Weltliteratur auf Berndeutsch

Vor 43 Jahren ­besuchte der Autor Friedrich ­Dürrenmatt eine Vorstellung der Emmentaler Liebhaberbühne. In diesem Winter bringt die Theatergruppe ­dasselbe Stück wieder auf die Bühne. Nur führt heute Ulrich Eggimann Regie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir schreiben das Jahr 1973. Die erste Ölpreiskrise und die Watergate-Affäre bestimmen den politischen Alltag, und irgendwo auf der anderen Seite der Welt wird eine Band namens AC/DC gegründet. Der Neuntklässler Ulrich Eggimann besucht mit seinen Eltern wie jedes Jahr die ­Aufführung der Emmentaler Liebhaberbühne (ELB). In dieser Spielsaison wird «Der Besuch der alten Dame» gezeigt. In Mundart. Es ist das erste Mal überhaupt, dass das Stück, welches seinen Verfasser Friedrich Dürrenmatt weltberühmt gemacht hat, auf Berndeutsch aufgeführt wird.

Und ebendieser Dramatiker sitzt mit dem jungen Eggimann im Publikum. Grundsätzlich besucht der Schriftsteller die Inszenierungen seiner eigenen Theaterstücke nicht. Sie würden meist schlecht, zu chargiert – sprich zu übertrieben – gespielt.

Dürrenmatt im Publikum

Doch die Realisierung in des Konolfingeners eigenen Muttersprache, dem Berndeutschen, machte den Literaten hellhörig. Obschon er die Übersetzung autorisiert hat, schickt er zuerst seine Schwester, diese Ausgabe seines Stücks unter die Lupe zu nehmen und ihm daraufhin ihren Eindruck zu berichten.

Offenbar war ihre Schilderung des Gesehenen ausreichend, um Dürrenmatt ins Weisse Kreuz in Hasle zu locken. Und auch dem Schriftsteller selbst scheint die Inszenierung zu gefallen, denn nach der Vorstellung tritt er vor die Leute. «Es ist sehr natürlich gewesen, sehr einfach», sagt Dürrenmatt. «Und es braucht auch nicht mehr. Man muss nicht schauspielern, wenn man schauspielt, das machen viele Laientheatergruppen falsch. Ihr habt es nicht gemacht, und so wurde es sehr natürlich.»

Gedenken statt Geburtstag

Seit dieser denkwürdigen Aufführung sind 43 Jahre vergangen. Dürrenmatt wünschte sich in der Zwischenzeit die Aufzeichnung jenes Abends in Hasle als ­Fernsehausstrahlung zu seinem 70. Geburtstag. Doch er verstarb einen Monat vor dem Fest, und die Geburtstagssendung wurde zur Gedenksendung umfunktioniert.

Auch der Junge vom Anfang, Ulrich Eggimann, sollte seinen Weg machen. Kurz nach der Darbietung habe er sich bei der ELB gemeldet. Wenn es irgendwann einen Schauspieler brauche, sei er zur Stelle. Kaum auf der Bühne, machte es bei Eggimann klick, und er wusste: «Ich will eine Schauspielschule besuchen».

Schauspieler wurde er nicht direkt, sondern Opernsänger. Der Emmentaler Liebhaberbühne blieb er aber treu und hat mittlerweile bei über fünfzehn Stücken Regie geführt. Auch in diesem Winter, wenn «Der Besuch der alten Dame» erneut vor die Leute gebracht wird, heisst der Regisseur Ulrich Eggimann. Wie bei der ELB üblich, wird das Theaterstück in Berndeutsch aufgeführt. Jedoch hat Eggimann eine Neuübersetzung verfasst.

«Ich ging von Dürrenmatts Werk aus und las die Version, die Rudolf Stalder 1973 schrieb, erst im Nachhinein», erklärt er seine Herangehensweise. Neben der Sprache, die direkter sei, stelle die Verlagerung der Handlung von der Nachkriegszeit in die Achtzigerjahre den grössten Unterschied dar. «Ich habe mich wirklich sehr am Original orientiert», erläutert Eggimann, «Bäume, die absichtlich von Dorfbewohnern dargestellt werden, das muss man einfach so lassen, denn es zeigt auf lustige Weise, wie diese Menschen überall dabei sein wollen.»

Die Tragikomödie nach Dürrenmatt lebt davon, dass die tragische Handlung mit komischen Elementen durchzogen ist. Genau dieses Augenzwinkern solle auch nach seiner Übersetzung im Stück enthalten sein, hält Eggimann fest.

Keine Profis

Auf die Frage, weshalb jede Aufführung der ELB in Dialekt sei, antwortet der Regisseur: «Es ist immer noch eine Amateurbühne, die zwar professionell geführt wird, aber viele Laien tun sich mit einem Bühnendeutsch schwer.» Zudem sei die ELB ein Volkstheater und solle den Leuten nahestehen. Und das gehe kaum einfacher, als wenn die Stücke in Mundart aufgeführt würden. Schauspieler zu finden, stelle sich aber als immer schwieriger heraus, legt Eggimann dar.

«Bis vor vier Jahren war ich noch am Gymnasium Lerbermatt in Köniz engagiert, wo ich die Musical- und Theaterinszenierungen begleitete und dadurch junge Darsteller anwerben konnte. Heute besuche ich viele andere Theateraufführungen und frage die Leute, ob sie Interesse hätten.» Feststellen, für welche Rolle eine ­Person geeignet sei, tue er hauptsächlich im Umgang mit diesem Menschen.

Automatische Spielausbildung

«Laien verfügen nicht über das Know-how und die Verstellungskünste eines Profis. Das macht es für einen Amateur ausserordentlich schwierig, in eine Rolle zu schlüpfen, die seinem Naturell komplett zuwiderläuft.» Doch wenn ein Laie einige Zeit in einer Theatergruppe sei, erhalte er automatisch eine Schauspielausbildung, einfach durch die Übung.

So sei das Spielen enorm anspruchsvoller Rollen eher etwas für solche, die schon ein wenig Erfahrung hätten. Die Figur der Claire Zachanassian – die alte Dame, die zu Besuch kommt – sei genau eine solche. «Die Darstellerin muss dieses doppelbödige, zugleich feststellende und etwas anderes meinende Element beherrschen», schwärmt Eggimann von der Protagonistin des Stücks.

Grosser Zeitaufwand

Doch trotz allem bleibe man ein Volks-, ein Laientheater. «Aber genau deshalb berechnen wir für ein Stück neun Monate Probezeit ein. Damit die Spielenden in ihre Rolle hineinwachsen können.» Dieser grosse Zeitaufwand sei indessen auch ein Grund, weshalb sich die Darstellersuche schwierig gestalte. Viele seien nicht bereit, so viel Zeit zu investieren. Für «Der Besuch der alten Dame» seien es insgesamt etwa 60 Proben und 24 Vorstellungen, weiss Ulrich Eggimann.

Und genau eine solche Probe beginnt jetzt. Die Stimmung ist betont locker, und trotzdem, als sich Franziska Oppliger als Claire Zachanassian an die leeren Sitzreihen wendet, läuft es einem kalt den Rücken hinunter.


Premieream 18. November um 20 Uhr im Rüttihubelbad, Walkringen.
Weitere Spieldaten auf www.elb.ch.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 21.10.2016, 09:45 Uhr

Artikel zum Thema

Der Kubus ist nackt

Wo kürzlich noch gespielt und gesungen wurde, übertönen Baumaschinen die leise Wehmut des Abschieds. Seit Donnerstag wird das Theaterprovisorium auf dem Waisenhausplatz abgeräumt. Mehr...

Zu viel Durcheinander in der Villa Danserault

Gut gespielt, aber ein Stück wie eine eierlegende Wollmilchsau. «Villa Danserault» im Theater Matte in Bern vereint so viele Probleme, dass das Mitgefühl knapp wird. Mehr...

Totaler Exzess in Mondtags Malerei

Konzert Theater Bern hat Ersan Mondtags «Die ­Vernichtung» auf die Bühne ­gehievt. Das Mittzwanzigerschlingern zwischen Party und Drang nach Veränderung ist ein Spektakel. Mehr...

Kommentare

Blogs

Schlagerette Aller Anfang ist schwer

Michèle & Friends Drogen konsumieren für Fortgeschrittene

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...