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Verkehr kurzfristig ausgebremst

Der Gemeinderat hat entschieden: Ab Samstag bis Ende September ist die Schmiedengasse am Wochenende für den motorisierten Verkehr gesperrt. Die Anwohner sind überrascht.

Die Schmiedengasse wird am Wochenende zur Flanierzone: Ab kommendem Samstag «gehört» der Platz allein den Fussgängern.
Die Schmiedengasse wird am Wochenende zur Flanierzone: Ab kommendem Samstag «gehört» der Platz allein den Fussgängern.
Marcel Bieri

Frisch und blühend sollen sie sein, die Sonnenblumen und Rosen. Und damit sie ihren Kunden nicht welke Pflanzen verkaufen muss, holt Sibylle Gosteli diese auch am Samstag frisch vom Händler in ihren Laden.

Die Floristin fährt die Lieferung jeweils vormittags direkt vor ihr Geschäft, das Blumenhandwerk an der Schmiedengasse 23 in Burgdorf. Denn die Blumenkisten können ganz schön schwer sein.

Damit ist jetzt schon an diesem Samstag Schluss. Ab dann wird nämlich die ganze Schmiedengasse bis Ende September an den Wochenenden für den motorisierten Verkehr gesperrt. «Ich habe keine Ahnung, wie ich die Pflanzen jetzt anliefern soll», sagt Sibylle Gosteli.

Zu kurz sei die Zeit dazu gewesen, sich eine andere Lösung zu überlegen oder gar etwas zu organisieren. Denn offiziell teilte der Gemeinderat erst am Dienstag mit, dass sich das Verkehrsregime bereits Ende Woche ändern wird. «Für mich hat die neue Regelung nur Nachteile», sagt Gosteli. Dass es mehr Laufkundschaft gebe, glaubt die Floristin nicht.

Nicht der erste Pilotversuch

Doch genau mit diesem Argument verkauft der Gemeinderat die verkehrsfreie Gasse in seinem Communiqué: «Eine komplette Schliessung der Schmiedengasse am Wochenende für den motorisierten Verkehr kann die Attraktivität der Oberstadt für die Nutzung durch die Öffentlichkeit verbessern.»

Gerade auch im Hinblick auf die zusätzlichen Altstadtbesucher, welche sich der Gemeinderat durch den Umbau des Schlosses und die Eröffnung der Jugendherberge erhofft, «soll die Attraktivität der Altstadt bereits heute weiter gefördert und entwickelt werden».

Im Dezember 1990 wurde die Schmiedengasse vom motorisierten Verkehr dominiert. Kurz darauf wurde ein Fahrverbot erlassen. Bild: Guido Pelli
Im Dezember 1990 wurde die Schmiedengasse vom motorisierten Verkehr dominiert. Kurz darauf wurde ein Fahrverbot erlassen. Bild: Guido Pelli

Mit dem Ziel, die Oberstadt zu beleben und das Lädelisterben zu stoppen, sind in den letzten Jahren immer mal wieder Gemeinderäte mit Verkehrsregimever­suchen angetreten.

Das letzte ­Pilotprojekt wurde Ende 2014 definitiv eingeführt: ein Nachtfahrverbot für den motorisierten Individualverkehr auf der Schmiedengasse von 17 bis 6 Uhr sowie eine komplette Sperrung während der Marktzeiten an Donnerstag und Samstag.

«Das heute gültige Sommerverkehrsregime in der Oberstadt von Burgdorf wurde in enger Zusammenarbeit mit allen Betroffenen erarbeitet», hält der Burgdorfer Gemeinderat in seinem Schreiben fest.

Altstadtleist übt Kritik

Dass er von dieser Zusammenarbeit bei dem am kommenden Samstag beginnenden Versuchsbetrieb in der Schmiedengasse abgesehen hat, kommt bei etlichen Anwohnern nicht gut an. Namentlich der Vorstand des Altstadtleists, einer Vereinigung mit gegen 200 Mitgliedern, kritisiert das Vorgehen.

Der Initiant des Verkehrsversuchs, Gemeinderat Francesco Rappa (BDP), habe sein Anliegen der Exekutive unterbreitet, ohne den Altstadtleist «vorgängig darüber informiert zu haben».

Der Leist sei nicht nur dazu da, Feste zu organisieren, sondern möchte auch bei verkehrstechnischen, wirtschaftlichen, baulichen und anderen politischen Fragen mitreden. Und dies erst recht dann, «wenn ein grosser Teil seiner Mitglieder direkt davon betroffen ist», hält Johannes Hofstetter, Präsident des Altstadtleists, in einer Medienmitteilung fest.

Von der Kritik dieser Vereinigung zeigt sich Rappa «erstaunt». Denn als langjähriges Mitglied des Altstadtleists, Bewohner der Oberstadt und als Konsument kenne er die Wünsche und Sorgen der Bewohner dieses Stadtteils. Komme dazu, so Rappa, dass es sich erst einmal um einen Versuchsbetrieb handle.

Grosser Zeitdruck

Bleibt die Frage: Weshalb hat der Gesamtgemeinderat die Bewohner der Schmiedengasse erst vier Tage vor der Inkraftsetzung des neuen Verkehrsregimes offiziell ins Bild gesetzt?

Theophil Bucher (Grüne), der im Gemeinderat für das Ressort Hochbau und Umwelt verantwortlich ist, führt den grossen Zeitdruck ins Feld. Die Idee, die Schmiedengasse von Freitagabend bis Montag frühmorgens für den motorisierten Verkehr gänzlich zu sperren, habe der Gemeinderat erstmals Ende Mai diskutiert.

Dann hätten Gespräche mit der Busland AG stattgefunden, weil deren Busse als Folge der Strassensperrung über die Grabenstrasse ausweichen müssten. Die Busland habe sich ausführlich zum Begehren der Stadt geäussert, «doch nun besteht Konsens zwischen uns», betont Bucher.

Nicht im Detail befragt worden seien dagegen die Anwohner, denn der Versuchsbetrieb könne vom Gemeinderat in eigener Kompetenz entschieden werden. Theophil Bucher ist allerdings überzeugt, «dass die Emotionen jetzt höher gehen, als sie eigentlich müssten».

Tatsächlich können einige Geschäfts- und Restaurantinhaber mit der Sperrung der Gasse an den kommenden Wochenenden gut leben. «Wir werden an den Samstagen bestimmt ein paar Tischli auf die Strasse stellen, das zieht die Gäste an», sagt Marc Oppliger von der Kaffeebar OSO.

Probleme mit der Warenanlieferung hat er keine. «Wir können von der Grabenstrasse her zufahren», sagt er. Auf mehr Laufkundschaft hofft auch Elsbeth Greisler vom gleichnamigen Optikergeschäft: «Wenn mehr Leute hier flanieren, ist das sicher gut für unser Geschäft.»

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