Zum Hauptinhalt springen

Endspiel auf der Matratzenburg

Konzert Theater Bern

Dann kommt das finale Duell, und man reibt sich Augen und Ohren. Mit dem Degen in der Hand steht Hamlet seinem Kontrahenten Laertes gegenüber, wie ein Tier bereit zum Angriff. Dramatische Musik erfüllt den Raum. Doch Laertes tut nichts, und auch das Königspaar daneben bleibt stumm, macht keinen Wank. Arbeitsverweigerung bei der Premiere? Natürlich nicht. Dieser Regiewahnsinn hat Methode. Shakespeares Showdown verkommt zu einem jämmerlich ernüchternden Marionettenspiel im Schnelldurchlauf. Hamlet, der Schicksalsregisseur, muss alles selber in die Hand nehmen. Gross ist die Szene nur in der Fantasie, angeregt durch die parallele Einspielung aus dem Off: Zu hören ist die legendäre Broadway-Inszenierung von 1964 mit Richard Burton in der Hauptrolle. Aufgeblähtes Ego Zwölf Jahre nach der letzten Berner Inszenierung bringt Erich Sidler Shakespeares «Hamlet» auf die Vidmar-Bühne, in einer zweieinhalbstündigen Strichfassung. Mit kühlem Blick beugt sich der Schauspielchef über den Klassiker. Das Ergebnis ist packend, intelligent, zugleich fern von jenem prätentiösen Regietheater, zu dem das Stück immer wieder herausgefordert hat. Sidlers Kunst besteht nicht zuletzt in der Fähigkeit, Perspektiven und Gewichte zu verschieben, ohne der Vorlage Gewalt anzutun. In Molières «Tartuffe» (2010) dimmte er die Hauptfigur herunter, stellte sie als Projektionsfläche in den Raum und richtete das grelle Licht der Entlarvung auf seine scheinheilige Entourage. Nun geschieht sozusagen das Gegenteil: Sidler zoomt ganz auf Hamlet, schildert das Geschehen konsequent aus der Perspektive des Prinzen und bläht dessen Ego derart auf, dass für die andern kaum mehr Platz und Luft bleibt. Der Regisseur zeigt sie entsprechend als profilarme Nebenfiguren, ja als Statisten, die mehr oder weniger deutlich zu Aggression und Dümmlichkeit tendieren. Am meisten gilt das für die Höflinge Rosenkranz und Güldenstern (Max Merker, Diego Valsecchi), die vom König mit Detektivaufgaben in Sachen Hamlet betraut werden. Sidler zeigt sie als krude, synchron sprechende Befehlsempfänger. Der Schauspieler beim Stück im Stück (Marcus Signer) ist eine Mischung aus Harlekin und Schlumpf. Horatio (Dominique Müller), Hamlets Kumpel, wirkt wie der treuherzige Tölpel aus einer Highschool-TV-Serie. Mehr Profil gewinnen Laertes (Philip Hagmann) und dessen Vater Polonius (Ingo Ospelt), Letzterer aber eher als autoritärer Vater denn als rechte Hand des Königs. Unbedarftes Königspaar Selbst das Königspaar wirkt fast unbedarft – jedenfalls sind Claudius (Ernst C.Sigrist) und Gertrud (Marianne Hamre) dem Prinzen in keiner Weise gewachsen. Umso mehr Gewicht erhält Ophelia, Hamlets unglückliche Geliebte. Würdevoll zeigt Mona Kloos diese junge Frau, die aufs Übelste hintergangen und geschlagen wird, bis sie sich im Wahnsinn verliert – neben Andri Schenardi die beste Darstellerin in einem insgesamt überzeugenden Ensemble. Durch Sidlers Ansatz verliert das Stück zwar an psychologischer Feinheit und Tiefenschärfe. Doch was es gewinnt, ist nicht wenig. Geschickt spielt die Regie mit Erwartungen, wechselt zwischen Künstlichkeit, Ironie und Konfrontation, setzt gar auf Überwältigung – etwa bei der wahrhaft schauerlichen Geistszene (mit dem Countertenor Peter Kennel). Die Inszenierung gibt der Sprache in ihrer Musikalität viel Raum. Sie setzt aber auch manches voraus und nimmt in Kauf, dass einiges schwer verständlich bleibt. Fast atemlos, mit archaischer Wucht entfaltet sich das Drama auf der Einheitsbühne (Gregor Müller), eine Matratzenburg, die eine Fülle von Assoziationen weckt und perfekt ins Spiel integriert wird – als Friedhofsmatratzengruft etwa oder als königliches Ehebett, vor allem aber als ausladende Plattform für Andri Schenardi: Manchmal wie ein Reh, manchmal wie ein Besessener turnt und hüpft er durch die Matratzenwelt, versucht sich gar als balettöser Spagatsprungtänzer. Herrlich skurril ist das und abgründig zugleich. Dieser Hamlet reibt sich – wie die Inszenierung selbst – an der übermächtigen Tradition. Immer wieder setzt sich Hamlet vor ein altes Tonbandgerät und spricht Richard Burtons «To Be or not to Be»-Monolog mit, bald zu schnell, bald zu langsam, auf der Suche nach Synchronität. Als melancholischer Zauderer ist der Dänenprinz in die Geschichte eingegangen. Schenardis Hamlet ist das Gegenteil davon – aufbrausend, unberechenbar, arrogant. Ein Intellektueller mit Blazer und Krawatte, sprunghaft im wahrsten Sinn des Wortes. Seine Verbitterung über den Tod des Vaters mischt sich mit der Lust an der Macht. Inwieweit sein Wahnsinn gespielt ist, bleibt offen. Klar ist: Dieser Hamlet wirkt wie ein Regisseur, der seinen Untergang inszeniert. Und sich selber dabei beobachtet. Oliver Meier ;Weitere Vorstellungen: bis 10.März 2012, Vidmar 1, www.stadttheaterbern.ch.>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch