitete sie in verschiedenen Büros, war in der Guggenmusik und in einer Spielgruppe aktiv. Sie hat sich immer eigene Kinder gewünscht. 1988 erlitt A.S. ihren ersten Nervenzusammenbruch und begann, ihr Verhalten in einer Kur zu reflektieren. Der zweite folgte 1995. «Da ging plötzlich gar nichts mehr», sagt sie. Ganze zwei Wochen dauerte es, bis sie überhaupt therapierbar war. Durch einen Ausbruch in der Körpertherapie – es schüttelte sie am ganzen Leib – wurde schliesslich klar, dass sie Opfer eines sexuellen Missbrauchs war. «Es war, wie wenn ich tausend Schlangen im Rücken hätte, ich dachte, ich sterbe.» Erst ein halbes Jahr später verliess sie die Klinik; ihren Alltag konnte die Alleinstehende von nun an nur noch schwer bewältigen. Ihre Familie war von der Situation überfordert und konnte sie nicht unterstützen. Zwei weitere Klinikaufenthalte folgten. Die heftigen Spätfolgen des Missbrauchs kosteten sie ihren Job und ihr soziales Umfeld. «Mein früheres Leben brach einfach in sich zusammen, das ist für mich noch heute unfassbar.» A.S. leidet unter starken Schlafstörungen und Angstzuständen. Lärm in kleinsten Dosen, etwa das Bimmeln von Fahnenstangen, ist ihr eine Qual. Dazu kommen die ständigen diffusen Schmerzen einer Fibromyalgie (Weichteilrheuma). Sie ist eine typische Folgekrankheit von Traumata und kann eine mangelhafte Stressbewältigung bedeuten. «Ich bin absolut nicht mehr belastbar», sagt A.S. ohne Umschweife. Deshalb sei es auch so schwierig, soziale Kontakte zu halten. «Es kommt nicht gut an, wenn ich wegen meiner unberechenbaren Schmerzen ständig absagen muss», versucht sie ihre Situation zu erklären. Ihre blassblauen Augen blicken betrübt, verraten aber auch eine Spur ihrer Energie von einst. «Ich verstehe, dass die Leute keine Lust mehr auf mich haben. Das tut sehr weh.» Das Ausgeschlossensein von der Gesellschaft und die Einsamkeit seien das Schlimmste an allem, erzählt die ehemals begeisterte Fasnächtlerin. Schmerzen nicht anerkannt Dass ihre Wunden gegen aussen nicht sichtbar sind, macht auch ihre finanzielle Lage schwierig. Die Schmerzen der tückischen Fibromyalgie sind nicht nachweisbar und von der IV nicht anerkannt. Aufgrund ihrer psychischen Probleme konnte A.S. nach langem Kampf eine IV-Rente erwirken, die Kostenfolgen der Fibromyalgie sind darin aber nicht enthalten. «Ich brauche unbedingt ein Auto, da ich mich oft kaum bewegen kann.» Weiter braucht sie eine Wohnung im obersten Stock, da sie es nicht aushält, jemanden oberhalb von sich zu haben. Dies jemandem klarzumachen, sei unmöglich und mache den Gang durch die Institutionen zermürbend: «Ständig muss ich mich für meine Situation rechtfertigen, das ist erniedrigend.» A.S. fühlt sich auch von der Opferhilfe im Stich gelassen. «Die Gesetze greifen einfach nicht», meint sie. Missbräuche in einem Heim zu verhindern, sei wohl kaum möglich. «Ich möchte aber, dass die Leute über die Folgen solcher Vergehen aufgeklärt werden.» Da geistig Behinderte dies selbst kaum können, wurde sie nun aktiv. Für A.S. ist es trotz der Anonymität ein grosser Schritt, sich öffentlich darüber zu äussern. Denn noch immer sitzt das Verbot tief in ihr: Ich darf nicht darüber reden. «Doch einmal», sagt sie hilflos lächelnd, «einmal muss das ganze Elend einfach raus.» Martina KammermannA.S. will Betroffenen Mut machen und eine Selbsthilfegruppe gründen. Interessierte melden sich unter selbsthilfe@besonet.ch. *Name der Redaktion bekannt>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch