Zu Gast im Knast

Anna Hermann arbeitet seit Jahren als freie Mitarbeiterin im Justizvollzug. Für die Menschen hinter Gittern ist sie manchmal Freundin, manchmal Mutterfigur. Aber immer ein Fenster in die Welt da draussen.

Seit kurzem hat Anna Hermann einen Klienten im Regionalgefängnis Burgdorf. Manchmal bringt die Huttwilerin zu den Gesprächen auch Spiele mit – um das Eis zu brechen.

Seit kurzem hat Anna Hermann einen Klienten im Regionalgefängnis Burgdorf. Manchmal bringt die Huttwilerin zu den Gesprächen auch Spiele mit – um das Eis zu brechen. Bild: Thomas Peter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Anfangs ist Anna Hermann wohl noch etwas nervös und deshalb zurückhaltend. Nach den ersten Schlucken Kaffee aber wächst das Vertrauen, ihre Zunge löst sich, und schnell wird klar, warum die 74-Jährige diese Arbeit macht und warum sie gut darin ist. Sie kann dieses ungezwungene, sympathische, lockerflockige Plaudern, das einem Menschen vor­übergehend die Sorgen nimmt.

Anna Hermann arbeitet seit rund fünfzehn Jahren als freie Mitarbeiterin im Justizvollzug. Sie ist also für jene Menschen da, die sonst niemanden haben. Steht ihnen bei, während sie noch im Gefängnis sitzen, und manchmal auch dann noch, wenn sie wieder herauskommen in eine Welt, in der niemand auf sie gewartet hat. «Ich mache das, weil ich finde, nach einem guten Leben sollte man den Mitmenschen etwas zurückgeben», sagt sie. Aber auch: Sie wolle etwas zu tun haben. «Stricken ist nicht so mein Ding.»

Langjährige Beziehungen

Seit kurzem hat Anna Hermann hier im Regionalgefängnis Burgdorf einen neuen Klienten. Er ist noch in Untersuchungshaft, ein möglicher längerer Freiheitsentzug wartet auf ihn. Verwandte und Bekannte hat der junge Mann hier keine. Er hat nur Anna Hermann.

Ein erstes Gespräch mit einer Insassin oder einem Insassen ist ähnlich wie jetzt diese Begegnung mit dem Journalisten im Selbstbedienungsrestaurant in der Neumatt. Zuerst etwas steril und vorsichtig. Noch unter behördlicher Beobachtung lernt man sich kennen, versucht festzustellen, ob es passt. Die Chemie muss stimmen. Und zwar für beide. Anna Hermann wurde auch schon abgelehnt. Und auch für sie selber hat es mal nicht gestimmt.

«Reue muss mir niemand zeigen.  Ich frage auch nie nach der Tat.»Anna Hermann

Vier Klienten hat Anna Hermann in all dieser Zeit gehabt. Zwei Männer und zwei Frauen. Einige Betreuungen waren eher kurz, ein paar Monate nur. Sie besuchte aber auch während zehn Jahren eine Klientin in Hindelbank. Und dies alle paar Wochen, sodass sie sich in den alten Schlossmauern der Justizvollzugsanstalt fast ein bisschen zu Hause fühlte. «Manchmal werde ich für diese Menschen zu einer Freundin, manchmal sogar zu einer Art Mutterfigur», sagt sie und lacht. Der aktuelle Kunde etwa wollte sie, gerade weil sie eine ältere Frau ist.

Frische Luft in den Alltag

Anna Hermann ist im Zürcher Unterland aufgewachsen und wohnt heute in Huttwil. Sie hat zwei Kinder. Als gelernte Arztgehilfin hat sie während dreissig Jahren bei ihrem Ehemann in seiner Drogerie in Huttwil mitgearbeitet. Dann kam die Scheidung, und Anna Hermann stand plötzlich ohne Job da – fünf Jahre vor der Pensionierung. Sie fand dann doch noch eine Stelle, in einem Altersheim, wo sie bis 65-jährig bleiben konnte. In dieser Zeit absolvierte sie auch den Einführungskurs bei der Bewährungshilfe. «Mich hat einfach diese Arbeit sehr interessiert», sagt sie. «Es ging nie darum, einfach nur etwas Gutes zu tun.»

«Manchmal werde ich für diese Menschen zu einer Freundin, manchmal sogar zu einer Art Mutterfigur.»Anna Hermann

Von ihren Klienten erzählen darf Hermann nicht. Wenn sie aber über ihre Arbeit spricht, wird klar, was sie vor allem tut. Sie bringt den eingesperrten Menschen die Welt von draussen mit: Geschichten, Bilder, ein wenig frische Luft in den engen, öden Alltag. Kürzlich habe ihr aktueller Klient gesagt, dass sie der einzige Mensch sei, bei dem er Gefühle zeigen könne. Im Gefängnis gebe es dafür keinen Platz. «Wichtig ist, dass diese Menschen spüren, dass ich nicht zum Apparat gehöre», sagt sie. Es tue ihnen gut, mit jemandem zu reden, der nichts mit alldem zu tun habe.

Deshalb kommt auch das Delikt selten zur Sprache oder das, was damit alles einhergehen kann. «Reue muss mir niemand zeigen», sagt Anna Hermann. «Ich frage auch nie nach der Tat. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich verurteile nicht.»

Am Anfang rede meistens nur sie. Erzähle dann von ihrem Tag, Anekdoten aus ihrem Leben, manchmal auch einen Witz. «Humor ist wichtig», sagt sie. Es gehe darum, den Ernst aus der Situation zu nehmen. Um das Eis zu brechen, bringt sie auch Spiele mit. Vier gewinnt etwa, Uno, oder Memory mit Schweizer Landschaftsbildern.

Den Kontakt abbrechen

Gerade in so langen Betreuungen, wie Anna Hermann sie hatte, können die Beziehungen sehr eng werden – müssen aber ein Ablaufdatum haben. Nämlich dann, wenn die Strafe endgültig verbüsst ist. «Wenn es so weit ist, muss ich den Kontakt abbrechen», sagt sie. Wo vorher noch Briefe hin und her gingen oder Telefonate geführt wurden, muss jetzt Funkstille herrschen. Auch das gehört zum Job. Einmal sei sie von einer ehemaligen Klientin zu deren Hochzeit eingeladen worden, sagt Hermann. «Das geht nicht. Irgendwann muss man abschliessen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.03.2018, 06:06 Uhr

Freie Mitarbeit

Viele Eingewiesene haben keine ausserbehördlichen Bezugspersonen. Sei es, weil die An­gehörigen nicht in der Schweiz wohnen oder weil es zu Beziehungsabbrüchen kam. Mit den freien Mitarbeitenden im Justizvollzug (FM) erhalten sie die Möglichkeit, eine Beziehung zu einer Vertrauensperson aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Derzeit engagieren sich 87 Frauen und 67 Männer als FM im Justizvollzug des Kantons Bern. Sie begleiten erwachsene Personen während der Untersuchungshaft, während des Straf- und Massnahmenvollzugs und nach der bedingten Entlassung. Sie arbeiten eng mit der Bewährungshilfe zusammen.

Jede Person durchläuft zunächst einen Einführungskurs. Danach werden die FM von der Fachstelle Freie Mitarbeit mit einer Person im Justizvollzug zusammengebracht. Die FM leisten diese Arbeit ehrenamtlich, wobei ihnen ihre Reisespesen erstattet werden.mbu

Artikel zum Thema

Kanton Bern braucht mehr Gefängniszellen

Die Berner Gefängnisse stossen an ihre Kapazitätsgrenzen. Regionalgefängnisse und Justizvollzugsanstalten waren letztes Jahr voll belegt. Für Gefängnisdirektor Ulrich Kräuchi ist klar, dass es zusätzliche Plätze braucht. Mehr...

«Der Staat bestimmt, wie voll die Gefängnisse sind»

Wer in Schweden und Finnland kleinere Delikte verübt, wird nicht eingesperrt. Entsprechend kleiner ist die Platznot in den Gefängnissen. Ein Ansatz, den auch die Schweiz prüfen sollte, findet Experte Benjamin F. Brägger. Mehr...

Paid Post

Freizeit und Reisen

Viele Ausflugsziele für den «goldenen Herbst» finden Sie in der aktuellen SBB Zeitungsbeilage «Freizeit und Reisen».

Kommentare

Blogs

Mamablog Die Sprache macht Ihr Kind zum Stereotyp

Sweet Home Unter Dach und Fach

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...