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Experte fordert höhere Zinsen

Die Nationalbank vermehrt die Geldmenge derart, dass der Kenner Ernst Baltensperger von «abnormalen Zuständen» spricht. Um eine Inflation zu verhindern, müsse mit dieser expansiven Geldpolitik Schluss sein, findet er.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) befindet sich in einem Dilemma: Sie hält den Leitzins weiterhin auf rekordtiefen 0,25 Prozent. Dadurch kommen Banken und auch deren Kunden nach wie vor zu äusserst günstigen Konditionen zu Geld. Geld, das neu in den Kreislauf kommt. Damit verfolgt die Nationalbank nur ein Ziel: Sie will nach der Krise die Schweizer Wirtschaft ankurbeln. Kommt jedoch zu viel Geld auf den Markt, kann dies zu einer Inflation und schliesslich zu einer Abwertung des Frankens führen. Experte will höheren Zins Und diese Gefahr ist für den emeritierten Volkswirtschaftsprofessor Ernst Baltensperger von der Universität Bern sehr real. Anders als andere namhafte Experten, die eher vor einer Deflation warnen, steuert die Schweiz seiner Meinung nach auf eine Inflation zu, sollte sie nicht früh genug Gegensteuer geben. «So tiefe Zinssätze sind etwas völlig Abnormales und nicht vereinbar mit einem langfristigen Gleichgewichtszustand.» Es erwarte zwar niemand, dass die Schweiz bereits in diesem oder im nächsten Jahr ernsthafte Inflationsprobleme haben werde. «Aber wir sind vielleicht bereits nahe dran, den optimalen Zeitpunkt für den Ausstieg aus dieser expansiven Geldpolitik zu verpassen.» Daraus leitet Baltensperger, der bis Anfang dieses Jahres als Direktor das Studienzentrum Gerzensee der Schweizerischen Nationalbank geleitet hat, eine konkrete Forderung ab: «Die Nationalbank sollte sich seriös mit dieser heiklen Situation befassen und bald damit anfangen, den Leitzins wieder zu erhöhen.» Gefahr: Teufelskreis Dieser Weg zurück ist allerdings schwierig, weil er gewisse Gefahren birgt: Wird das Geld wieder höher verzinst, heisst das auch, dass Private und nicht zuletzt der Staat für das Tilgen ihrer Schulden tiefer in die Taschen greifen müssten. Erhöhen also die Nationalbank und andere europäische Notenbanken den Leitzins zu früh und zu stark, könnten womöglich Hausbesitzer und andere Schuldner ihre Kredite nicht mehr plangemäss abzahlen, und einige Staaten könnten kurz nach der Krise erneut in Schieflage geraten. «Die Schweiz allerdings hat aufgrund ihrer soliden Staatsfinanzen in dieser Hinsicht kein besonderes Problem», sagt Baltensperger. Die USA zum Beispiel würde eine Zinserhöhung ihrer Notenbank schmerzen, weil das Land bereits hoch verschuldet ist. Für Griechenland und andere europäische Länder gilt dasselbe. Klumpenrisiko bei Devisen Auch was den Devisenbestand betrifft, manövriert sich die Schweizerische Nationalbank langsam in eine ungemütliche Lage. Weil sie im ersten Halbjahr 2010 im grossen Stil Devisenanlagen gekauft hat – vor allem Euro – und mittlerweile Euro-Bestände im Wert von knapp 160 Milliarden Franken hält, fuhr die Nationalbank in den ersten sechs Monaten aufgrund des Euro-Tiefs massive Verluste ein (siehe Kasten). Die SNB hat die Euro-Bestände innerhalb von nur zwei Jahren mehr als versechsfacht. Die Nationalbank betont aber, dass diese Verluste die jährliche Ausschüttung von 2,5 Milliarden Franken an Bund und die Kantone in keiner Weise gefährdeten. Die Gewinnausschüttungsreserven seien ausreichend gross. Der Grund für die Euro-Zukäufe liegt auf der Hand: Die Nationalbank wollte damit den Euro stabilisieren und den Franken schwächen. Allerdings sagt Ernst Baltensperger: «Gegen eine trendmässige Änderung, wie wir sie jetzt erleben, kann sich die Nationalbank auf Dauer nicht wehren.» Deswegen plädiert er dafür, dass sie einen Teil der Euro-Bestände wieder abstösst, um das Klumpenrisiko etwas zu minimieren. «In einem gewissen Ausmass sollte die SNB wieder eine Diversifizierung anstreben.» Die gesamten Devisenbestände der SNB belaufen sich aktuell auf 226,8 Milliarden Franken. So viele Fremdwährungsanlagen hielt die Nationalbank zuvor noch nie. Das führt auch dazu, dass die Bilanz der SNB mit 207 Milliarden Franken sehr gross geworden ist (siehe Grafik). «Auch diese Grössenordnung ist abnormal», sagt Ernst Baltensperger. Deshalb wiederholt er seine Forderung: «Mit dieser expansiven Geldpolitik muss bald Schluss sein.» «Euro war überbewertet» Was den Euro-Kurs betrifft, so ist der Volkswirtschaftsexperte der Meinung, dass ein Stand zwischen Fr.1.35 und Fr.1.40 im Verhältnis zum Schweizer Franken realistisch und vernünftig ist. Mit anderen Worten: «Vor der Krise war der Euro wohl eher überbewertet.» Mit dem heutigen Wechselkurs könne die Schweiz gut leben. Baltensperger sieht derzeit keine Anzeichen, dass der Euro wieder massiv an Wert einbüssen könnte. Dass er etwa längerfristig unter die Marke von Fr.1.30 fällt, «kann ich mir nicht vorstellen». Einen fortgesetzten leichten Aufwärtstrend des Frankens hält er aber für wahrscheinlich. Philippe Müller >

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