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Freispruch für Nachtwache

Nach einer unruhigen Nacht starb die Patientin eines Altersheimes im

In einem kleinen privaten Altersheim in der Region Thun begann am 22.Juni 2008 eine Pflegehelferin ihren Dienst als Nachtwache. Alles schien normal, als sie die Arbeit aufnahm. Am Rapport, als der Tagesdienst sie über den Zustand der Heimbewohner informierte, erwähnte niemand, dass es Frau S. schlecht gehe. Auch im Rapportbuch fanden sich keine Hinweise darauf, es seien spezielle Massnahmen nötig. Frau S. war schon länger im Heim und litt an Herz- und Lungenkrankheiten. Doch das wusste die Pflegehelferin nicht. Ihr war jedoch bekannt, dass Frau S. regelmässig Sauerstoff benötigte, in dieser Zeit 24 Stunden am Tag. Es war der Nachtwache auch bekannt, dass Frau S. früher schon zweimal im Spital behandelt worden war. Details wusste die Pflegerin jedoch keine: «Als Nachtwache war ich nicht so gut informiert wie die andern, die am Tag arbeiteten.» Maske weggerissen Als die Pflegerin etwa um zehn Uhr ihre erste Runde drehte, fiel ihr bei Frau S. auf, dass diese im Stuhl sass, anstatt wie üblich um diese Zeit im Bett zu liegen. Zudem lag die Sauerstoffmaske am Boden, die Patientin hatte sie selber weggerissen. Dies sollte sich während dieser Nacht noch mehrmals wiederholen, sodass sich die Pflegerin ins Zimmer von Frau S. setzte und von dort aus zu den andern Heimbewohnern ging, wenn diese um Hilfe läuteten. «Frau S. ist dann eingeschlafen, und wenn sie Sauerstoff hatte, war auch ihre Atmung normal», schilderte sie dem Kreisgericht ihre Beobachtungen. Ab fünf Uhr in der Früh konnte die Pflegerin sich nicht mehr um Frau S. kümmern, weil sie die übrigen Heimbewohner zu betreuen hatte und sich um die Zubereitung des Frühstücks kümmern musste. Als um sieben Uhr die Pflegedienstleiterin eintraf, rief die Pflegehelferin diese zu Frau S., weil sie sich Sorgen machte. Die Pflegedienstleiterin rief sofort den Arzt, der die Patientin ins Spital brachte, wo sie vier Tage später starb. Keine Hilfe geholt? In der Anklageschrift, in welcher der Nachtwache Aussetzung und fahrlässige Tötung vorgeworfen wird, geht es darum, dass die Nachtwache den schlechten Zustand der Patientin hätte erkennen und deshalb die Pikett habende Pflegedienstleiterin hätte herbeirufen müssen. Wegen der angeblich verspätet erfolgten ärztlichen Hilfe konnte die Patientin nicht mehr wirksam gegen Atemnot und Sauerstoffmangel behandelt werden, weshalb die Behandlung abgebrochen werden musste und die Patienten starb. «Ich weiss nicht, weshalb ich keine Hilfe holte», erklärte die Pflegehelferin auf die Frage von Gerichtspräsident Peter Moser. Rasche Verschlechterung Zum Glück für die Angeklagte sagten alle medizinischen Sachverständigen, dass bei den Krankheiten von Frau S. Veränderungen im Gesundheitszustand meist sehr rasch einträten. Das heisst, dass es gut möglich ist, dass sich der Zustand von Frau S. erst nach fünf Uhr morgens stark verschlechtert und die Nachtwache darum nichts davon mitbekommen hat. Als die Tagesschicht eintraf, stellte diese jedoch sofort fest, dass nun der Arzt kommen müsse. Das Kreisgericht Thun sprach die Pflegehelferin von beiden Anklagepunkten frei, weil niemand den Zeitpunkt der rapiden Verschlechterung des Gesundheitszustandes kennt und der schlechte Allgemeinzustand der Patientin schon vorher bestand. In diesem Sinne war diese Nacht eine Nacht wie mehrere vorher, was durch die Eintragungen in das Rapportbuch belegt wird. Weil ein Freispruch erfolgte, muss der Kanton die Partei- und Verfahrenskosten tragen. Die Pflegehelferin erhält 1000 Franken als Entschädigung für die persönlichen Umtriebe. Margrit Kunz >

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