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Für einmal ohne Augen «sehen»

Im Rahmen des 100.Geburtstags des Schweizer Blinden- und Sehbehindertenverbandes wurden im Schloss Thun Führungen veranstaltet, die für alle Sinne ein Erlebnis waren.

Ein Blinder hat es in der heutigen Gesellschaft der auf Äusserlichkeiten fixierten Menschheit nicht immer leicht. Sich aber einmal für kurze Zeit in die Haut eines Menschen mit einer solchen Behinderung zu versetzen, hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Anlässlich seines 100-Jahr-Jubiläums führt der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband verschiedene Veranstaltungen durch. Als Dankeschön für die Unterstützung in Thun und der Region wurden am Samstag im Schlossmuseum Führungen angeboten. Was nicht spektakulär klingen mag, war aber in Wirklichkeit eine nicht ganz alltägliche Erfahrung: Besucherinnen und Besucher ohne Sehbehinderung wurden mit Augenbinden ausgestattet und mussten so für einmal ohne ihr Augenlicht auskommen. Sobald man eine Augenbinde trug, war man auf die Hilfe der blinden oder sehbehinderten Helferinnen und Helfer angewiesen. Auf dem dunklen Weg beschritt man als erste Station eine Runde bei den verschiedenen Waffen und Rüstungen der Thuner Ritter, wo unter anderem auch Hellebarden und Morgensterne ertastet werden konnten. Aus den ersten Tastversuchen an den ausgestellten Objekten entstand schnell einmal ein Ratespiel, bei dem die Blinden und Sehbehinderten gerne weiterhalfen. Ein Stockwerk weiter oben wurden die restlichen Sinne des vorübergehend Blinden getestet. Mit Duftproben von Gewürzen, leckeren Keksen und Sirup wurden der Riech- und der Geschmackssinn gefordert. Der letzte Posten erforderte aber die meiste Konzentration: Gewürzpflanzen in kleinen Töpfen sollten erraten werden. Noch Stunden später rochen die Finger nach Curry und anderen Gewürzen, denn wer kein Näschen für diese Pflanzen hatte, musste sich mit den Händen weiterhelfen. Im Rittersaal konnten die blinden Museumsgänger die Dimensionen des Schlosses erkunden. «Man nimmt die Ausmasse ganz anders wahr, wenn man nichts sieht. Als ich abmessen sollte, wie breit der Saal ist, lag ich fast zehn Meter daneben!», berichtete eine Teilnehmerin. «Alles erschien verzerrt, und wenn man die Augenbinde dann endlich ausziehen konnte, sah man etwas ganz anderes als vor seinem geistigen Auge.» Unterdessen wurde im ehemaligen Gerichtssaal geschossen. Die amtierende Vizeweltmeisterin im Blindenschiessen, Maya Hoffmann, führte jedem Interessierten ihre Künste mit dem Luftgewehr vor und beeindruckte mit ihrer Treffsicherheit. «Beim Blindenschiessen trägt der Blinde Kopfhörer. Sobald der Ton, der erklingt, am höchsten ist, könnte die Mitte der Zielscheibe getroffen werden. Natürlich braucht es dann noch sehr viel Ruhe und einen stabilen Stand, denn sonst hilft der Ton nicht sehr viel», erklärte Heinz Reichle, Trainer von Maya Hoffmann. Am 15.September werde sie an einem internationalen Wettbewerb in der Slowakei teilnehmen, verriet Hoffmann, nachdem sie ihre erste Schiessrunde beendet hatte. Beim Selbstversuch versagten dann die meisten Besucher. Nach diesem Tag im Museum war aber sicher jeder froh, wenn er seine Augenbinde wieder abnehmen konnte und das schöne Wetter geniessen durfte. Irina Eftimie>

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