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Grenzen verwischen in Istanbul

Christoph Müller

Im Mai verschlug es nicht nur den Master of Ceremonies, Pädu Anliker, nach Istanbul, sondern auch mich. Wir trafen uns am Flughafen – leider erst beim Rückflug. Wer jetzt meint, das TT gewähre all seinen Kolumnisten eine Reise an den Bosporus, liegt falsch. Es war reiner Zufall. Aber diese Stadt beeindruckte mich, stimmte mich in mancher Hinsicht auch nachdenklich. Istanbul hat heute rund 13 Millionen Einwohner. 1960 waren es noch zehnmal weniger. Die Zugezogenen sind kaum Ausländer. Es sind Türken, die in ihren Regionen kein Auskommen mehr fanden oder durch die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den Kurdengebieten vertrieben wurden. Kein gutes Zeugnis für die türkische Politik im Allgemeinen und die Regionalpolitik im Besonderen. Und vielleicht ein Mahnmal für diejenigen, die meinen, die Schweiz übertreibe es mit der Unterstützung wirtschaftlich schwacher Landesteile. Die Bevölkerungsexplosion ist eine enorme gesellschaftliche Herausforderung, die bisher offenbar gar nicht so schlecht bewältigt wird. Aber für den Besucher aus der Schweiz sind die Gegensätze gigantisch. Da gibt es das Zentrumsquartier Beyoglu mit der autofreien und recht eleganten Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi und einer Vielzahl von kleinen Nebengassen mit Bars und Restaurants. Da erlebt man europäisches Grossstadtfeeling vom Feinsten. Weniger touristisch als gewisse Ecken im Quartier Latin in Paris, ist die Ambiance weder billig noch schickimicki, sondern auf angenehmste Art zwischendrin, intellektuell-mittelständisch eben. Und das ist ja genau, was den Reiz einer europäischen Metropole ausmacht. Aber dann fährt man mit dem Bus in zehn Minuten in den Stadtteil Fatih, läuft dort weitere zehn Minuten hügelaufwärts – und fühlt sich in den Iran versetzt. Die Mehrzahl der Frauen tragen nicht Kopftücher (die in Beyoglu übrigens kaum zu sehen sind), sondern schwarze Gewänder, die alles bedecken ausser Nase und Augen. Zwar etwas weniger radikal, als wenn nur die Augen sichtbar bleiben, aber äusserst unästhetisch. Es ist einem unbehaglich. Das sind wohl die beiden Extreme dieser Stadt. In den übrigen Stadtteilen wirkt die Bevölkerung durchmischter: wenig Schwarzgewandete, keine Miniröcke, relativ viele Kopftücher. Das hat man als Gast der Stadt einfach zur Kenntnis zu nehmen, wenn auch mit Skepsis. Die Galle hoch trieben mir freilich Paare, bei denen die Frau tief verschleiert war, der Herr der Schöpfung aber wegen der Hitze im leichten T-Shirt daherkam und mit dem Handy hantierte. Wer seine Frau zu einer mittelalterlichen Gewandung zwingt, soll doch mit seinen Kumpanen gefälligst per Rauchzeichen kommunizieren. Mir wurde jedenfalls klar: Saudiarabien wäre nichts für mich. Ich bin ja immer noch umgetrieben von Nationalrat Schlüer und seiner «Islam-ähm-Minarettverbotsinitiative» (Originalzitat Schlüer) sowie seinen Ziehsöhnen Blancho und Illi vom islamischen Zentralrat, die dank dieser Initiative nun Auftritte am laufenden Band geniessen. Deshalb haben mich in Istanbul die Schnittstellen zwischen Islam und Christentum interessiert. Das christliche Konstantinopel wurde 1453 vom türkischen Sultan Mehmet II. erobert und wurde damit islamisch. Wenig später geschah in Spanien genau das Gegenteil: Die katholischen Könige Ferdinand und Isabel warfen 1492 die Araber endgültig aus dem Land. Bei beiden Ereignissen ging es nicht besonders gemütlich zu. Aber es ist offensichtlich, dass die Türken liberaler mit der vorgefundenen Bevölkerung umgingen als die Spanier. Beweis dafür ist die Geschichte der spanischen Juden, die von den katholischen Königen samt und sonders des Landes verwiesen wurden, es sei denn, sie liessen sich taufen (450 Jahre später liessen die Nazis den Juden nicht mal diese Wahl). Und wohin flohen diese spanischen Juden? In alle Welt, sehr viele von ihnen aber ins osmanische Reich der Türken, vor allem ins damals osmanische Saloniki, wo bis zum Holocaust noch sehr viel spanisch gesprochen wurde. In Istanbul lebten bis zur Mitte des 20.Jahrhunderts über 100000 Griechen. Im islamischen osmanischen Reich waren sie geduldet; es blieb der modernen, laizistischen, aber nationalistischen türkischen Republik vorbehalten, sie zu vertreiben. Auch architektonisch sind die Osmanen relativ schonungsvoll mit dem christlichen Erbe umgegangen: Zwar wurde die Apostelkirche zerstört, das Vorbild der Markuskirche in Venedig. Die Hagia Sophia, die Chora- und die Pammakaristos-Kirche aber wurden zu Moscheen, ohne dass die prächtigen Mosaike mit etlichen Christus-Darstellungen Schaden nahmen. Ein Glück für diese Bauten, dass sie in Moscheen umgewandelt wurden und nicht etwa in reformierte Kirchen, sonst wären all die Kunstwerke vom Bildersturm hinweggefegt worden. Seit Atatürk sind die drei Kirchen übrigens Museen und somit keine Moscheen mehr. Ebenfalls erstaunlich: Die byzantinische Hagia Sophia wurde das Vorbild der grossen, aber rund tausend Jahre jüngeren Moscheen in Istanbul. Und obwohl die osmanische Architektur sehr eigenständig ist, findet man in Istanbul viele europäisch geprägte Bauwerke wie etwa die barocke Dolmabahçe-Moschee oder den Gerechtigkeitsturm im Stil der Renaissance im Topkapi-Palast des Sultans. Es gibt aber nicht nur ehemalige, sondern auch eine ganze Reihe von betriebenen christlichen Kirchen – und jawohl, Herr Schlüer, sogar mit Türmen! Daraus zu schliessen, der Umgang mit der christlichen Minderheit sei unproblematisch, wäre freilich vermessen, zudem ist Istanbul nicht die ganze Türkei. Trotzdem: Die Kirchtürme habe ich mit eigenen Augen gesehen. Dass es solche in Saudiarabien nicht geben darf, weiss ich auch. Aber die Muslime, denen wir hier die Minarette verbieten, sind eben Türken und Bosnier und nicht Saudis. Es verkauft sich leider heute wieder gut, Grenzen aufzubauen – vor allem Grenzen im Kopf. Dass der Nationalismus im 20.Jahrhundert zu den verheerendsten Katastrophen inklusive zweier Weltkriege geführt hat, ist fast vergessen. Dabei wären die Zwischentöne so viel interessanter. In Istanbul werden sie sichtbar wie selten an einem Ort. E-Mail: chmuellerthun@datacomm.ch redaktion-tt@bom.ch >

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