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Weidfrausheil: Wenn Frauen jagen

Zum Jubiläum stellt das Schweizer Museum für Wild und Jagd Frauen als Jägerinnen in den Fokus. Rosmarie Jörg berichtet von ihrer Erfahrung in einem männerdominierten Metier.

Jägerin Rosmarie Jörg und Kurator Andreas Ryser vor einer Wand mit Wildtiertrophäen aus verschiedenen Materialien. Die Köpfe sind Teil der neuen Sonderausstellung auf Schloss Landshut.
Jägerin Rosmarie Jörg und Kurator Andreas Ryser vor einer Wand mit Wildtiertrophäen aus verschiedenen Materialien. Die Köpfe sind Teil der neuen Sonderausstellung auf Schloss Landshut.
Thomas Peter

Die Jagd: ein streitbares Thema in der Gesellschaft. Sie steht oft im Kreuzfeuer gegensätzlicher Ansichten, die einen schiessen oder hetzen dagegen, die anderen hegen für das weidmännische Handwerk durchaus Verständnis oder sind gar passionierte Jäger. Und was, wenn der Jäger eine Frau ist, also eine Jägerin? Ist das anders? Suspekt, weil sie eine Waffe benutzt und tötet?

Rosmarie Jörg aus Kaltacker ist 45 Jahre alt, gelernte Köchin, Hausfrau, Mutter von vier Kindern – und Jägerin. Jeden Herbst geht sie in der Region auf die Niederjagd, die Jagd nach Rehen. Und ja, warum auch nicht? Für sie sei das nie ein Problem gewesen, auch wenn sie manchmal in jagdfremden Gesellschaften irritierte Blicke ernte oder gar auf Ab­lehnung stosse, sobald sie von ihrer Leidenschaft erzähle. Aber oft sorge das Thema auch für ­Gesprächsstoff.

Diskutieren über Klischees

Rosmarie Jörg ist ins Schweizer Museum für Wild und Jagd auf Schloss Landshut in Utzenstorf gekommen, um von ihren Er­fahrungen zu berichten. Denn die aktuelle Sonderausstellung «Lippenstift und Patrone – Frauen erobern die Jagd» befasst sich eben genau mit diesem Thema.

Sie stellt Jägerinnen in den Mittelpunkt, porträtiert jagende Frauen vom Mittelalter bis heute und lädt das Publikum dazu ein, gängige Klischees und das Image der Jagd zu diskutieren. Eröffnet wird sie am kommenden Sonntag, am Muttertag. Heuer ist zudem ein besonderes Jahr: Das Museum ist seit fünfzig Jahren in Landshut daheim. Die Saisoneröffnung ist zugleich eine Jubiläumsfeier.

Doch noch gleicht der Kornhaussaal im Parterre einer Baustelle, die Ausstellung ist noch unvollendet. Einige Infotafeln stehen bereits, an einer Wand hängen Köpfe von Wildtieren aus verschiedenen Materialien.

Rosmarie Jörg betrachtet sie. Vor neunzehn Jahren habe sie die Jagdprüfung abgelegt, erzählt sie. Damals seien sie nur vier Jung­jägerinnen im Kanton Bern gewesen, heute liege der Frauen­anteil bei den Prüflingen bei gut 20 Prozent. Im Jagd- und Wildschutzverein Region Burgdorf seien von den 160 Mitgliedern circa 20 Frauen.

Unbeschreibliches Gefühl

Zur Jagd sei sie durch ihren Grossvater gekommen. «Als junges Mädchen war ich fasziniert davon.» Rosmarie Jörg ist auf einem Bauernhof in Heimiswil aufgewachsen. «Das Haus stand auf einer Lichtung, rundherum war Wald. Ich sah vor allem Rehe.»

«Bei einer Frau kommt sofort der Männerchor, sie fragen sich: Kann die schiessen, trifft sie? Und manchmal wissen sie alles besser.»

Jägerin Rosmarie Jörg

Das Jagen habe für sie einfach dazugehört. 1996 habe sie sich entschieden, die damals zwei Jahre dauernde Jagdausbildung zu absolvieren. Im Frühling 1999 bestand sie die Prüfung, und im Herbst ging sie zum ersten Mal ­allein auf die Pirsch.«Es war ein unbeschreibliches Gefühl.»

Im gleichen Jahr sei ihre erste Tochter geboren, ihr Ehemann habe ihr das Baby in den Wald gebracht, damit sie es stillen konnte. «Überhaupt steht mein Mann hinter mir», sagt Jörg. Obwohl er selbst nicht jage. Auf die ihm oft gestellte Frage, ob er auch mit–gehe, habe er mit Augenzwinkern geantwortet: «Ich kümmere mich in dieser Zeit um die Kinder.»

Vorurteile in ihrer Jagdgruppe – alles Männer – habe sie nicht gespürt, sagt die Heimiswilerin. Auch im Burgdorfer Verein sei sie gut aufgenommen worden und auf Akzeptanz gestossen.

Aber, ergänzt Rosmarie Jörg, wenn sie am Schiessstand übe, komme es vor, dass sich die «älteren Herren» um sie versammelten, sie kritisch beobachteten und munkelten. «Bei einer Frau kommt sofort der Männerchor, sie fragen sich: Kann die schiessen, trifft sie? Und manchmal wissen sie alles besser. Dann braucht es einen breiten Rücken.»

Momente der Stille

Sie jage aus Überzeugung und mit Herz, sagt Rosmarie Jörg. Es sei nicht nur die laute Jagd, die Treibjagd mit den Hunden, die sie begeistere, sondern sie schätze vor allem auch das bewusste Erleben der Natur. Frühmorgens auf ihrem Ansitz im Wald ge­niesse sie diese Stille.

Sie nehme das Erwachen der Natur wahr, lausche den Vögeln, horche, beobachte die Umgebung kon­zentriert. Manchmal passiere in den eineinhalb Stunden nichts, aber wenn ein Reh auftauche, sie das Gewehr ansetze, schiesse, dann gebe es diese Momente des Adrenalins.

«Aber Töten ist nur ein kleiner Teil», betont die 45-Jährige. Sobald das Wild erlegt worden sei, sei es wichtig, innezuhalten, des Rehs zu gedenken und ihm als «letzten Bissen» einen Zweig ins Maul zu legen, bevor man die Abschusskontrolle eintrage und die Beute markiere.

1500 Jägerinnen schweizweit

2016 war jeder 155. Schweizer ein Jäger, jede 3538. Schweizerin eine Jägerin. Andreas Ryser vom Naturhistorischen Museum Bern, Kurator des Jagdmuseums, sagt, dass der Anteil der Frauen kontinuierlich steige. Die Ge­sellschaft wandle sich. Unter den circa 30'000 Jagdausübenden in der Schweiz sind 1500 Frauen.

Ryser sagt aber auch, dass Frauen eigentlich seit je gejagt hätten. In den vergangenen Jahrhunderten seien es vor allem Frauen höherer Stände gewesen, die die Jagd als Zeitvertreib sahen. «So war zum Beispiel Kaiserin Sissi eine leidenschaftliche Jägerin.»

Das Jubiläumsfest zur Saison­eröffnung, Sonntag, 13. Mai, 10–17 Uhr. Sonderausstellung, virtuelle Schiessanlage, Luftgewehrstand und Schokokussschleuder für Kinder, Kinderschminken, Musik.11.10 Uhr: Podiumsdiskussion mit Renate König-Fahrni (Schweizer Jägerin 2018–2020), Daniela Jost (Sekretärin Berner Jägerverband) und Carmen Meyenhofer (Ausstellungsmacherin); 12, 13, 14 Uhr: Führungen durch die Sonderausstellung; 12.30, 13.30 Uhr: Führung mit Peter Lüps zu «50 Jahre Schweizer Museum für Wild und Jagd»; 11.45–­13.30 Uhr: Wildsau vom Spiess.

Öffnungszeiten Schloss und Museum: Dienstag bis Samstag 14–17 Uhr, Sonntag 10–17 Uhr. Bis 14. Oktober. Weitere Veranstaltungen: www.schlosslandshut.ch.

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